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Klassik:Resonanzkörper

ATP Festival Curated By Animal Collective - Day 1

Terry Riley, 81, ist ein amerikanischer Komponist, Pianist und Sänger, der den musikalischen Minimalismus mitbegründete. 1964 entstand seine berühmteste Komposition "In C".

(Foto: Redferns/Getty Images)

Als Pionier der Minimal Music hat er Generationen von Bands wie "The Who" oder "Tangerine Dream" beeinflusst. Jetzt trat der legendäre amerikanische Komponist Terry Riley mit seinem Sohn Gyan Riley in Berlin auf.

Von Philipp Rhensius

Musik kann Gedanken klar werden lassen und ihre Zuhörer im Jetzt verankern. Diese Erfahrung, ganz bei sich, ganz Moment zu sein, gilt besonders für die Musik des legendären amerikanischen Komponisten Terry Riley, eines Pioniers der Minimal Music, die er mit seiner berühmtesten, auf 53 frei interpretierbaren Modulen basierenden Komposition "In C" 1964 mitbegründete. Riley ist gerade auf Tournee und gab in der Berliner Zionskirche zusammen mit seinem Sohn, dem Gitarristen Gyan Riley, sein einziges Konzert in Deutschland.

Bereits vor dem Konzert herrschte eine andächtige Stille. Rund 850 Menschen hatten sich in der Kirche eingefunden, vereint in schweigender Ehrfurcht und dennoch sehr verschieden. Neben Fans in New-Age-Gewändern und dem für Berlin üblichen internationalen Szenepublikum waren auch einige Protagonisten der elektronischen Clubmusik erschienen. Beides, die Demut der Besucher und ihre Diversität, resultiert einerseits aus dem Legendenstatus des 81 Jahre alten Riley, andererseits aus der kulturellen Reichweite seiner Musik.

Als Pionier der Minimal Music hat er nicht nur Generationen von Bands wie The Who oder Tangerine Dream beeinflusst, er wurde damit auch zum Vordenker der Ambient- oder Techno-Musik. Nicht zu vergessen, dass Riley im Kielwasser der kulturellen Revolution der 60er-Jahre auch an der Auflösung der Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur beteiligt war, sei es mit der Bewusstseinserweiterung durch psychedelische Drogen oder der Bereicherung westlicher Kunstmusik um afrikanische Polymetrik und indische Harmonik.

In der Stille des Berliner Kirchenraums beginnt Riley damit, auf dem Flügel die ersten Töne seiner neuesten, vom Jazz inspirierten Komposition "The Shape of Flames" anzuschlagen, während Gyan seine Gitarre mehr streichelt als zupft. Nach einem kontemplativen Einstieg, in dem Terry die melancholische Grundmelodie einführt, während die Gitarre für flamencoartige Skalen zuständig ist, kulminiert das Stück in einem eruptiven Höhepunkt. Beide Instrumente synchronisieren sich für kurze Zeit, bevor sie wieder in einen Frage-Antwort-Dialog treten.

Terry Riley, der trotz seines Komponierens für Orchester und Streichquartette stets selbst Musiker geblieben ist, spielt virtuos. Er changiert lässig zwischen hyperschnellen Melodien und entschleunigten, manchmal meditativen Akkordfolgen. In einigen der Stücke, manche von seinem Sohn komponiert, greift er zum Mikrofon und intoniert im klassischen indischen Stil einen klagenden Viertelton-Gesang.

Minimalismus war immer nur ein Aspekt seiner Musik. Das wird an diesem Abend deutlich. Wiederholungen sind zwar allgegenwärtig, aber eigentlich dominiert die Lust am ausgedehnten Tonvorrat und nicht zuletzt an der Improvisation. Während des Konzerts halten Vater und Sohn ständig Blickkontakt. Die Stücke haben zwar eine feste Struktur, werden aber in ihrer Dauer und ihren Details ausgedehnt und verziert. Und wenn die beiden wie zufällig bei einer Tonfolge hängen bleiben und sich hörbar ineinander verhaken, entstehen die intensivsten Momente.

So sehr sich die Stücke in ihrer Intensität ähneln, so unterschiedlich sind die Reaktionen des Publikums. Ein junges Paar schläft ineinander verschlungen, ein Mann Mitte vierzig wippt mit dem Kopf, als höre er einen Beat, wo keiner ist. Letztlich gibt es an diesem Abend aber kein Entrinnen. Denn die Kirche, die so etwas wie ein drittes Musikinstrument ist, reflektiert mit ihren hohen Steinwänden den Klang von Gitarre und Flügel so enorm, dass sie der Musik ein zusätzliches Wabern entlockt. Das Publikum befindet sich stets inmitten des Klangs, statt nur frontal beschallt zu werden - und wird durch die Klangwolke zu einem menschgewordenen Resonanzkörper, der die Grenzen zwischen Individuum und Gemeinschaft auflöst. Zum Schluss wollte der Beifall nicht enden. Schließlich erlebte hier jeder das seltene Glück, Teil von etwas Größerem zu sein - und dabei zwei Stunden lang nur im Jetzt zu verharren.

© SZ vom 29.09.2016
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