bedeckt München 20°
vgwortpixel

Klassikkolumne:Von Wang bis Walter

Die Mode- und Klassikikone Yuja Wang überzeugt auch auf CD, ganz ohne die Glamour-Inzenierung ihrer Konzerte. Und der Dirigent Bruno Walter widerlegt auf neu veröffentlichten BBC-Tapes das Vorurteil, ihm habe es an Temperament gefehlt.

Das Auge hört mit, glaubt die chinesische Mode- und Klassikikone Yuja Wang. Und tatsächlich mag es eine große Schar von Fans geben, die Wangs Konzerte nicht nur aus musikalischen Gründen besuchen. Allen anderen dagegen, denen der perfektionistische Klassik-Striptease der Künstlerin eher suspekt ist, bietet nun der CD-Mitschnitt von Wangs Recital im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie im vergangenen Juni Gelegenheit, sich ohne optische Ablenkung ganz aufs Hören zu konzentrieren. Tatsächlich spielt Wang mit einer atemberaubenden Brillanz, Kraft und Technik. Mit welcher muskulösen federnden Attacke sie das Feuer in Rachmaninows beinahe totgespieltem g-Moll-Prélude op. 235 neu entfacht und welchen Irrwitz sie aus dem Finale von Prokofjews 8. Sonate heraushämmert, das hat eine unmittelbare, spontan überwältigende Suggestionskraft. Auch Ligetis Klavier-Etüden poliert und schleift sie mit passender automatenhafter Perfektion, bis sie funkeln. Zwischentöne und Mehrdeutigkeiten sind Wangs Sache nicht, es geht um direkte Verführungskraft - was dann doch wieder zu goldenen High-Heels und tief dekolletierten Mini-Glitzerkleidern passt. (Deutsche Grammophon)

Auf perfektionierten Oberflächenglanz muss man in den historischen Mitschnitten von Konzerten, die der große Bruno Walter 1955 mit dem BBC Symphony Orchestra in London gab, verzichten - was man angesichts der musikalisch überreichen Interpretationen gerne tut. Für Walter hatte Musizieren Bekenntnischarakter. Sein großes Vorbild auch in ethischer Hinsicht war Gustav Mahler, der ihn zu seinem Assistenten machte. Das Vorurteil, der moralisch integre, stets freundlich auftretende Walter sei ein weiser Apolliniker gewesen, dessen Interpretationen es ein wenig an Spannung fehlte, wird durch diese Erstveröffentlichungen wohl ein für alle Mal widerlegt. Von den zahlreichen Bruno-Walter-Aufnahmen der Ersten Symphonie Gustav Mahlers ist diese neu entdeckte zwar die langsamste, zugleich aber in ihrer lastenden Intensität vielleicht die abgründigste. Walter vermeidet jede Spur von Sentimentalität und blickt wie ein Chronist auf das musikalische Geschehen. Fehlendes Temperament ist mit Sicherheit auch das Letzte, was man Walters aufsässig-übermütiger, vor Witz, überschäumender Lebensfreude und Eleganz sprühenden Interpretation der Symphonie Nr. 96 von Haydn nachsagen kann. Was für ein eminenter, aufregender Wagner-Dirigent Walter war, davon zeugt aufs Neue der Mitschnitt von Wagners früher Faust-Ouvertüre. (Ica classics)

Erich Wolfgang Korngolds Oper "Das Wunder der Heliane" war trotz des Einsatzes von Bruno Walter, der das Werk 1928 an den Städtischen Bühne Berlin in Charlottenburg dirigierte, kein Erfolg beschert. Mit dem von den Nationalsozialisten verhängten Aufführungsverbot für Musik jüdischer Komponisten verschwand sie ganz aus dem Repertoire. Die Deutsche Oper Berlin landete vergangene Spielzeit einen Coup mit der Wiederaufführung. An den von Marc Albrechts an der Deutschen Oper kongenial ausgeleuchteten Beziehungszauber dieser hypertrophen, schier unmäßig schönheitssüchtigen Partitur reicht die jetzt erschienene Gesamteinspielung mit Fabrice Bollon am Pult des Philharmonischen Orchesters Freiburg zwar nicht ganz heran. Trotzdem vermittelt sie einen starken Eindruck vom Klangrausch dieser gigantischen Verschmelzungsutopie. Auch dank der herrlich dunkel timbrierten Sopranistin Annemarie Kremer als Heliane und Ian Storey als melodiösem, fabelhaft textverständlichen Sänger des Fremden. (Naxos)

Die amerikanische Dirigentin JoAnn Falletta, 1954 in Brooklyn geboren und ausgebildet unter anderem an der Juilliard School, hat sich mit Aufnahmen selten gehörter Werke einen Namen gemacht, inzwischen sind es über 70 CDs. Ihre Einspielung von Franz Schrekers Orchestersuite "Der Geburtstag der Infantin" mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin entfaltet klangschön, form- und stilsicher Schrekers opulente Partitur von 1922, die auf ein Tanzspiel zurückgeht, dessen Musik er innerhalb von nur zehn Tagen komponiert hatte. Das Sujet, zu dem sich Oscar Wilde von Diego Velázquez rätselhaftem Bild "Las Meninas" ("Die Hoffräulein") von 1656 hatte anregen lassen, inspirierte auch Alexander Zemlinsky zu seiner Oper "Der Zwerg". Lohnende Ausgrabungen sind auch Schrekers "Vorspiel zu einem Drama" von 1914 und seine Romantische Suite von 1903. (Naxos)