Klassikkolumne Zart atmend

Die interessantesten neuen Alben der klassischen Musik. Diesmal mit Alexander Liebreich, Sebastian Bohren und Gautier Capuçon - sowie der Antwort auf die Frage, welche Komposition man selten so aufsässig interpretiert hört wie von Stéphane Degout.

Von Julia Spinola

Die schillernden Fin-de-Siècle-Zaubereien des polnischen Komponisten Karol Szymanowski wurden in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren allmählich für das Repertoire entdeckt. Sein 1. Violinkonzert bekommt man jedoch immer noch höchst selten zu hören. Das mag auch daran liegen, dass es höllisch schwer zu spielen ist. Bei Alexander Liebreich und seinem Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks liegt der mal kristallin-glitzernde, mal atmend melodiöse Märchenton des einsätzigen Werks von 1916 in berufenen Händen. Betörend spinnt die finnische Geigerin Elina Vähälä mit ihrem sehnig-singenden Ton feine Silberfäden in das üppig wuchernde Klanggespinst mit seinen auratischen Lichtwechseln und Naturimpressionen. Die Kombination mit Alexander Zemlinskys sieben Jahre später entstandener Lyrischer Symphonie, einer Hommage an Mahlers "Lied von der Erde" nach Texten von Rabindranath Tagore, ist reizvoll. Das Orchester fächert auch hier den überbordenden Orchestersatz farbenreich auf, findet aber durch etwas starre Tempi nicht recht zum traumversunkenen, fluiden Ausdruck dieses imaginierten Dramas. An Christoph Eschenbachs Aufnahme mit dem Orchestre de Paris und den Solisten Christine Schäfer und Matthias Goerne reicht die neue Einspielung nicht heran, was auch an den Solisten liegt. Johanna Winkel gestaltet die Sopranpartie mit zwar klarem, aber leicht sprödem Soprantimbre und in Michael Nagys Bariton irritiert ein unkonturiertes Vibrato. (Accentus Music)

Wie zart und atmend gestaltet dagegen Stéphane Degout die sechs Melodien der "Les Nuits d'été" von Hector Berlioz! Angesichts der Kultiviertheit dieser leidenschaftlichen gesanglichen Interpretation ist es nur stimmig, dass der Dirigent Francois-Xavier Roth sich für die eher seltene Besetzung mit einem Bariton entschieden hat. Überhaupt hört man Berlioz auf dieser CD mit Roths Originalklang-Ensemble "Les Siècles" noch einmal mit neuen Ohren. Blasinstrumente des 19. Jahrhunderts und die mit Darmsaiten bespannten Streichinstrumente lassen den Klang beweglicher, kontrastreicher und fragiler wirken als sonst. Das kommt auch der sonst oft heiklen Balance zwischen der obligaten Bratschen-Solopartie und dem Orchester zugute. Tabea Zimmermann erweist sich hier wieder einmal als eine so expressive wie anpassungsfähige Solistin. Das Allegro frenetico des Räuber-Gelages im letzten Satzes hört man selten so aufsässig, so charakteristisch zugespitzt wie in Roths Interpretation. (Harmonia Mundi)

Der 1987 geborene Schweizer Geiger Sebastian Bohren zählt zu den ernsthaften und geradlinigen Musikern seiner Generation. Mit Profilneurosen und interpretatorische Mätzchen kann er nichts anfangen. Er sucht lieber nach dem "wahrhaftigen Ton", wie er jüngst in einem Interview verriet. Schlank und klassizistisch klingt der in Felix Mendelssohns beliebtem Violinkonzert, das in dieser hoch anständigen Musizierhaltung aber auch ein wenig blass bleibt. Auch das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra bleibt Mendelssohn Einiges an Schmelz und Zartheit schuldig. Im Violinkonzert von Benjamin Britten dagegen blüht der Klang dieses Orchesters auf, und auch Sebastian Bohren lässt sich von der dunklen, traumatischen Atmosphäre dieses 1939 im kanadischen Exil vollendeten Werks zu einem eindringlichen Espressivo hinreißen. (Sony Music)

So selbstverliebt die Fotos sein mögen, die den Cellisten Gautier Capuçon auf dem Cover und im Booklet seiner neuen Schumann-CD als weltentrückten Romantiker mit Schulterumhang in Szene setzen - sein Cellospiel hat mit diesem Klischeebild nichts zu tun. Im Gegenteil. Es ist angenehm frei von jeder inszenatorischen Geste. Schumanns Cellokonzert, dieses eigenwillige, exzentrische Stück, das Schumann vollendete, kurz bevor er sich Ende Februar 1854 von einer Brücke in den Rhein stürzte, nimmt in Capuçons verinnerlichter, beinahe abgeklärter Interpretation mit dem Chamber Orchestra of Europe unter Bernhard Haitink einen fast gelösten Ausdruck an. Umso passionierter kann man Capuçon in den Kammermusikwerken Schumanns erleben, die er zwischen 2009 und 2011 mit der Pianistin Martha Argerich beim Lugano Festival gespielt hat: Adagio & Allegro op. 70, 5 Stücke im Volkston op. 102 und die Fantasiestücke op. 73. Für die Fantasiestücke op. 88 gesellt sich als Geiger noch Gautiers Bruder Renault hinzu. Wunderbar lebendige, von musikalischer Geistesverwandtschaft beflügelte Interpretationen sind es allesamt. (Erato)