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Klassik in Europa:Quartett für Pflanzen

Immerhin wird hier nicht gehustet: Einige der 2292 Pflanzen, die hochwertig beschallt und danach als musikalische Botschafter verschenkt wurden.

(Foto: Opera Barcelona)

In Barcelona wird vor Chrysanthemen musiziert, Zürich überträgt aus dem Probenraum ins Opernhaus: Ein Streifzug durch Europas Konzertsäle in Corona-Zeiten.

Von Reinhard J. Brembeck

Für Fans von Livemitschnitten klassischer Konzerte sind die Zeiten derzeit besonders hart. Es wird zwar nach drei Monaten Generalpause wieder musiziert und gesungen, aber meist nur vor ganz wenig Publikum und in Kammermusikbesetzung. Oper, vor allem in ihrer ausgewachsenen Form mit 100-Mann-Orchester, Massenchor und abstandsloser Regie ist weiterhin tabu. Nun hat das legendäre Opernhaus in Barcelona, das Liceu, für kommenden Montag um 17 Uhr die Wiederaufnahme des Spielbetriebs angekündigt, mit einem Stück von Giacomo Puccini. Puccini hat an diesem Haus eine besondere Bedeutung: Dessen "Turandot" war das letzte Stück vor dem verheerenden Brand 1994 und dann auch das erste bei der Wiedereröffnung 1999.

Dieses Mal aber wird keine seiner Opern zur Wiedereröffnung gegeben, sondern die "Crisantemi", Puccinis einziges und nur sechsminütiges Streichquartett. Jeder Blumenfreund weiß, dass die Chrysantheme kein passendes Geschenk für eine geliebte Frau ist. In Asien daheim, war sie zwar in Japan die dem Kaiser vorbehaltene Blume und in China Symbol für langes Leben. Nach ihrer Emigration ins barocke Europa machte sie aber als Herbstaster eine steile Karriere als Grabschmuckpflanze. Nicht zufällig klemmt dem ersoffenen Bierfahrer in Gottfried Benns Gedicht "Kleine Aster" die titelgebende Blume zwischen den Zähnen.

Puccinis als Trauermusik 1890 komponiertes Quartett ist also das Stück der Klassikstunde. Der spanische (Video-)Künstler Eugenia Ampudias lässt das Quartett deshalb auch nicht vor real existierenden Zuhörern spielen, 2292 durften bis vor ein paar Monaten noch in den Saal, sondern vor ebenso vielen im Auditorium verteilten Pflanzen, die danach an Mitarbeiter der Gesundheitsinstitutionen verschenkt werden. Als Klassikfan ist man da schon etwas neidisch auf die Pflanzen und denkt daran nach Barcelona zu fliegen und sich dort verkleidet als Chrysantheme ins Liceu zu schmuggeln.

"Denn es bedeutet, dass wir keine Schrumpfkunst bieten müssen, sondern wirklich große Oper machen können."

Denn ansonsten ist das Angebot an Opern und Orchesterkonzerten derzeit noch mau - gelinde gesagt. Klar, da sind die Salzburger Festspiele mit ihren wenigen Opernproduktionen und Orchesterkonzerten oder das gerade von Riccardo Muti eröffnete Ravenna Festival mit seinen Freiluftkonzerten. Ansonsten aber herrscht Flaute. Gerade haben die Dirigenten Simon Rattle und Mark Elder in einem Brandbrief an die Tageszeitung Guardian davor gewarnt, dass viele englische Orchester, seit langem deutlich weniger öffentlich unterstützt als deutsche Ensembles, bald schon pleite gehen könnten. Ermutigend klingt das nicht.

Noch trister stimmt die Durchsicht der Websiten der großen Opernhäuser. Die meisten melden rein gar nichts zur kommenden Spielzeit. Dabei wurden schon zu Frühlingsbeginn die Spielpläne publiziert, die jetzt allerdings samt und sonders Makulatur sind. Die Bayerische Staatsoper wird nächste Woche ihre neuen Pläne vorstellen - für September. Im Moment wird der Orchestergraben überbaut, so dass beim nächsten Konzert mit Kirill Petrenko immerhin 35 Musiker und 100 Zuschauer auf die Bühne passen. Mehr lassen die rigiden bayerischen Coronabestimmungen gerade nicht zu. Ob und wann die gelockert werden, weiß derzeit niemand.

Sehr viel forscher geht es in Österreich zu. An der Wiener Staatsoper hält der neue Intendant Bogdan Roščić geradezu trotzig an seinem Programm fest, mit dem er sein verschnarchtes Haus endlich wieder künstlerisch interessant machen könnte. Ob er aber selbst glaubt, dass das so kommen wird?

Während die Staatsoper Hamburg die Spielzeiteröffnung mit Modest Mussorgskys riesig besetztem "Boris Godunov" (zwanzig Solisten!) abgesagt hat und durch Kurt Weills "Sieben Todsünden" ersetzt, Frank Castorf inszeniert, hält das Zürcher Opernhaus an ihrem "Boris" fest. Weil aber nur 191 Zuschauer, 18 Musiker im Graben und kein oder nur ein Kleinchor möglich wäre, hat sich das Team um Intendant Andreas Homoki nach dem Vorbild der Bregenzer Festspiele womöglich Richtungsweisendes einfallen lassen. Zürich baut den externen Probenraum zu einem Tonstudio um, lässt dort Chor und Orchester musizieren und überträgt alles live ins Opernhaus, wo die von Michael Volle angeführte Solistenriege agiert. "Für uns", sagt Homoki, "war dieses Konzept der Durchbruch. Denn es bedeutet, dass wir keine Schrumpfkunst bieten müssen, sondern wirklich große Oper machen können." Jetzt müssen nur noch die Zuschauer mitspielen. Oder eben doch als Chrysanthemen verkleidet nach Barcelona reisen.

© SZ vom 20.06.2020

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