Klassik Vater der Klamotte

Was für eine Wirtschaft! Jenny (Yannick-Muriel Noah) ist auf Karl (Mark Morouse, rechts) gar nicht gut zu sprechen.

(Foto: Thilo Beu)

Jonathan Doves komische Oper "Marx in London" zeigt im Theater Bonn den kommunistischen Übervater als Versager-Gatten zwischen Egomanie und Lüsternheit.

Von Alexander Menden

Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden für Karl Marx: Der zweite Band des "Kapitals" will einfach nicht fertig werden, der Gerichtsvollzieher hat alle Möbel abgeholt, und Haushälterin Helene widersetzt sich in letzter Zeit allen Annäherungsversuchen. Und dann sind da auch noch diese unangenehmen Analabszesse. Sie lassen ihn unruhig auf seinem Stuhl in der British Library herumrutschen, wo er mit seinen Schmerzlauten die anderen Leser stört. Erschöpft schläft Marx über seinen Notizen ein.

Im Traum versammelt sich ein Banner schwenkender Proletarierchor um ihn und stimmt einen hoffnungsvollen Kampfgesang an: "Ich habe eine Stimme, ich bin frei, ich habe die Wahl!" Das alles hätte Marx auch gern. Die Vision von der Emanzipation der Arbeiterklasse - ist sie am Ende nur eine ganz private Projektion des deutschen Exil-Revolutionärs?

Diese Szene, die sicher nicht von ungefähr an das Revolutions-Tableau aus dem Musical "Les Misérables" erinnert, ist einer der dramatischen Höhepunkte von Jonathan Doves Oper "Marx in London". Der Regisseur Jürgen Weber hatte bereits die erfolgreiche deutsche Erstaufführung "Swanhunter" eingerichtet, eines weiteren Werks des hochproduktiven englischen Komponisten, der vor allem für seine vielgespielte Flughafenoper "Flight" berühmt ist. Aus der Zusammenarbeit erwuchs die Idee einer komischen Marx-Oper, die nun als Koproduktion mit der Scottish Opera zum Ausklang der Feiern zum 200. Geburtstag des kommunistischen Übervaters in Marx' Studienort Bonn uraufgeführt wurde.

Es ist die zweite britische Bühnenverarbeitung dieser Phase in Marx' Leben binnen kurzer Zeit: Das Autorenduo Clive Coleman und Richard Bean hatte bereits im Oktober 2017 mit "The Young Marx" die privaten Irrungen und Wirrungen zu Beginn der englischen Jahre von 1849 bis zu Marx' Tod 1883 thematisiert, in einer Art Ayckbourn-Gesellschaftskomödie, gewürzt mit ein wenig Sozialismusfeier und -kritik.

Im gleichen Geist hat nun auch Dove eine leichte, witzige Episodenkomödie vorgelegt: Marx, der mit Schnaps und Zigarren die Arbeiter milde stimmt, die seine gepfändeten Möbel abholen. Marx, der das Tafelsilber seiner vielgeprüften Frau Jenny von Westphalen zum Pfandleiher trägt. Marx im Wettbewerb mit dem italienischen Anarchisten Melanzane um einen Preis für die schönste revolutionäre Rede (natürlich gewinnt er; das Preisgeld verteilt er gleich wieder unter saufenden Arbeitern).

Eingebettet in die Steampunk-Ästhetik des Bühnenbildes von Hank Irwin Kittel - Marx' Wohnung balanciert auf dem Fahrgestell eines Eisenbahnwaggons, im Hintergrund drehen sich industrielle Schattenräder wie in Fritz Langs Film "Metropolis" - entfaltet sich so die Geschichte einer prekären viktorianischen Familien-Versuchsanordnung.

In ihrem Zentrum verleiht der souveräne Heldenbariton Mark Morouse der Titelrolle Charme und Witz, stellt aber zugleich, die zahlreichen komischen Glissandi seiner Partie bestens nutzend, das Halbseidene, Egomane und Inkonsequente der Figur heraus. Ihm zur Seite steht der Tenor Johannes Mertens als reicher Industriellensohn und finanzieller Schutzengel, der immer wieder in C-Dur zu Hilfe eilt.

Als Jenny kann die Sopranistin Yannick-Muriel Noah mit viel berechtigter Wut und Eifersucht, ausgedrückt in übermäßigen und verminderten Dreiklängen, ihre Ehemann-Wahl bedauern, während Ceri Williams als leidgeprüfte Mezzo-Helene fast schon routiniert Marx' Avancen von sich abprallen lässt. Dass die Haushälterin nicht immer so willensstark war, erweist sich in einem Nebenhandlungsstrang: Ein geheimnisvoller Besucher namens Freddy (Christian Georg), der seiner eigenen Herkunft auf die Spur kommen will, bandelt mit Marx' Tochter Tussy (Marie Heeschen) an, was Helene durchaus Sorgen bereitet, weil sie Freddy als ihren Sohn aus einer Affäre mit Marx wiedererkennt. Dass dieser verlorene Sohn am Ende seinen Vater vor der Rache des schlechten Verlierers Melanzane rettet, ist ein durchaus passender Abschluss der Handlung im Well-Made-Play-Stil.

Pathos wird ironisch gemildert durch alberne Reime wie "Spaghetti Yeti"

Musikalisch bleibt der Komponist sich in seiner 29. Oper durchaus treu: Der Einfluss der Minimal Music ist im kontinuierlichen, weitgehend tonalen Klangteppich klar erkennbar, wobei Dove vor einem gelegentlichen kräftigen Crescendo keineswegs zurückschreckt, und auch sonst eine souveräne theatralische Dynamik an den Tag legt.

Bisweilen erinnern die Instrumentierung und die Klangfülle an die dramatisierenden Soundtracks großer BBC-Naturdokumentationen; auch an Kurt Weill gemahnende, quasi-jazzige Passagen scheinen auf. Das Bonner Beethoven-Orchester spielt das alles unter der zupackenden Leitung von David Parry kompetent und transparent. Dazu liefert Charles Hart, berühmt vor allem für seine Lyrics zum Andrew-Lloyd-Webber-Musical "Das Phantom der Oper", ein Libretto, das jedes drohende Pathos meist gleich wieder geschickt untergräbt, sei es durch ironische Adjektive ("Gott schütze unseren rauschebärtigen Freund!"), sei es durch bewusst alberne Reime ("Spaghetti Yeti!").

Wer auf einen tiefschürfenden Kommentar auf das sozialistische Gedankenexperiment hofft, wird bei "Marx in London" eher enttäuscht. An diesem wunderbar gelungenen Abend geht es nicht in erster Linie um politische Analyse, sondern um das Paradox der materiell unsicheren Existenz eines Wirtschaftsphilosophen, der selbst niemals haushalten konnte.

Erst ganz am Ende, in einem warm beleuchteten Tableau idyllischer Bürgerlichkeit, beim Picknick auf Hampstead Heath, schleicht sich die zukünftige totalitäre Bedrohung in Form bewaffneter Proletarier mit Hammer und Sichel ins Bild. Es ist eine unerwartet finstere visuelle Coda, die diese luftige, höchst gelungene Produktion wunderbar abrundet.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir den Regisseur Jürgen Weber fälschlicherweise als Manfred Weber bezeichnet.