Klassikkolumne Zauberische Singstimmen

György Kurtág ist 91 Jahre alt, einer der begehrtesten Komponisten derzeit, und seit Jahren schon mit einer Oper beschäftigt, die nun endlich in einem Jahr herauskommt. Wer nicht so lange warten will, wird durch seine CDs getröstet.

Von Wolfgang Schreiber

Die Musik braucht Wunder - zauberische Singstimmen, attraktive Tonaufnahmen, am besten die exquisite Opernnovität. Eine Uraufführung des Jahres? Leider erst für den Herbst 2018 kündigt die Mailänder Scala die seit langem erwartete Beckett-Oper "Fin de partie" von György Kurtág an, dem mittlerweile 91-jährigen großen ungarischen Komponisten.

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Nur rund 50 Werke hat György Kurtág, der fanatisch Selbstkritische, komponiert. Die radikale Kürzelhaftigkeit und Dichte seiner Musik können verwundern, bestürzen. So auch all jene Werke für Ensemble und Chor, die Reinbert de Leeuw mit dem Asko/Schoenberg Ensemble, dem Niederländischen Radio-Chor und Vokal- und Instrumentalsolisten jetzt auf drei CD's brillant dokumentiert. Kurtágs Kunst der Kompression von Musiksprache und Emotion wirkt so lapidar wie labyrinthisch, weshalb diese Liedzyklen mit ihren äußerst verdichteten Einzelteilen den Hörer zutiefst verunsichern und faszinieren können. Lieder in Pillenform, stets fragil, sind Kurtágs Leidenschaft. Riesenhafte Innenräume bei extremer Außenverknappung führen zu Zerreißspannungen, generieren Spukgestalten. So in den "Trussowa-Liedern" von 1980: Die Miniaturen der Lyrikerin Rimma Dalos werden zu einer Art Musiktheater, das durch Natalia Zagorinskayas bizarre Vokalkünste ins Aberwitzige geführt wird. Dazwischen das abgründig verstummende Ensemblestück "Grabstein für Stephan". Geradezu episch das kryptische, "Samuel Beckett: What is the Word" überschriebene, zwischen Euphorie, Trauer und Aufruhr oszillierende Stück auf Becketts letztes Gedicht. Die Edition ist eine editorische Großtat für einen Komponisten, dessen Blick "gebannt auf die menschliche Seele und die Absurdität des Lebens" gerichtet ist (ECM).

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Sarah Maria Sun heißt die Wunderfrau, die mit ihrer Sopranstimme in den vokal-avantgardistischen Trapeznummern des "modern lied" (so der CD-Titel) Außergewöhnliches erreicht. Bis vor drei Jahren sang sie bei den Neuen Vocalsolisten Stuttgart. Sun ist ein Phänomen der musikalischen Intelligenz, der Gelenkigkeit und Sprungfreude in den Stimmhöhen, der Eleganz in komplexen Sprach- und Tonstrukturen. Die Booklet-Interviews mit den Komponisten Heinz Holliger, Helmut Lachenmann und Bernhard Lang hat sie selbst geführt. Sarah Maria Sun kann mit dem Pianisten Jan Philip Schulze die sehr ungleichen Liedwelten in Lachenmanns "Got Lost" genauso wie in Wolfgang Rihms "Ophelia Sings" kunstfertig veredeln. Salvatore Sciarrinos "Melodien" und György Kurtágs "Requiem für den Geliebten" kommen so virtuos wie feinziseliert (mode).

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Auch Dirigentin Graziella Contratto hat sich ihren Booklet-Text selbst geschrieben - zur Musik Gustav Mahlers und Artur Schnabels. Die Schweizer Pianistin, Autorin und Hochschulprofessorin ist eine eigenwillige, an Dirigentenpulten gestählte und experimentierfreudige Musikerin, die Claudio Abbado 1998 als seine Assistentin nach Berlin und Salzburg berufen hatte. Bis 2013 leitete sie das Davos Festival. Mit der von ihr gegründeten Kammerformation "Mythen Ensemble Orchester" musiziert sie Mahlers Vierte Symphonie in einer von Klaus Simon grandios reduzierten Fassung. Warum Mahler das Stück zunächst "Humoreske" nannte, wird hörbar im "Wechselspiel zwischen Transparenz und Transzendenz" (Contratto), das scharf und hell klingt in den Kontrastfarben von solistischen Holzbläsern, Horn, Streichquintett, Klavier, Akkordeon, zwei Schlagzeugern. Bedächtige Tempi, Phrasierung und virtuoser Glanz sind klug aufeinander abgestimmt. Rachel Harnisch besingt im Finale inständig Mahlers "Himmlisches Leben" und formt die von der Dirigentin orchestrierten fünf Klavierlieder des legendären Pianisten Artur Schnabel. Der vertonte als junger Mann, um 1900 zeitgleich mit Mahlers Vierter, für die Sängerin Therese Beer, seine spätere Frau, in spätromantischer Manier Gedichte von Dehmel, Novalis, George und Eichendorff. Eine schöne Erstaufnahme (claves).

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Polyphonie zum Lutherjahr. Das belgische Huelgas Ensemble Paul van Nevels dringt ins "Ohr der Hugenotten" mit Frankreichs Vokalmusik des 16. Jahrhunderts. Was die unterdrückten Protestanten hören konnten in Psalmenbearbeitungen durch Komponisten wie Jacques Mauduit oder Claude Goudimel, der 1572 in Lyon Opfer der blutigen Bartholomäusnacht wurde, übertragen die Huelgas perfekt in die Gegenwart (deutsche harmonia mundi).