Klassik-Kolumne Superstar Cecilia

Cecilia Bartoli zeigt auf ihrer neuen CD, wie großartig Antonio Vivaldi auch als Opernkomponist gewesen ist; außerdem die neue Aufnahme vom Dirigier-Shooting-Star Teodor Currentzis mit Mahlers Sechster; und Abbado mit den Wiener Philharmonikern.

Von Wolfgang Schreiber

Die "Superstars" ihrer Berufsgruppen sind in der Regel die Nobel- und auch die Oscar-Preisträger - Wertschätzung unbegrenzt. Es folgen die mit rundem Geburts- oder Todestag Ausgestatteten, am besten mit den Nullen im Datum. Ganze Jahresabläufe sind nach ihnen benannt, das Leonardo-da-Vinci-Jahr hat begonnen, das Fontane- und Offenbach-Jahr.

Claudio Abbado starb vor fast genau fünf Jahren, er wollte kein "Stardirigent" sein, doch manche hielten ihn dafür. Als die Berliner Philharmoniker ihn zum Chef gewählt hatten, machte Abbado eine Ansage: "Ich bin Claudio, für alle!" Bei Vorgänger Karajan: mehr als undenkbar. Abbado hat viel Musik auf Tonträger aufgenommen, nur, ein frühes Konzert mit den Wiener Philharmonikern, die den damaligen Musikchef der Mailänder Scala zum "Hauptdirigenten" ernannt hatten, blieb unveröffentlicht: Zwei Schubert-Symphonien dirigierte damals der 37-jährige. Der Live-Mitschnitt von Ende Mai 1971 lässt bei der "Unvollendeten" h-Moll-Symphonie erkennen, welches Maß an existenzieller Tiefenschärfe, wie viel Moderato-Wucht und Akzent-Energie Abbado für Schubert übrig hatte, den er so eindringlich verehrte wie er ihn hier dirigierte. Nach der Schubert-Symphonie spielte Maurizio Pollini Béla Bartóks raffiniert hartes zweites Klavierkonzert, hier nicht dokumentiert. Abbado und die Wiener beendeten das Konzert, vielleicht überraschend, ohne alle Schwere, mit der leichteren fünften Symphonie Schuberts in B-Dur - mit rhythmischem Feuer und melodischer Eleganz all'italiana. (DGG/Universal)

In Abbados Landschaft, der Mahler-Welt, die er sich als Wiener Student erschlossen hatte, tanzt jetzt der Grieche Teodor Currentzis. Als Shooting Star und Klassik-Rebell am Dirigentenpult wird er gefeiert oder als Blender verachtet. Mit der modischen Extravaganz eines Solitärs, den ästhetischen Visionen, die er im sibirischen Perm mit ihm treu ergebenen Künstlern perfekt kultiviert hat, verblüfft Currentzis die Beobachter. Kompetenz mit Charisma bei Mahlers Sechster Symphonie? Die bohrende Intensität, in die Currentzis sein Ensemble Musica Aeterna führt, trifft den Charakter dieser "Tragischen" Symphonie, subjektivistische Willkür aber mit Tempoverzerrungen, überstürzten Beschleunigungen und inszenierten Stillständen können auch befremden. Gefühlswallungen münden in Dramatisierungseffekte. Currentzis will in Mahlers Sechster "die Katastrophen des 20. Jahrhunderts" hören, die irrwitzigen Klangkonvulsionen im Kopf- oder Finalsatz, die Scherzo-Grimassen oder die schubert-haft "himmlischen Längen" im weltverlorenen Andante kann er ordnen. Von Katharsis, Lebenssteigerung spricht er im Booklet - empfindet Trauer über musikbetriebhafte Routine: "Mir wäre es lieber, Mahler wäre nach wie vor ein unbekannter Komponist". (Sony)

Eine Diva assoluta des Zeitalters ist Cecilia Bartoli auch darum, weil sie neben ihren virtuosen Stimmfertigkeiten und der hinreißenden Gestaltungskraft stets ihrer Lust nachgibt, verloren gegangenes Sopranterrain neu zu erobern. Bartoli hat Rossinis weit verzweigte Belcantokünste in ihre Rechte gesetzt und historische Vokalgeister wieder belebt, so etwa ihre Vorgängerin Maria Malibran, den ersten weiblichen "Superstar" der Operngeschichte. Nun also noch einmal Antonio Vivaldi: Neunzig Musiktheaterwerke hat der Concerto-grosso-Maestro aus Venedig in die Welt gesetzt, die immer im Schatten seiner ewigen "Vier Jahreszeiten" verharren mussten. Bartoli zeigt jetzt, nach "The Vivaldi Album" vor zwanzig Jahren, zehn glanzvolle Beispiele der Wiederbelebung barocker Arienkünste aus insgesamt neun Vivaldi-Opern. Und Kontraste bestimmen ihre kluge Dramaturgie: Was Cecilia Bartoli gemeinsam mit Jean-Christophe Spinosi und dem Ensemble Matheus aufzubieten hat, ist diesmal, neben den rasenden, den zwitschernden Tobsuchtsnummern aus dem Koloraturenzirkus, etwa "Solo quella guancia" aus "La verità in cimento" oder "Ah fuggi rapido" aus "Orlando furioso", die lyrische, großartig vielfältige Vivaldi-Verinnerlichungskraft. Verblüffend: Die Sehnsuchtsarie "Vedrò con mio diletto" aus "Il Giustino" kann ebenso als fein ziselierte Kammermusik durchgehen wie "Sovente il sole" aus "Andromeda liberata". Cecilia Bartolis nuancenreiche Kunst, barocken Liebesschmerz in Gesangslinien zu bannen, kann beim Hörer Überwältigung hervorrufen. So scheint ein Booklet Recht zu bekommen, das zur offenen Huldigungsfeier für die Künstlerin wird - mit zahllosen Porträtfotos und Sinnsprüchen zu ihrem Lob und Preis aus dem Mund anderer Künstler. (Decca)