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Klassikkolumne:Debatten in Tönen

Temporausch und wollüstige Streichertiefe: Die Berliner Barocksolisten nehmen Bachs beliebte Brandenburgische Konzerte neu auf.

Eines Tages brachen sie verwegen aus den Kollektiven aus: die Solistin, der Solist. Und irgendwann, als Hochtalent und Ehrgeiz vordrängten, war das Virtuosentum geboren. Mit Rekorden, Höchstleistungen, Geigen- und Klavierolympiaden. Adrenalin . . . Dabei hat alles so ruhig angefangen, mit Solisten, die sich nur mit ihresgleichen in Tönen "unterhalten", zum Beispiel in Bachs Brandenburgischen Konzerten.

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Was die Berliner Barocksolisten antrieb, die beliebten Brandenburgischen Konzerte neu aufzunehmen, war offenbar diese Lust auf "Debatten" der Solistengruppen dort. Das mit Berliner Philharmonikern bestückte Team hat sich dafür den klugen Bach-Streiter Reinhard Goebel als Dirigenten ausgesucht, damit Stil, Transparenz und tänzerische Eleganz leuchten. Die Solisten vibrieren nur so, Brillanz geht auch mal in Hektik über: Trompeter Reinhold Friedrich überführt das zweite Konzert in den glanzvollsten Temporausch, im vierten liegen sich zwei Blockflöten mit der rasenden Solo-Violine in den Armen. Und Starbratscher Nils Mönkemeyer verbürgt in Nummer sechs wollüstig die Streichertiefe. Das Stück klingt ungewöhnlich rau, erhitzt. Man meint die "nahezu orgiastischen Aufnahmesitzungen" zu spüren, von denen Goebel im Booklet schwärmt (Sony).

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Bach hat mit seinen großartigen sechs Suiten für Violoncello solo dafür gesorgt, dass das tiefere Streichinstrument seinen virtuosen und geistreichen Spielern Triumphe garantiert. Der Schweizer Cellist Thomas Demenga hat vor Jahren einige der Kunststücke hellhörig mit Moderne-Solonummern von Isang Yun, Toshio Hosokawa oder Heinz Holliger kurzgeschlossen und reiche Beute eingefahren. Jetzt spielt Demenga "nur" alle Suiten, intelligent im Spannungsverhältnis zwischen Stilbewusstsein, fantasievoller Farbgebung und persönlicher Hingabe - nicht ganz so genial-exzentrisch wie der Holländer Peter Wispelwey, nicht so stolz romantisierend wie Mstislav Rostropowitsch. Und doch übt sein Bachspiel einen Sog aus - Bach im Kraftfeld freien Denkens. (ECM).

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"Raffiniert und aristokratisch, mit delikaten Farbmischungen, perfekt proportioniert", schrieb einst Harold Schonberg in New York zum Klavierspiel des kubanischen Virtuosen Jorge Bolet. Die Karriere des 1914 in Havanna Geborenen mündete spät in den Ruhm, lange galt der Schüler des Tastenzauberers Leopold Godowsky nur als gewaltiger "Techniker". Die Aufnahmesitzungen im Sender RIAS Berlin 1962-73 offenbaren aber viel musikalische Substanz, Noblesse, selbst in Godowskys "Fledermaus"-Metamorphosen. Und Bolet spielte Liszt-Etüden und die poetischen Kühnheiten von Liszts ersten "Années de Pèlerinage", dazu Chopin und Debussy, mit einer so mitreißenden Grandezza, dass Wolfgang Ratherts Urteil bedenkenswert erscheint: Er sei "der letzte Gentleman des Klavierspiels" gewesen (audite).

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Gibt es einen Hauptstadtkomponisten in Berlin? Beethovenstraßen mehr als ein Dutzend, Beethovenwege, keine Beethovenallee . . . Beethoven-Spieler dort und in den Musikmetropolen war Daniel Barenboim schon mit siebenundzwanzig, stemmte bei den Salzburger Festspielen im Juli 1970 drei der heikelsten Sonaten des Komponisten aus der "Bundesstadt" Bonn, die Opera 10 Nr.3, 53 und 111. Der Mitschnitt belegt, dass der abnorm frühreife Shootingstar von einst schon viel von dem besaß, was er zukünftig mit seinem fundamentalen Selbstbewusstsein nur zu entwickeln und abzurufen brauchte - so die Frische des Zugriffs in der Waldstein-Sonate, eine tief betroffen wirkende Gedankenschwere in den Adagio-Etappen. Die Arietta von Beethovens letzter Sonate op.111 geriet zum Experiment einer Hingabe (Orfeo).

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Wenn zwei ausgezeichnete Sopranistinnen die hallende Dresdner Frauenkirche besingen, mit Staatskapelle und Kreuzchor unter Andrés Orozco-Estrada, kann dann nicht selbst ein Adventskonzert tönen in Glanz und Gloria? Arien von Mendelssohn Bartholdy und Händels "Lascia ch'io pianga", prächtig gesungen von Sonya Yoncheva, Teile aus Schuberts Magnificat und Mozarts "Exsultate jubilate" mit der strahlend höhensicheren Regula Mühlemann werden am Ende fabelhaft gekrönt: Alle Musikanten intonieren, wie schon bei "In dulci jubilo", mit aller Macht des Sentiments "Macht hoch die Tür" (Sony).