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Klassik:Verhinderter Mädchenmord

Julian Prégardien (c) Marco Borggreve

Voll blitzend emotionaler Lebendigkeit: Julian Prégardien.

(Foto: Marco Borggreve)

Der Tenor Julian Prégardien und die Berliner Akademie für Alte Musik mit Händels Jephtha in München.

München ist eine Hochglanzstadt. In dieses Image fügt sich auch bruchlos die Klassik-Szene. Alles was mit glitzerndem, modernem symphonischen Klang zu tun hat, funktioniert hier prächtig. Historisch informiert spielende Ensembles mit den alten, dumpfer und auch leiser klingenden Instrumenten, haben es da bisweilen etwas schwerer. Deshalb hielt sich wohl auch das Gerücht so hartnäckig, die international gefeierte Akademie für Alte Musik Berlin, kurz Akamus, würde ihre Münchner Abo-Reihe aufgeben. Die Berliner haben jedoch lediglich den Veranstalter gewechselt und spielten nun zum Auftaktkonzert ihrer Saison im Prinzregententheater mit dem großartigen Tenor Julian Prégardien und voll blitzender emotionaler Lebendigkeit.

Weit entfernt von den üblichen Best-of-Belcanto-Arienkonzerten, singt Prégardien nicht füllig tönend, sondern mit sanfter Kraft erzählend. Zum Konzert in München gibt dieser Antiheldentenor nun in erster Linie Arien Georg Friedrich Händels, in deren Mittelpunkt der alttestamentarische Antiheld Jephtha steht. Und dessen Schicksal wird herrlich eingebettet in den dramatischen Gestaltungswillen des Akamus-Ensembles. Denn das Programm montiert Arien und Rezitative aus den Oratorien "Judas Maccabaeus", "Belshazzar" und eben "Jephtha" mit Instrumentalstücken von William Boyce, Thomas Arne und Charles Avison.

Zu Beginn ergibt das ein anregendes Wechselspiel zwischen Gesangsdramen und Instrumentalmusik. Konzertmeister Bernhard Forck ist dabei auf körperlich sehr involvierte Art bemüht, aus den alten Instrumenten besonders viele Klangfacetten herauszulocken. Das Ensemble spielt vielleicht auch deshalb mit einer Präzision in Dynamik, Tempo und Phrasierung, die manch einem modernen Symphonieorchester guttun würde. Sie schaffen eine aufrechte Transparenz der Stimmen, spielen aber dennoch mit dramatischer Fülle.

Nach der Pause konzentriert sich der Abend dann voll auf Jephthas quälendes Dilemma um die ihm durch ein Gelübde auferlegte Opferung seiner Tochter. Prégardien setzt dabei auf eine Mischung aus gesprochenen Gottesanrufungen und dem Auskosten seines wunderbaren Timbres. Dieses wiederum fügt sich in seiner unaufdringlichen Art ganz herrlich in den köstlich kratzenden Klang der Instrumente. Doch das eigentlich Besondere dabei ist, dass die Sätze von Charles Avisons Concerto grosso Nr. 5 quasi als instrumentale Zwischenstücke aufgeteilt in Jephthas Leidensweg hineingesetzt werden. Und hierbei gelingt es Akamus, mit der Eleganz und der illustrativ-dramatischen Haltung früher Hollywood-Filmscores auf Prégardiens Horror-Entscheidung zu antworten und so die Handlung voranzutreiben.

Prégardien trägt Jephthas Rezitativ "Deeper and deeper still" der erzählten Bewegungslosigkeit entsprechend fast in Zeitlupe vor. Forck lässt als Antwort darauf die ersten Geigen in Avisons drittem Satz für und um den Gepeinigten klagen - das Concerto erklingt voll romantischem Gefühlsstellvertreter-Impetus. Was für ein musikdramatischer Clou! Und schließlich die Erlösung, da erscheint der rettende Deus-ex-machina-Engel und Julian Prégardiens Stimme entfaltet sich in voll geöffneter Schönheit.

© SZ vom 24.11.2016

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