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"Klee Wyck - Die, die lacht":Mückenwolken, Totempfähle

Kein Mann hat diese Welt je so beschrieben: Emily Carrs historische Reisen zu den kanadischen Indianern.

Von Tobias Lehmkuhl

In Ucluelet, einem Indianerdorf an der kanadischen Pazifikküste, hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts die Einteilung der Woche in sieben Tage noch nicht so richtig durchgesetzt. Nur die beiden Missionarinnen, denen die Malerin Emily Carr dort begegnet, halten den Sonntag in hohen Ehren. Am Sonntag nämlich pflegen sie ihre Unterwäsche zu wechseln.

So fragt man sich schon in der ersten Geschichte des erstmals übersetzten Bandes "Klee Wyck - Die, die lacht", wie anders ein Mann diese Welt am Rande der Zivilisation erlebt hätte, wie viel weniger auch er erfahren hätte vom Leben der Indianer und speziell der Indianerinnen.

Emily Carr war allerdings nicht als Ethnologin unterwegs, und auch der Begriff "Reportagen", der auf dem Cover steht, leitet fehl. Emily war vor allem interessiert an den Totempfählen der Indianer. Um diese zu zeichnen, reiste sie in entfernte, teils verlassene Dörfer, um zu zeichnen, und um die "bittersüße, überwältigende Einsamkeit" jener Orte zu erfahren.

Atmosphärisch dicht beschreibt sie die tagelangen Regenfälle, vor denen man sich in den verfallenden Hütten kaum schützen kann, die Wolken von Mücken, die einen nach dem Regen wie Staub umgeben, eine Welt, in der die Zeit zerfallen scheint, in der Stunden, Tage, Jahre nicht zählen.

Geschrieben hat Emily Carr ihre im Original erstmals 1941 erschienenen Geschichten erst Jahrzehnte nach ihren Reisen zu den Indianern. Aber auch als Malerin und Professorin in Vancouver besucht sie immer wieder Frauen der, wie es heute heißt, "First Nations". Sie erlebt, wie die extrem hohe Kindersterblichkeit viel Leid bereitet, und wie die, die mehr Glück haben, jenen, die schon acht oder neun Kinder verloren haben, ein oder zwei der eigenen abgeben - und an dieser Gabe selbst fast zugrunde gehen.

Emily Carrs Indianerwelt ist keine der Jagd und der großen Reitkünste, des Kampfes großer Krieger. Es ist eine Welt der Kanus, des Regens und der Auflösung. Es ist eine Welt, die kein Mann jemals so zu Gesicht bekommen, geschweige denn beschrieben hat.

Emily Carr: Klee Wyck - Die, die lacht. Übersetzt von Marion Hertle. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020. 176 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 26.09.2020

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