Kleist-Preis für Max Goldt Der Seitlich-Vorbei-Geher

Lieber nicht in der U-Bahn lesen: Seine Werke sind klug und klar, unaufdringlich moralisch - und vor allem das Witzigste, was die deutsche Literatur zu bieten hat. Eine Lobrede auf Max Goldt.

Von Daniel Kehlmann

Das wird eine langweilige Rede. Nein, keine Koketterie, ich bitte Sie diese Ankündigung ernst zu nehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig! Soll ich versuchen, witzig zu sein in Anwesenheit von Max Goldt? Soll ich Sie mit eigenen Pointen traktieren, während Sie mit höflichem Lächeln darauf warten, dass ich endlich das Podium freigebe und ihn herauflasse?

"Titanic"-Kolumnist und Schriftsteller Max Goldt.

(Foto: Foto: dpa)

Bieten könnte ich natürlich eine Ansprache voller Zitate: die originellsten, klügsten und komischsten Stellen aus dem Goldt'schen Werk, locker verbunden durch einigermaßen elegante Überleitungen.

Das würde ich schon hinkriegen, sofort herrschte Heiterkeit, man wäre gespannt, man hinge an meinen Lippen, das haben Goldts Sätze so an sich.

Aber Goldt zu loben, nicht ihn zu bestehlen bin ich hier, und darum sehen Sie mich wildentschlossen zu Ernst und Analyse. Schiller wird zitiert, Petronius erwähnt werden, von Thomas Mann und Laurence Sterne, von Karl Kraus und P. G. Wodehouse wird die Rede sein, und beim Heimweg werden Sie sagen: "Ein bisschen langweilig war es, und mein Gott, all die Namen, aber er hat sich im-merhin Mühe gegeben!"

Indiz für Mittelmäßigkeit

Auch vom Lachen werde ich sprechen müssen. Ich weiß, das ist heikel, und ich wage es kaum, jetzt in Max Goldts Richtung zu blicken. Er hört dieses Wort gar nicht gerne, es macht ihn ärgerlich, wenn man ihn einen Humoristen nennt, und er hat ja auch recht: Zu oft gilt, in Deutschland, aber auch anderswo, der Umstand, dass etwas lachen macht, als Indiz für eine gewisse Mittellage des ästhetischen Wertes.

Große Kunst, so nehmen nicht ganz urteilsfeste Menschen an, solle trist sein, bedächtig, schwerfällig, und man müsse ihr noch Mühe, Last und Qual der Produktion anmerken; am besten solle sie noch wortreich beklagen, dass sie gar nicht imstande sei, die Wirklichkeit in Worte zu fassen. Max Goldt aber ist dazu imstande - muss man ihm das zum Vorwurf machen?

Gelächter, hat er einmal gesagt, sei das am leichtesten zu erzeugende Geräusch, und das stimmt natürlich - aber nur für ihn. Zu erwähnen, dass man bei der Lektüre seiner Bücher so lange und laut lachen kann, dass ausdrücklich davon abzuraten ist, diese im öffentlichen Raum zu unternehmen, kann im Land der traurigen Dichter schon als Abwertung verstanden werden; und nichts wäre gegenüber diesen Wunderwerken an Subtilität, diesen Spiegelkabinetten von Eleganz, Klugheit und feindosiertem Wahnsinn verfehlter.

Inzwischen hat sich immerhin herumgesprochen, dass es sich bei Goldt um einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart handelt, doch ganz dreist möchte ich hinzufügen, dass er darüber hinaus der vielleicht witzigste ist, der je in dieser Sprache geschrieben hat. Ich weiß, Superlative fordern Widerspruch heraus, aber versuchen Sie es nur, viele andere werden Sie mir nicht nennen können!

Die deutsche Sprache als Hauptdarsteller

Und auch im großen Zusammenhang fällt mir außer dem exzentrischen Genie P. G. Wodehouse keiner ein, der sich an komischer Kraft mit ihm vergleichen lässt. Goldt und Wodehouse haben gemeinsam, dass es bei ihnen keine oberflächlichen Scherze gibt, dass es die Sprache selbst ist, aus deren Tiefen die Komik aufsteigt und dass sie aus diesem Grund auch beide kaum übersetzbar sind.

Aber während Wodehouses inhaltlich doch streng konventionelle Romane keine Rätsel aufgeben, stellt einen der Versuch, das Werk Max Goldts zu analysieren, vor echte Probleme. Will man sich seinen Texten, die man übrigens ebenso wenig Kolumnen nennen sollte wie jene von Karl Kraus Zeitungsartikel, wirklich stellen, will man erklären, was sie ausmacht und wie sie funktionieren, so kommt man rasch ins Stottern.

Denn Goldts Literatur ist emphatisch nichtnarrativ. Da bewegen sich keine Charaktere, sondern Gedanken, es gibt keine Handlung, und meist sind da keine anderen Hauptdarsteller als die deutsche Sprache und die frei flottierende Aufmerksamkeit des Autors. Es liegt nahe, dies ein Prinzip der Abschweifungen im Sterne'schen Sinn zu nennen, aber das stimmt nicht recht: Abschweifen kann man nur von einem Hauptthema, zu dem man zurückzukehren plant, und bei Goldt liegt von vorneherein weder dieses Thema, noch auch nur ein solcher Plan vor.

Journalisten nennen ihn gerne einen - verzeihen Sie, Herr Goldt, aber das Wort muss fallen - "Alltagsbeobachter", und diese Formulierung verrät in ihrer Hilflosigkeit doch viel über das literarische Projekt Goldts: Beobachter, das soll heißen, dass er genau hinsieht auf Dinge, die wir auch sehen könnten, wenn wir nur ein wenig aufmerksamer wären, etwas klüger, ein bisschen begabter, das Seltsame und im eigentlichen Wortsinn Bemerkenswerte zu erkennen, das uns umgibt.

Kein Händeschütteln mit Bild

Aber wie er eben kein Abschweifer ist, sondern ein Vertreter denkender Offenheit, so ist er auch kein Beobachter, denn das Bestimmende an ihm ist seine Unzudringlichkeit; er späht Dingen und Leuten nicht nach, er ermächtigt sich ihrer nicht, er ist bloß wie zufällig in der Nähe und nimmt wahr, er geht, wie sein eigener Buchtitel es formuliert, seitlich vorbei.

Und Alltag - das bedeutet nur, dass sein Thema alles, dass bei ihm nichts von vorneherein ausgeschlossen ist. Nichts ist zu nebensächlich und klein, aber auch nichts zu groß, um Gegenstand seiner milden Aufmerksamkeit und scharfen Intelligenz zu werden.

Apropos Intelligenz: Max Goldts Texte haben die fürs literarische Gelingen keinesfalls notwendige, aber für das Dasein des Lesers sehr hilfreiche Eigenschaft, dass seine Urteile in praktisch allen Fällen stimmen. Seinetwegen achte ich streng darauf, niemals zu früh am Ort der Einladung zu erscheinen, seinetwegen denke ich gar nicht daran, mich bei Vorstellungen welcher Art immer in die erste Reihe zu setzen, und seinetwegen würde ich Mitarbeitern der Bild-Zeitung nur die Hand geben, wenn ich es gar nicht vermeiden kann. Und ich weiß, dass es vielen so geht.

Lesen Sie auf Seite 2, was einen wahren Satiriker - wie Max Goldt - ausmacht.

Preisung der grotesken Dame

mehr...