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"Knockemstiff" von Donald Ray Pollock:Selbstverständliches Faustrecht

Donald Ray Pollock, Knockemstiff

Donald Ray Pollocks Debütroman erzählt von der Kleinstadt Knockemstiff im US-Bundesstaat Ohio. (Symbolbild)

(Foto: Michael Reynolds/dpa)

Donald Ray Pollocks episodischer Debütroman "Knockemstiff" ist die drastische Antwort auf Sherwood Andersons Kleinstadt-Klassiker "Winesburg, Ohio". Er erzählt aus einer weltlichen Hölle voller Dreck, Inzest und Gewalt.

Von Christoph Schröder

Eines Tages hält ein Cadillac mit kalifornischem Kennzeichen in Knockemstiff, Ohio, und es verhält sich damit in etwa so, als sei ein Ufo gelandet. Aus dem Wagen steigen ein Mann in einer sauberen grauen Hose und einem weißen Hemd und eine Frau, die auch ganz anders aussieht als alle sonst hier, geschminkt und manikürt. "Hier ist ja nicht viel los", sagt der Mann und da hat er Recht. Irgendwann kommt die obligatorische Frage an den Mann von der Tankstelle, der da steht und wenig zu reden weiß, weil es nichts zu sagen gibt: Was es denn mit dem Ortsnamen auf sich habe. Und wieder erzählt der Tankwart die Geschichte, und noch nicht einmal diese Legende hat eine Pointe. Kurze Zeit später ist der Cadillac verschwunden. Knockemstiff ist wieder so, wie es vorher war: grauenhaft.

Es gibt ihn wirklich, diesen Ort in Ohio. Die nächste etwas größere Stadt kennt man selbstverständlich auch nicht, sie heißt Chillicothe. "Alle Amerikaner stammen aus Ohio, wenn auch nur kurz", hat die 1965 verstorbene Schriftstellerin Dawn Powell einmal geschrieben, und Donald Ray Pollock hat seinem Buch diesen Satz als Motto vorangestellt. Wenn es so wäre, wäre es eine Tragödie. Pollock, geboren 1954, ist in Knockemstiff aufgewachsen. Er hat die Highschool abgebrochen und dann mehr als dreißig Jahre lang in einer Papiermühle gearbeitet. In Abendkursen holte er seinen Schulabschluss nach und begann zu schreiben. Pollock hat es aus Knockemstiff herausgeschafft, er lebt heute in Chillicothe.

Schon auf den ersten Seiten von Pollocks literarischem Debüt, das in den USA hochgelobt wurde, wird deutlich, dass wir uns in einer dunklen, archaischen Welt bewegen, in der die Menschen in die Selbstverständlichkeit des Faustrechts hineingeboren werden. Die dumpfe Gewalt, die hier regiert, erinnert an die frühen Romane eines Cormac McCarthy; die Folie, vor der Pollock erzählt, dürfte Sherwood Andersons Episodenroman "Winesburg, Ohio" sein, in dem die Lebensläufe der Bewohner einer Kleinstadt in verschiedenen, sich überkreuzenden Strängen erzählt werden. Andersons Buch allerdings erschien 1919, seitdem ist die Welt eine andere geworden, und Pollock hält sich nicht lange mit subtilen Schilderungen von Seelennöten und Gewissenskonflikten auf.

Kurze Momente emotionaler Regungen

Wie die Bewusstseinslage der Menschen strukturiert ist, zeigt sich gleich in der ersten der insgesamt 18 Geschichten: Da fährt ein Familienvater mit seinem Sohn Bobby und seiner Frau ins Autokino. An der Pissrinne schlägt er nach einem Wortgefecht einen anderen Mann brutal zusammen, zwingt seinen Sohn, den Sohn seines Gegners ebenso zu behandeln, packt die Familie ins Auto, fährt nach Hause und hat dort noch halb einvernehmlichen Sex mit seiner Frau. Ein Tag im Leben des durchschnittlichen Knockemstiffers. So ist alles hier. Sex, Gewalt und Menschenverachtung bilden eine untrennbare Gemeinschaft. Inzest, Drogen aller Art und selbstverständlich Alkohol sind die Regel.

Das Problem einer solchen Art von Prosa liegt auf der Hand: Wo die Kontraste fehlen, verliert der Schrecken seine Wucht. Dieser Gefahr begegnet Pollock, indem er wenigen Figuren, beinahe unmerklich, kurze Momente emotionaler Regungen gestattet. Wer die verpasst, wird "Knockemstiff" als einen einzigen, sich über Jahrzehnte hinziehenden Brutalitätsexzess lesen. Ganz am Ende gestattet uns Pollock einen Blick von außen: Jener Bobby aus der ersten Geschichte, mittlerweile trockener Alkoholiker, kommt zu Besuch zu seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder. "Ich war", stellt er fest, "hier aufgewachsen, aber es hatte sich nie wie zu Hause angefühlt." Das ist in diesem Fall ein großes Glück.

© SZ vom 15.07.2013/mkoh
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