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Klassik:Jenseits des Silbersees

Es heißt immer, in klassischen Konzerten würden nur noch alte Menschen sitzen. Eine Studie kommt jetzt zu einem anderen Ergebnis.

"Silbersee" lautet das böse Wort für das, was Besucher klassischer Konzerte meistens um sich herum wahrnehmen: ein Meer von grauen und weißhaarigen Köpfen. Das Klassikpublikum gilt als überaltert, was immer wieder zu dem Unkenruf führt, die Klassik könne auf biologischem Weg verschwinden.

Eine Studie der Hamburg Media School erhebt da nun deutlich Einspruch. Im Auftrag des Monatsmagazins Concerti fanden die Forscher heraus, dass immerhin knapp 15 Prozent der klassikaffinen Bevölkerung unter dreißig Jahren alt sind. Kombiniert man das mit einer Studie des Allensbach Instituts aus dem vergangenen Jahr, nach der sich ein sattes Drittel aller Deutschen prinzipiell für Klassik interessiert, dann dürfte es sich bei den jungen 15 Prozent nicht um eine Randgruppe handeln. Und um eine ziemlich aktive dazu, wie die neue Studie zeigt. Denn von den 20- bis 29-Jährigen gingen im vergangenen Jahr knapp achtzig Prozent mindestens fünf Mal ins Konzert. Das sind mehr als in anderen Altersgruppen. Die Rentner übrigens stellen 23 Prozent der Klassikhörer.

Jeder zweite Klassikfreund hört fast täglich klassische Musik

Allerdings bleibt eine Sache ausschlaggebend für das Interesse, wie die Forscher herausfanden: eine entsprechende Vorbildung. Fast sechzig Prozent aller Klassikhörer hatten bereits im Kindesalter Kontakt mit klassischer Musik. Und zwei Drittel von ihnen musizieren selbst aktiv. Das gilt sogar noch mehr bei den Jungen: Achtzig Prozent derer, die sich in diesem Alter überhaupt für Klassik interessieren, spielen selbst ein Instrument oder singen. Wobei sich im Detail eine überraschende Verschiebung ergibt: Nennen alle Altersgruppen Elternhaus und Schule als prägende Faktoren, dann spielen bei den Jungen inzwischen auch die vielen Musikschulen eine ausschlaggebende Rolle. Das bestätigt all jene, die junge Menschen möglichst frühzeitig an klassische Musik heranführen wollen.

Die Studie zeigt: Wer Bach, Mozart oder Bartók erst mal schätzen gelernt hat, bleibt meistens intensiv dran, auch bei der Suche nach entsprechenden Liveerlebnissen. Gut jeder zweite Klassikfreund hört "praktisch täglich" klassische Musik und geht ungefähr einmal im Monat ins Konzert. Auch die Veranstalter könnten also etwas weniger klagen, als sie es manchmal tun. Ihnen freilich gibt die Studie einen Rat mit: mittels einer geschickteren Preispolitik darauf zu reagieren, dass sich unter ihren potenziellen Kunden neben einer beachtlichen Zahl Besserverdienender auch besonders viele geringverdienende junge und alte Menschen befinden. Neben den üblichen Studentenkarten ließe sich zum Beispiel an eine stärkere Splittung der Preise denken.

Etwas stutzen lässt allerdings eine andere Zahl: Vier von fünf klassikaffinen Menschen leben in Haushalten ohne Kinder. Macht Klassikhören etwa einsam? Plausibler dürfte hier die Erklärung sein, dass Menschen mit Kindern einfach weniger Zeit haben, sich zu Hause einstündige Bruckner-Symphonien anzuhören oder ins Konzert zu gehen. Das dürfte übrigens auch ein wesentlicher Grund für den "Silbersee" sein. Viele, die als junge Menschen bereits im Konzert waren, dürften erst wiederkehren, wenn die eigenen Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Und über den "Nachwuchs" in dieser Altersgruppe muss man sich angesichts der steigenden Lebenserwartung wahrlich keine Sorgen machen.

© SZ vom 08.07.2016

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