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Klassikkolumne:Hörend verstehen

Schuberts "Winterreise" ist als Liederzyklus so überwältigend, dass man beim Hören oft nichts hört. Jedenfalls keinen Text. Doch wenn die Großschauspieler Stefan Hunstein und Charly Hübner beim Einspielen helfen, kann man wieder aufhorchen.

Von Reinhard Brembeck

In diesem Sommer und seiner kurzen Pause zwischen den zwei Wellen der Seuche durften Orchester zwar wieder vor Publikum auftreten, doch nicht immer in voller Besetzung. Meist wurde dabei die Anzahl der Streicher reduziert, oft zum Vorteil der aufgeführten Stücke. Als Vladimir Jurowski an der Bayerischen Staatsoper, er wird zur nächsten Spielzeit deren Musikchef, den "Wozzeck" von Alban Berg dirigierte, wurde deshalb sehr viel mehr an Details hörbar als üblich. Weniger ist in der Musik oft mehr, und so gewinnen Reduktion, Bearbeitung und Arrangement seuchenbedingt an Bedeutung.

Franz Schuberts Sonaten fremdeln auf modernen Konzertflügeln. Zu wuchtig ist das Instrument, sowohl in den Ausbrüchen und erst recht in den intim versponnenen Momenten, in denen der Komponist sich und der ganzen Welt verloren geht. Schubert spielte Gitarre, er besaß Gitarren, unter anderem des Instrumentenbauers Bernhard Enzensperger. Es liegt also nahe, Gitarrenarrangements der Sonaten herzustellen. Fernando Riscado Cordas und Izhar Elias, sie spielen auf Originalinstrumenten eben jenes Bernhard Enzensberger, sie verwenden Darmsaiten und trauen sich an das Heiligste heran, an Schuberts letzte Sonate. Das Experiment ermöglicht große Musik: Schuberts Unsicherheit, Intimstes und Tastendes gelingt großartig (Cobra Records).

"Die Winterreise" ist ein 24-teiliger Lyrikzyklus von Wilhelm Müller, den Franz Schubert ein Jahr vor seinem Tod als "Winterreise" vertonte. Die Musik ist so überwältigend, dass man hörend nur schwer auf die Texte achten kann. Die aber sind stark. Das merken Hörerinnen und Hörer, wenn sie zu den beiden hier angepriesenen Einspielungen mit Großschauspielern greifen. Stefan Hunstein (Oehms Classics) rezitiert, er markiert nur an wenigen Stellen Gesang, dazu zitieren, verfremden, verjazzen und variieren der Saxophonist Hugo Siegmeth und der Lautenspieler Axel Wolf die Schubert-Nummern. Hunstein führt in diesem Trio, aber ohne Siegmeth / Wolf wäre er doch nur ein Irrlicht. Sein Konkurrent heißt Charly Hübner. Er hat sich mit dem Ensemble Resonanz eine Auswahl aus der "Winterreise" vorgenommen, angereichert durch Stücke von Nick Cave - das Album heißt "Mercy Seat. Winterreise" (Resonanzraum Records) - und dem Adagietto von Gustav Mahler, summa summarum neunzehn intakte Nummern, arrangiert von Tobias Schwencke. Hübner singt mit dem Charme eines Schauspielers, dessen Profession dezidiert nicht das Singen ist. Hunstein rezitiert, das ist seine gekonnt geübte Profession. Der Hörer hat die Qual der Wahl. Wer sich nicht entscheiden kann, der greife zur notengetreuen, aber doch ganz ungewöhnlichen und schon vierzehn Jahre alten Einspielung von Christine Schäfer (Onyx).

Wer Orchestermusik nicht nur mit reduzierten Streichern, sondern gleich ganz ohne Geigen und Bratschen mag, der muss zur neuesten Platte des GrauSchumacher Piano Duo greifen. Die beiden Pianisten sind Weltspitze und bieten auf "Remixed" (Neos) Bearbeitungen des Klavierquintetts von Johannes Brahms, die "Nocturnes" von Claude Debussy sowie Schluss und Anfang aus Richard Wagners Liebestragödie "Tristan und Isolde". Das ist keineswegs ein Allerweltsprogramm, kaum jemand würde diese Stücke so kombinieren, aber sie passen in ihrer Andersartigkeit wunderbar zueinander.

Volks- und Renaissancemusik kennen keine festen Besetzungen. Jede und jeder kann und darf dabei alles machen. Wenn eine Künstlerin dann aber auch noch so gut ist wie die aus Istanbul stammende, dort und am Salzburger Mozarteum ausgebildete Sängerin Nihan Devecioglu, dann entsteht ein Wunderwerk. Ihr Album "Nostalgia" (Accent) beginnt sie mit einer auf Griechisch und solo gesungenen Klage auf den Fall Konstantinopels 1453. Danach gibt es Türkisches mit Claudio Monteverdi, Sephardisches mit Giovanni G. Kapsberger, einen Fado mit Arabischem. Devecioglus Stimme verbindet Verlockung mit Dunkel, sie ist verliebt in lange Tongirlanden und feine Flexionen der Stimme. Diese Frau braucht keinen Halt in der Musik, doch die Gambistin Friedericke Heumann und der Theorbenspieler Xavier Diaz-Latorre geben ihn ihr trotzdem und bereichern so diesen Parcours rund ums Mittelmeer, der mit einem dreistimmigen Volkslied aus Apulien endet.

© SZ vom 10.11.2020
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