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Klassik:Mit Mozart den Tod austricksen

Die Regisseurin Lydia Steier führt Strawinskys Oper "The Rake's Progress" in Basel auf: Ironisch und anrührend.

Von Egbert Tholl

In der vorletzten Szene spielt Tom Rakewell mit dem mephistophelischen Nick Shadow Karten um sein Leben. Das tut er in jeder Aufführung von Igor Strawinskys einziger abendfüllender Oper "The Rake's Progress", die Frist ist um, der Schatten (Shadow) will seinen Lohn für seine Dienste, Toms Seele. Hier nun, am Theater Basel, entpuppt sich der Tisch, auf dem die beiden Karten spielen, bald als Rakewells Sarg, aus weißem Porzellan, darauf die Inschrift "Tom Rakewell, 27. 1. 1756 - now". Das Geburtsdatum ist das von Wolfgang Amadeus Mozart. Tom gewinnt gegen Shadow, zertrümmert den ihm zugedachten Sarg mit einer Schaufel. Aus Rache schickt ihn sein Schatten jedoch in einen katatonischen Wahnsinn.

Die Bühne von Katharina Schlipf (hier mit Seth Carico als Shadow) schafft einen goldenen Rahmen für die Tableau vivants.

(Foto: Sandra Then/Theater Basel)

Das mit dem Sarg ist eine wunderbare Idee der oft so bilderstark arbeitenden, gewitzten Regisseurin Lydia Steier. Denn Strawinsky wählte für seine Oper einen historischen Klangraum, fühlte sich im 18. Jahrhundert wohl. Und so glaubt man, hier viel Mozart zu hören, auch Händel, Monteverdi und anderes. Entscheidend bleibt aber Mozart, vor allem das Vorbild "Cosi fan tutte". Strawinsky zitiert kaum wörtlich, schafft mit dem Alten als Allusion einen eigenen Klang, für den er gleichwohl nach der Uraufführung 1951 auch sehr gescholten wurde - diese Neoklassik sollte der Weg der Oper nach dem Zweiten Weltkrieg sein? Für viele nicht, Pierre Boulez etwa fand "The Rake's Progress" grässlich. Nun also zerstört Rakewell, versehen mit Mozarts Lebensdaten, den eigenen Sarg, überwindet mithin den eigenen Tod, lebt weiter wie Mozarts Musik, nur halt arg zerrüttet, irre, tumb.

Kristiina Poska leitet das Kammerorchester, und so schön hörte man diese Oper noch nie

Ein beziehungsreicher Kommentar zu Strawinskys Komponieren. Er ist deshalb so klug, weil hier Kristiina Poska das Kammerorchester Basel leitet. Steiers Inszenierung horcht genau auf die Musik, doch erst mit Poskas Dirigat erfüllt sich die Symbiose. Vielleicht wirkt es verstiegen, aber: So schön hat man Strawinsky "Rake"-Musik noch nie gehört, nicht einmal auf Strawinskys eigener Aufnahme des Werks.

Denn Poska verweigert jede Groteske. Die Klanganleihen aus dem 18. Jahrhundert und deren Derivate nimmt sie nie als Parodie, sondern vollkommen ernst. Anders als Strawinsky selbst (auf der Aufnahme) bindet sie die rhythmische Vielfalt in die teils von Mozarts Opern entlehnte Struktur ein, Tempo, Metrum, Geschmack des 18. Jahrhunderts bilden die Struktur, über der Strawinskys Klangamalgam wie ein Kostüm hängt.

Mit ihrer Ernsthaftigkeit gelingt Poska auch ein Moment echter Anrührung: Wenn Anne Truelove über ihrem geliebten Tom weint, wenn sich der Irre zu einer letzten Erinnerung an ein vermasseltes Glück aufbäumt, gibt es keinen Gedanken an Ironie. Zumal Hailey Clark als Anne alles Aufgekratzte fahren lässt und zu großer Innigkeit in der Stimme findet; Matthew Newlin als Tom Rakewell ist ohnehin ein herrlicher, zweifelnder, leuchtender Tenor.

Freilich: Es gibt bei Lydia Steier noch genug lustige Einfälle. Für Strawinsky war der Auslöser für seine Oper der gleichnamige Zyklus von (moralisierenden) Kupferstichen von William Hogarth von 1732/33. Diese kopiert Steier nicht, schafft aber gleichwohl liebevolle Tableaux vivants. Katharina Schlipf hat ihr dafür einen reich verzierten Bilderrahmen auf die Bühne gestellt, dessen goldenes Passepartout mal einen kleineren, mal einen größeren Vorhang umgibt, gemalt wie barocke Theaterkulisse. Das erste Bild, bei Trueloves zu Hause, öffnet sich für einen reizenden, engen Pavillon, den Antoine Watteau erdacht haben könnte. Kommt Rakewell dank dem Schatten zu Geld, blickt man in einen vollgestopften Salon, die Kostüme von Ursula Kudrna behalten ihre Rokoko-Opulenz, werden aber angereichert durch eine Idee von Swinging Sixties - man denke an das Beatles-Cover der "St. Pepper"-Platte, doch ist hier der Grundton pastellig. Porzellan steht herum, erinnert an Jeff Koons und dessen Gelächter über Kitsch, der weiße Porzellan-Penis aus Kubricks "Clockwork Orange" wippt bedeutungsvoll.

Seth Carico ist der "Schatten", ein eleganter Verführer und erbarmungsloser Spieler

Bei allem Aberwitz jedoch meint es auch Steier ernst. Die Figur der Türken-Baba, die Frau mit Bart, Jahrmarktsensation, die Tom wegen Publicity und der Freiheit heiratet, sie nie begehren zu können, behält in Gestalt der mit einem betörenden Mezzo ausgerüsteten Eve-Maud Hubeaux ihre Würde als Frau. Und durch all dies führt Seth Carico als Nick Shadow, ein Conferencier, ein Bilderpräsentierer, ein eleganter Verführer, der letztlich vorführt, dass alles eitle Streben nach einem Glück, das hier immer ein materielles ist, sinnlos ist. Das bleibt Steiers Aussage, und die stimmt, heutzutage ohnehin.

© SZ vom 29.05.2018

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