Kleist-Edition:Ein trauriges Ende

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Die 2010 allseits begrüßte Kleist-Ausgabe des Hanser- Verlags erwies sich zwei Jahre später als fehlerhaft. Hanser kündigte eine revidierte Ausgabe an - und teilt nun mit, dass es die nicht geben wird. Wie ist es zu diesem Desaster gekommen?

Von Klaus Müller-Salget

Die im Jahre 2010 im Verlag Carl Hanser publizierte sogenannte Münchner Kleist-Ausgabe ist damals von allen Rezensenten sehr positiv bis euphorisch besprochen worden. Diese breite Zustimmung verdankte sich vor allem dem Glauben, die auf der angesehenen Brandenburger Kleist-Ausgabe fußende und von denselben Herausgebern verantwortete Edition gebe als erste Leseausgabe sämtliche Texte Heinrich von Kleists völlig authentisch, in der originalen Orthografie und Interpunktion, also ohne jeden Eingriff wieder. Im Jahre 2012 stellte sich dann heraus, dass genau diese Annahme irrig war, dass die Texte, wenn auch in unterschiedlicher Dichte, eine Unzahl von Fehlern aufweisen. Im "Zerbrochnen Krug" fehlen nicht nur 21 Ausrufezeichen, sondern ganze Verse; in den Brieftexten findet sich, wie Günter Dunz-Wolff bei der Arbeit an seiner digitalen Edition feststellen musste, Fehler über Fehler, von "Normalisierungen" und Auslassungen über syntaktische Verdrehungen ("im Winter über mit einem Heere das Eis") bis hin zu klaren Fehllesungen ("Bildung" wurde zu "Bedeutung", "beobachtet" zu "betrachtet" usw.), die zum Teil schon grotesk anmuten (aus "Göttern" wurden "Gärten", aus "schlüge dich" wurde "schließlich" u. a.). Das Problem bestand offenbar darin, die Brieftexte, die in der Brandenburger Ausgabe mit den originalen Streichungen, Korrekturen über der Zeile usw. diplomatisch getreu wiedergegeben werden, in Fließtexte (Reinschriften sozusagen) zu überführen; dabei ist offensichtlich dilettantisch, übereilt und ungenau verfahren worden. Die Wiedergabe der von Kleist mehrfach korrigierten handschriftlichen Entwürfe "Die Familie Thierrez" und "Über die Rettung von Österreich" in der Münchner Ausgabe ist indiskutabel und erweckt den Eindruck, sie seien im Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit verfasst worden. Ob die Fehler in jenen Texten, die bereits in der Brandenburger Ausgabe als Fließtext gedruckt waren (in den Erzählungen zum Beispiel), auf "Konvertierungsprobleme älterer Textverarbeitungsdateien" zurückzuführen sind, wie der Verlag mitteilte, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist ganz unzureichend Korrektur gelesen worden.

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