Klassik Pfeif auf die Melodie

Helmut Lachenmann ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten. Zu seinen Meisterstücken zählt die Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“.

(Foto: Lebrecht Music And Arts Photo)

In München treffen an einem Abend die zeitgenössischen Großkomponisten Helmut Lachenmann und John Cage aufeinander. Lachenmann spielt seine "Wiegenmusik" und wagt bei einer Podiumsdiskussion provokante Thesen.

Von Reinhard J. Brembeck

Für die Musikstadt München gilt als Faustregel, dass ästhetisch Neues selten ist. Es war also ein glücklicher Zufall, dass die Anhänger der Avantgarde am vergangenen Freitag nacheinander gleich zwei und zudem völlig gegensätzliche Großkomponisten dieses extremen Musikstils bestaunen konnten.

Helmut Lachenmann ist 82 Jahre alt und ein alles durchplanender, aber langsam milder werdender Hardcore-Avantgardist. In der Reihe Musica viva spielte er in der Allerheiligenhofkirche sein wenige Minuten langes Klavierstück "Wiegenmusik" (1963). Und er sprach über seine Ästhetik und ein wenig über sein neues Orchesterstück "My Melodies", das bald uraufgeführt wird. Ebenfalls in Musica viva.

Zwei Stunden später trat die Pianistin Sabine Liebner im HochX auf. Liebner propagiert unermüdlich die Neue Musik, also spielte sie an diesem Abend die Münchner Erstaufführung der "Winter Music" (1957) von John Cage (1912-1992), dem Propheten der Freiheit, der Konzeptlosigkeit, des Zufalls, des Chaos. Erst Lachenmann, dann Cage - es war ein Aufeinandertreffen der Antipoden, und es verriet viel über die Szene und München.

Es gehört viel Unsensibilität dazu, in Zeiten der Quotendebatten eine Podiumsdiskussion mit drei alten Männern zu besetzen. So stellt sich eine Institution wie die Musica viva als vorgestrig dar. Verschärft wurde das Problem dadurch, dass es zwar um Lachenmann ging, dass aber sein Komponistenkollege Beat Furrer aus unerfindlichen Gründen mit auf dem Podium saß - und die Runde von Michael Krüger geleitet wurde. Der ist Bildungsbürger, Exverleger und Dichter, von Moderation und Musik hat er aber nur entfernt eine Ahnung.

Lachenmann nutzte diese Ahnungslosigkeit zum Dozieren. Provokant fragte er, ob eine Melodie überhaupt Musik sei. Er tendiert zu einem klaren Nein. Aber in dieser Aussage werden vor allem die Grenzen des grandiosen Komponisten Lachenmann deutlich, der schon immer mit dem Phänomen Melodie hadert. Auch wenn sein neues Stück "My Melodies" heißt. Das ist definitiv nicht seine Welt. Lachenmann ist ein Konstruktivist und Bastler, der am liebsten auch das Publikum und die Kritiker erziehen würde. Aber ja, auch eine Melodie kann gebastelte Musik sein. Warum sitzt da keine Komponistin auf dem Podium, die Lachenmann Paroli bieten könnte?

Absurd wird das Gespräch, als Furrer gegen Samuel-Beckett-Vertonungen zu Felde zieht. Das ist eine Unverschämtheit. Furrer und Lachenmann würden Beckett nie vertonen, sie könnten es wohl auch nicht. Aber was ist mit genial gelungenen Beckett-Stücken wie "Neither" von Morton Feldman oder "What is the Word" des 92-jährigen György Kurtág, dessen "Endspiel" im Herbst uraufgeführt wird? Ein Königreich für einen kundigen Moderator!

Dann spielt Lachenmann seine "Wiegenmusik", deren Klangwelt an seinen Lehrer Luigi Nono erinnert, ohne dessen Sinnlichkeit und emotionales Drängen zu erreichen. Mit den Meisterwerken Lachenmanns, mit "Mouvement", "Concertini", den Streichquartetten oder "Caudwell", kann weder dieses Stück mithalten noch das 20-minütige "Ein Kinderspiel", das die Pianistin Yukiko Sugawara zu Beginn des Abends aufgeführt hatte.

Sabine Liebner hatte es daher mit der "Winter Music" ziemlich leicht. Es ist ebenfalls eine Musik vereinzelter Klänge, Cluster und Intervalle. Eine Musik, die nichts will - anders als die von Lachenmann. Sie will nichts vom Hörer, sie will nichts aussagen. Sie überlässt sich der Fantasie ihrer Hörer, die sie beruhigen kann oder aufregen, langweilen oder bannen. Das Stück ist auf 20 Seiten notiert, mal stehen da mehr Noten, mal weniger.

Bis zu 20 Pianisten können dabei mitmachen, es kann alles oder eine Auswahl gespielt werden, gleichzeitig können andere Stücke aufgeführt werden. Sabine Liebner wählte die Gesamtversion für nur eine Spielerin. Das ist löblich, aber auch länglich. Zudem wird suggeriert, dass es sich hier um ein geschlossenes Werk europäischer Machart handle. Dennoch setzt sich John Cages Nichts-Wollen als große Befreiung gegen Helmut Lachenmanns Alles-Bestimmen durch.