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Königliches Geheimnis:Marie-Antoinettes Liebesbriefe

Porträt Marie Antoinettes, vermutlich von Jean-Baptiste-André Gautier-Dagoty, um 1775 (Musée Antoine-Lécuyer, Saint-Quentin)

Porträt Marie Antoinettes, vermutlich von Jean-Baptiste-André Gautier-Dagoty, um 1775 (Musée Antoine-Lécuyer, Saint-Quentin)

(Foto: gemeinfrei)

Schon lange vor der Französischen Revolution war Marie-Antoinette - die "Österreicherin", die "Intrigantin", die "Hure" - im Königreich mehr Spottfigur für Pamphlete als eine menschliche Person. Man dichtete ihr zahlreiche Liebhaber und Komplizen an. Zu den wirklichen Vertrauten der Königin gehörte indessen der schwedische Graf Hans Axel von Fersen. Bis zuletzt blieb er ihr nahe und organisierte den missglückten Fluchtversuch des Königspaars im Juni 1791, der in Varennes endete. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. und seiner Gattin war er für sein eigenes Land diplomatisch tätig, bis er selber brutal getötet wurde.

Als 1877 ein schwedischer Baron namens Rudolf Maurits von Klinckoström einen Briefwechsel zwischen seinem Großonkel Fersen und Marie-Antoinette veröffentlichte, begann ein neues Mutmaßen. Manche Stellen der Briefe waren im Nachhinein geschwärzt worden. Von wem? Warum? Welcher Art waren Fersens Beziehungen zur Königin? Immerhin hatte er noch im Februar 1792 inkognito eine ganze Nacht bei der gefangenen Königsfamilie im Tuilerienschloss verbracht. War Ludwig XVI. dabei anwesend?

Das Rätsel hat nun teilweise eine Auflösung gefunden. Ein junges Forscherteam unter Leitung von Fabien Pottier hat ein Verfahren entwickelt, um die geschwärzten Briefstellen lesbar zu machen. Dass Tinte je nach Epoche und Ort unterschiedliche Mischungen von Kupfer und Zink enthielt und man durch Scannen der Überschreibungen die unterschiedlichen Textschichten sichtbar machen kann, ist nicht neu. Die Forscher haben diese Technik mit einem Computerprogramm kombiniert, das das Entziffern erleichtert. Und die Vermutung bestätigt sich, der Graf scheint der Königin tatsächlich sehr nahe gestanden zu haben. Wilde erotische Anspielungen kamen zwar keine zum Vorschein, immerhin aber Sätze wie "Ich liebe Sie bis zum Wahnsinn". Wer hat das nachträglich geschwärzt? Offenbar Hans Axel von Fersen selbst, wohl gleich nach Erhalt der Briefe, aus Angst, sie könnten in fremde Hände geraten und die Situation der Königin weiter kompromittieren. Der bisher als kühl geltende Graf erscheint dadurch zugänglicher und die Königin etwas menschlicher.

© SZ vom 06.06.2020

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