Kiss: Was geschah, während wir schliefen Im Ersatzteillager der Nacht

Noémi Kiss schickt ihre Erzählerin nachts durch die schäbigen Bars Berlins - und zeigt, was moderne Literatur mit der Welt so alles anfangen kann.

Von Hans-Peter Kunisch

Hier geht es um Sex, Drogen und einen Mord in einer kleinen Bar im schmuddligeren Teil von Berlin-Schöneberg, wo sich nach drei Uhr nachts Menschen zusammenfinden, die "allein, allein, allein" sein wollen, "doch die von jedem mitgebrachte Einsamkeit addiert sich, die Summe bringt das Eis zum Schmelzen". Paare sind ungern gesehen, das Ereignis, das es zu erleben gilt, ist die "nackte Offenheit in den Herzen".

In "Trans", einer der Erzählungen aus "Was geschah, während wir schliefen" soll man einen Ort zu verstehen - so, wie er sich in einer bestimmten Nacht präsentiert hat.

(Foto: AP)

Dazu gehört, dass hier alles, was man sehen und drücken kann, auch zu haben ist. Zuerst berührt die Ich-Erzählerin die Silikon-Brüste von Sabrina: "Sabrina ist die bekannteste Hure der Yorckstraße. Ein Teil der Kunden hat keine Ahnung, dass sie keine Frau ist, darauf ist sie am meisten stolz. Ihre schönen, operierten Brüste sind Ersatzteile der Nacht, Zahnräder ihres Lebens. Ich weiß noch, als sie eintrat, schaute jeder hin ( ...)." Es kommt sehr darauf an, wie man eine kleine schmierige Bar beschreibt: Sex, Drugs etc.. sind in Büchern oft das Langweiligste der Welt. Hier, bei Noémi Kiss, sind es die Abstrakta, die Zahnräder des Lebens, die Offenheiten der Herzen, die ihre Erzählung "Trans" interessant machen.

In der deutschsprachigen Literatur gibt es so etwas wie bei Noémi Kiss, die 1974 in Gödöllö, der Heimat Sisis, geboren wurde, derzeit nur bei Navid Kermani, in seinen kurzen, oft ebenfalls etwas schäbigen und zugleich durchgeistigten Liebesgeschichten. "Trans" ist der Versuch, einen Ort zu verstehen, wie er sich in einer bestimmten Nacht präsentiert hat. Immer bohrender spürt die Ich-Erzählerin diesem "Loch", dieser "Röhre", nach, in der nicht gedealt werden darf: "Wer Geschäfte macht, den lassen sie nicht mehr zur Tür herein. Händler haben keinen Zutritt zur Hölle, es gibt keine Beziehungen, es gibt auch keine Angeberei, kein Geld, kein Aufschneiden, du kannst nicht geizig sein, denn hier hat keiner etwas, du kannst nicht einmal lügen, denn an diesem Ort gibt es keinen Unterschied zwischen Phantasie und Wirklichkeit."

Eigentlich wollte die Ich-Erzählerin nach Berlin reisen, um Bibliotheken, Flüsse und andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen, doch H., der Freund eines Freundes, führt sie auf einen Spaziergang durch die nächtliche Stadt. Er macht Musik und hat die Bar, um die es geht, im Text eines Liedes erwähnt, ohne selber dort gewesen zu sein. Auch für ihn ist die abgerissene Welt, in die sie kommen, eine Entdeckung. "Ich versuche, in den Seelen zu stochern, gebe mir Mühe, strenge mich an, will sie verstehen, aber es geht nicht."

Jeder, der einsam ist, verdient es, denn er ist ein schlechter Mensch

Geschickt arbeitet Kiss mit erzählerischen Sprüngen in Zeit und Raum. Vor und zurück schickt sie ihre Heldin, die sich die große Stadt Berlin, die in der Bar auf kleinem Raum konzentriert ist, übersichtlicher vorgestellt hat. Aber sie akklimatisiert sich schnell: "Keiner tut mir leid, jeder, der hier ist, verdient es, hierher gekommen zu sein, auch wir. Jeder, der seine Nacht in so einer schmierigen Bar verbringt, ist gleich; jeder, der einsam ist, verdient es, denn er ist ein schlechter Mensch, etwas stört ihn in der Welt, aber er kann nicht darüber reden."

Um fünf Uhr morgens gibt es schließlich einen Mord, dessen Motiv allen klar vor Augen steht: die, ja, es gibt sie auch in der Hölle: Eifersucht "einer alten Hure" auf eine junge Frau. "Wie im Film" sitzen die Gäste derweil an der Bar. Verstört und ernüchtert verlassen sie irgendwann den Raum. Doch die Geschichte ist nicht zu Ende. Zwischen Leo, einem Drehbuchautor aus der Bar, und der Ich-Erzählerin ergibt sich etwas: "Zuerst behauptete er allerdings, dass er schon lange nicht mehr an die Liebe glaube. Na bitte, jetzt habe ich ihn am Hals, jeden Abend kommt er mir mit seinen Gefühlen."

Die Gefühle sind in diesen Erzählungen immer etwas am Rande der sogenannten Normalität angesiedelt. In "G wie stumme Grenze" etwa, die in Frankfurt an der Oder liegt, wo die Ich-Erzählerin, eine Tänzerin, die hier ein Engagement hat, sich in einen kleinen, hässlichen Türken verliebt, vor dem alle sie warnen.

Lange Zeit scheinen sich die sechs Erzählungen immer weiter Richtung Osten und zurück in der Zeit zu tasten. "Erbe" führt die Ich-Erzählerin gegen Ende dorthin, wo kaum Gefühle vorhanden waren, in ihre Kindheit, zur Oma, deren Kontrollerziehung, die sich auf die Mutter übertragen und die Enkelin schließlich in die Flucht getrieben hat, auf das unsichere Terrain, dem sie in Frankfurt an der Oder und in der kleinen, schmierigen Schöneberger Bar begegnet ist. Wenn Noémi Kiss in diese Richtung weitergeht, kann man auf sie sehr gespannt sein. Alle Texte sind gut geschrieben, aber keiner zeigt so genau wie "Trans", was moderne Literatur mit der Welt anfangen kann, wenn sie sich nicht damit zufrieden gibt, sie zu kopieren, sondern die Funken ahnt, die aus ihr zu schlagen sind, wenn sich die Gedanken an ihr reiben.

NOÉMI KISS: Was geschah, während wir schliefen. Erzählungen. Aus dem Ungarischen von Agnes Relle. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2009. 182 Seiten, 19,80 Euro.