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Kommentar:Außer Atem

Stallknecht, Michael

Der Südwestfunk hat aus Kostengründen seine bisher zwei Orchester zwangsvereinigt. Jetzt spielte dieses neue Ensemble sein erstes Konzert.

Es wirkte fast wie Selbstironie, dass das erste Konzert des neuen Orchesters des Südwestrundfunks (SWR), das durch die Fusion zweier Vorgängerensembles geschaffen wurde, mit Ausschnitten aus der Oper "L'Amour de loin" von Kaija Saariaho begann. Denn nichts anderes als eine "Liebe aus der Ferne" ist diese jetzt vollzogene Zwangsvereinigung des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR. Im Jahr 2000 hatten die Baden-Baden / Freiburger "L'Amour de loin" bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Es war eine der vielen Heldentaten eines Orchesters, das sich wie kein anderes für die Musik der Moderne eingesetzt hatte.

SWR-Intendant Peter Boudgoust aber hat die Fusion gegen alle Widerstände durchgedrückt. Geld dürfte das neue Orchester erst einmal kaum einsparen. Denn Boudgoust hat eine Nichtkündigungsgarantie an die Musiker ausgesprochen, die angestrebte Planstellenzahl soll durch Pensionierungen erreicht werden. Auch die Zahl der Konzerte in Stuttgart wie in Freiburg soll gleich bleiben.

Man konnte das erste Konzert am Donnerstag in Stuttgart als ein Statement begreifen, dass sich der Sender auch mit seinem neuen Orchester weiterhin für die Moderne engagieren will. Auf dem Programm standen ausschließlich Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert, es dirigierte Peter Eötvös, einer der erfolgreichsten Gegenwartskomponisten. In dieser Saison sind dreizehn weitere Uraufführungen geplant, auch in Donaueschingen, beim berühmtesten aller Neue-Musik-Festivals.

Warum diese Fusion ein Problem ist, war in Stuttgart deutlich zu hören: Besonders homogen klingt das neue Orchester nicht, das Klangbild ist auffallend neutral. Zwar spielen die einzelnen Orchestergruppen äußerst präzise. Doch es mangelt an der Abstimmung, Streicher und Bläser scheinen noch kaum aufeinander zu hören. Wichtiger als die Präzision ist in einem Orchester das Vertrauen zu den Kollegen und in ein gemeinsames Klangideal. Das wächst über die Jahre. In diesem Orchester aber können sich die Musiker nur auf Dirigent Eötvös verlassen, der deshalb übergenau taktiert. Aber noch atmen sie nicht miteinander. Also klingt Béla Bartóks "Der wunderbare Mandarin" mehr gefesselt als entfesselt, und das Adagio aus Gustav Mahlers Zehnter Symphonie hoppelt von einer Phrase zur nächsten.

Das mag zu Teilen der Nervosität dieses ersten Auftritts geschuldet sein. Aber es wird nichts bringen, in Zukunft ständig in den alten Wunden zu bohren. Das haben auch die Musiker, die keinerlei Schuld an dieser Fusion trifft, nicht verdient. Aber der Weg zum neuen SWR-Superorchester, als das Boudgoust die Fusion verkauft hat, könnte ein weiter sein.