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Klassikkolumne :Entdeckungstour 

Der Pianist Nicolas Horvath stellt Unvollendetes von Claude Debussy vor. Petra Lang singt Zemlinskys "Sechs Gesänge". Robert Oberaigner spielt sämtliche Klarinettenstücke des lange Zeit vergessenen Mieczysław Weinberg.

Von Julia Spinola

Mehr als 50 Bühnenwerke hat Claude Debussy skizziert oder begonnen, nur seine Oper "Pelléas et Mélisande" und das Ballett "Jeux" vollendete er in kompletter Partitur. Aus der Fülle unvollendeter, später zurückgezogener oder ersetzter Werke stellt der französische Pianist und Dark Ambient-Komponist Nicolas Horvath 16 Stücke auf seiner neuen CD vor. Rekonstruiert, für Klavier bearbeitet und teilweise vervollständigt wurden sie von dem Musikwissenschaftler Robert Orledge, der sich seit Jahren mit dem Nachlass Debussys beschäftigt. Die Palette reicht von frühen Versionen bekannter Stücke wie "La Fille aux cheveux de lin" aus dem ersten Buch der Préludes über einen getilgten Satz aus der monumentalen Bühnenmusik "Le Martyre de Saint Sébastien" bis hin zu Bühnenmusiken für Shakespeares "Lear" und einem von der indonesischen Gamelan-Musik inspirierten Ballett mit dem Titel "No-Ja-Li". Ob Debussy mit Orledges Fassungen, die in einigen Fällen von einem Sprecher zu Melodramen ergänzt werden, glücklich gewesen wäre, mag man bezweifeln. Spannend bleiben diese Erkundungen dennoch, auch wenn Horvath dem gewählten Steinway von 1926 bei aller Virtuosität einen gelegentlich allzu dunkel-orakelnden "Ambient"-Sound entlockt. Anderes klingt gerade in den auratisch-schimmernden Farben des alten Instruments wunderbar geheimnisvoll. So ist der von Debussy später gestrichene Satz aus dem 3. Akt des "Martyre" eine Entdeckung. (Grand Piano)

Der belgische Symbolist Maurice Maeterlinck stand nicht nur Pate für Debussys "Pelléas et Mélisande", sondern inspirierte auch den 1871 geborenen Alexander Zemlinsky zu einem seiner wichtigsten Werke. Dessen "Sechs Gesänge" op. 13 fristen im Konzertbetrieb ein Schattendasein, obwohl die reich orchestrierte Fassung von 1924 von überbordender Schönheit ist. Die Sopranistin Petra Lang singt die Lieder jetzt wagnerschwer, warm und voluminös - eine überfällige Alternative zur älteren Einspielung mit Anne-Sofie von Otter. Leider bleibt die finnische Dirigentin Susanna Mälkki mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien dem dicht verschlungenen Orchestersatz einiges an Durchhörbarkeit und Prägnanz schuldig - das haben John Eliot Gardiner und das NDR-Sinfonieorchester 1996 physiognomischer hinbekommen. Zemlinskys schlanker besetzte "Sinfonietta" jedoch gewinnt in Mälkkis Interpretation irrlichternde Leichtigkeit und zugespitzte Gestik. (Capriccio)

Der polnisch-russische Komponist Mieczysław Weinberg, der den Holocaust überlebte, wäre im Dezember hundert Jahre alt geworden. Das Jubiläum brachte Schwung in die kleine Weinberg-Renaissance, die seit der posthumen Uraufführung seiner Oper "Die Passagierin" 2010 einsetzte. Robert Oberaigner, Solo-Klarinettist der Dresdner Staatskapelle, hat nun sämtliche Klarinettenwerke Weinbergs aufgenommen. Gemeinsam mit dem Pianisten Michael Schöch und den Dresdner Kammersolisten unter Michail Jurowski zeigt er sich als einfühlsamer, aber unsentimentaler Interpret dieser stilistisch unglaublich vielseitigen, zugleich unverwechselbaren Musiksprache. In Weinbergs Klarinettenkonzert kann man eine deutliche Nähe zu Schostakowitsch hören, mit dem Weinberg eine enge Freundschaft verband. Die musikalische Beeinflussung beider Komponisten erfolgte freilich in beide Richtungen, und Weinberg hat bei allen Anklängen auch an Mahler und an Prokofjew einen unverwechselbaren Personalstil entwickelt, der frei von jenem Sarkasmus ist, der für manche Werke Schostakowitschs und Prokofjews typisch ist. Hochpräzise, idiomatisch und einfühlsam gelingt den Dresdner Kammersolisten unter Jurowski auch Weinbergs 4. Kammersymphonie, sein letztes vollendetes Werk. (Naxos)

Fünfzig musikhistorisch entscheidende Jahre liegen zwischen den beiden Klavierkonzerten Ernst von Dohnányis, doch beide sind sie fest verwurzelt im spätromantisch-virtuosen Idiom. Die unüberhörbare Nähe des 1897/98 komponierten e-Moll-Konzerts zu Brahms weicht im interessanteren h-Moll-Konzert von 1947 Anklängen an Schostakowitsch und Rachmaninow. Das ist glänzend komponiert, mit Sinn für opulente Effekte und raffinierte Kontraste und mit einer ganz eigenen Handschrift. Und wenn dazu noch so lustvoll, farbig und präzise musiziert wird wie in der Einspielung der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Ariane Matiakh mit der hochvirtuosen Sofia Gülbadamova als exzellenter Solistin, dann macht das einfach nur Spaß. (Capriccio)

© SZ vom 14.04.2020

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