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Kölner Möbelmesse:Botschaft in Signalgelb

Auf der diesjährigen Kölner Möbelmesse zeigt sich die Szene etwas verhalten und präsentiert nur wenige Neuheiten - diese jedoch glänzen dafür umso heller. Ein Rundgang.

Es gibt einen simplen Praxistest, mit dem sich die Stimmung in der Branche einschätzen lässt. Dazu muss man nur auf der Möbelmesse an den Stand eines beliebigen, mittelständischen Herstellers treten und sich die Neuheiten zeigen lassen (meistens: flotter Couchtisch, ein wieder aufgelegter Klassiker und dazu noch irgendwas, das es jetzt in der Farbe Signalgelb gibt). Nach etwa fünf Minuten sollte man sich als Journalist outen. Je unverhohlener der Hersteller dann enttäuscht ist, desto schlechter steht es um die Auftragslage. Auf der diesjährigen Kölner Möbelmesse, so erschien es zumindest in den ersten Tagen, waren in diesem Sinne dreimal mehr Medienvertreter, Insta-Lifestyle-Blogger und andere Bildschleuderer unterwegs als Einkäufer - und die Stimmung entsprechend verhalten.

Stand: Das Haus, by MUT Design, Pure Editions, Halle 3.1

„Das Haus“ von dem spanischen Duo MUT zeigt Architektur, die sich nach außen öffnet, während in der Mitte ein Patio zum Kraft tanken bleibt.

(Foto: imm Cologne)

Im Jahr nach dem großen Bauhausgeburtstag wirkten jedenfalls alle ein bisschen verkatert. Einige der taktangebenden Marken waren gar nicht erst nach Köln gekommen. Viele andere hatten nur sehr dosiert Neuigkeiten im Gepäck. Die Tendenz, hier eine ähnliche Rotationsgeschwindigkeit wie in der Modewelt zu imitieren, scheint also gestoppt. Gut so, denn das lässt interessanten Entwürfen mehr Platz und Zeit zu glänzen. In diese Kategorie ist sicher eine Arbeit zu zählen, die der Münchner Designer Stefan Diez mit dem wiederbelebten Klassikleuchten-Hersteller Midgard vorstellte: lenkbares Licht, das ganz ohne jene Scharniere auskommt, mit denen die Midgardleuchten seit 100 Jahren punkten. Diez spannt stattdessen das Lampenkabel so unter einen dünnen Fiberglasbogen, dass die LED-Leuchtquelle die unterschiedlichsten Höhen und dank verstellbaren Schirms auch einen 360-Grad-Abstrahlwinkel erreichen kann. Eine echte Lichtparabel, die der Besitzer selbst immer wieder neu spannt.

Midgard Ayno

Die Stehleuchte „Ayno“ von Stefan Diez für Midgard wird dank Kabelspannung in Position gehalten.

(Foto: JENNER-EGBERTS Foto+Film/ Midgard)

Es ist bezeichnend, dass dieser Prototyp an einem der kleinsten Stände der Messe und im Keller zu sehen war. Die großen oben bedienten weiterhin und etwas flügellahm die Hauptthemen, mit denen heute das verknüpft ist, was der Architekt Hans Scharoun einst den "Wohnvorgang" nannte. Einerseits möglichst ballastfreies Leben in "small spaces". Hierfür ist naturgemäß eine zurückhaltende Designsprache notwendig, außerdem wird viel Wert auf Multifunktionalität der Möbel gelegt. Was heute noch Platz in den beengten Räumen beansprucht, muss sein Dasein mehrfach rechtfertigen. So kann es auch geschehen, dass ein Hersteller wie Schönbuch - aus dem hintersten Franken und Experte für Diele und Garderobe - zum umschwärmten Fixpunkt wird. Wer schon immer raffiniert kleinste Grundrisse einrichtete, hat in Zeiten akuter Raumknappheit eben einen echten Wissensvorsprung.

New Tendency Imm 2020

New Tendency setzen Möbel dosiert und mit strenger Formensprache ein.

(Foto: New Tendency)

Auch die jährlichen berufenen Ehrengäste der Messe beschäftigten sich mit einer Abrüstung der eigenen vier Wände. Die Vision, nach der das spanische Duo MUT die Ausstellungsfläche "Das Haus" kuratierte, hinterlässt aber Eindruck. Der Grundriss des Pavillons wirkt, als hätten die Architekten ihn nach Art einer Hosentasche umgekrempelt - das Innerste liegt dabei auf einmal außen. Ohne Grenze diffundieren an den Rändern also Bad, Küche und Schlafraum ins Offene, während der Mittelpunkt des Hauses leer bleibt und beinahe sakral wirkt. Natürlich, ein fließender Übergang von drinnen nach draußen lässt sich in Valencia leichter denken als in Köln-Deutz. Die hier vorgenommene Neubewertung von Privatsphäre und das Nachdenken über Wohnprioritäten auf engem Raum sind aber absolut zeitgemäß.

Knallige Farbpointen trotzen auch einem minimalistischen Interieur einen gewissen Witz ab

Der andere Großtrend läuft dem Platzsparen freilich zuwider - im Rahmen der anhaltenden Neo-Décadence wird versucht, Sinnlichkeit und Lebensfreude in die eigenen vier Wände zu bringen und den Wert von Handarbeit wieder begreifbar zu machen. Schönes Beispiel dafür ist die exklusive Meisterstück-Serie, mit der das schwäbische Unternehmen Kettnaker seinen 150. Geburtstag begeht - Sideboards und Kommoden mit herrlichem Intarsienfurnier und schwarzer Schattenfuge an der Korpuskante, gefertigt in handwerklicher Präzision. Moderne Kabinettstücke für eine Klientel, die sich haptisch und optisch nach mehr Gediegenheit sehnt. 110 Jahre nach Adolf Loos' Vortrag "Ornament und Verbrechen", von dem sich die Deutschen immer in ganz besonderer Weise angesprochen fühlten, sind Ornamente im Wohnbereich jedenfalls wieder so zulässig wie nie. Sie wirken dort ebenso erfrischend wie die opulenten Teppiche des Bochumers Jan Kath. Oder wie die knalligen Farbpointen, die an vielen Ständen zu sehen waren und die auch minimalistischen Interieurs einen gewissen Witz abtrotzen - Fluo-Orange, besagtes Signalgelb oder Pantone-Blau bewirken in Köln zuverlässig, was viele aktuelle Sortimente sonst nicht schaffen würde - sie machen wach.

© SZ vom 16.01.2020
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