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"When You See Yourself" von den Kings of Leon:Im Engelskostüm in die Luft

Diesmal haben sich die "Kings of Leon" bei der Albumproduktion angeblich wirklich nicht untereinander geprügelt. Andererseits: Sagen sie immer.

(Foto: Sony Music)

Die "Kings of Leon" waren zuletzt sülzig, buttrig und pathetisch. Ihr neues Album setzt das fort. Bis die Momente der totalen Auflösung kommen.

Von Joachim Hentschel

Er sei bestürzt, sagte Maroon-5-Sänger Adam Levine jüngst in einem Interview auf der Apple-Music-Plattform, und zwar darüber, dass es heute irgendwie keine richtigen Bands mehr gebe. "Sie sind eine vom Aussterben bedrohte Art!", mahnte er, und obwohl das natürlich schon bei mittelgenauer Betrachtung brüllender Blödsinn ist, kann man sich denken, was er meinte. Das Modell der vier Freundinnen und Freunde, die wie Pech, Schwefel und Anthrazit zusammenhalten, sich Gitarren oder ähnlich verkabelte Geräte umschnallen und dann auf der Bühne die Show meistern wie eine Bergtruppe die Aiguille du Midi - dieses Modell hat 2021 natürlich längst nicht mehr den fortschrittlichen Ruf wie, sagen wir, 1979.

Keine Sorge, Bands gibt es weiterhin, aber an der Spitze der Pop-Bewegung stehen heute nun mal fluidere, stärker an digitalen Arbeitsformen orientierte Konzepte. Dabei ist es genau die alte Idee, diese verlorene Romantik, das ewige Rascheln und Raunen in der Sumpfebene des Rock, das die Kings of Leon aus Nashville, Tennessee umschwärmt. Die Aura des Impulsiven, die sie immer noch wie latente Hoffnungsträger strahlen lässt, sobald sie zur neuen Spielsaison um die Ecke schlurfen. Verschworen, haarig, halbstark.

Vom Blutroten ständig direkt ins Blutleere pumpende Rock'n'Roll-Andeutungen

Das ist allein schon deshalb eine Illusion, weil auch die Kings of Leon seit vielen Jahren extrem ausgedachte, konstruierte Musik spielen. Gestartet waren sie als Post-Millenniums-Garagenband in den stecknadelgenau richtigen Lederjacken. Darauf folgte relativ schnell die Stadionphase mit Spektakel-Erfolgen wie dem mehr als sechs Millionen mal verkauften Keine-weiteren-Diskussionen-Album "Only By The Night" von 2008. Aber eben auch mit einer Musik, die plötzlich eine Menge Geschmacksverstärker brauchte, eingebaute Phantomschmerzen, und Hallräume, um in den großen Dimensionen darstellbar zu sein. 2016 schafften sie ihre erste Nummer eins in den USA. Das Gefühl, die Aufmerksamkeit würde nachlassen, ist also weiter unbegründet.

"When You See Yourself" von den Kings of Leon: Immer weiter Richtung Transzendenz.

(Foto: Sony Music)

Zumal "When You See Yourself", die jetzt erschienene, achte Platte der Band, den Verlauf fortsetzt. Wer bei den Kings of Leon zuletzt den kross angefackelten Südstaaten-Rock vermisste, wer noch genug Interesse aufbringen konnte, um ihre neuen Songs zu sülzig, buttrig und pathetisch zu finden, kann bei seiner Meinung bleiben. Und sich noch zusätzlich darüber aufregen, dass sie das Versprechen von Exzess und Urwuchs weiter im Raum schweben lassen. Es liegt im leicht besoffenen Tennessee-Drawl von Sänger Caleb Followill, in den ständig vom Blutroten direkt ins Blutleere pumpenden Rock'n'Roll-Andeutungen. In den nicht enden wollenden Geschichten um die drei Brüder und ihren Cousin, die in Interviews berichten, dies wäre das erste Album, bei dessen Aufnahmen sie sich nicht untereinander geprügelt hätten.

Ach, diese Jungs.

Wobei die vielfach zu lesenden Hinweise, die Band solle sich endlich wieder auf ihre musikalischen Holzwurzeln besinnen, ebenso verfehlt und rockistisch sind. Wenn an "When You See Yourself" etwas interessant ist, dann sind es die Momente der totalen Auflösung. Die Passagen, in denen der Synthesizer- und Echogitarren-Fluff zu so mächtigen Wolken anwächst, dass auch der ganze Rest der Musik immer weiter Richtung Transzendenz gedrückt wird. "Is the world I belong to just a shade of light?", fragt Sänger Followill an einer Stelle, mit der Stimme nur noch kurz vor dem Wetterleuchten. Und da erkennt man das verkappt kosmische Potenzial, das im Erfolgssound dieser Kings of Leon liegen könnte. Wenn sie nur noch ein bisschen konsequenter wären.

Sie sollten einfach mal die Rockerklamotten ablegen, endgültig und demonstrativ. Sollten in amerikanische Engelskostüme schlüpfen und zünftig in die Luft gehen. Und ja, auch das wäre eine Pose, die auf grobkörnig schwarzweißen Bandfotos so richtig dufte aussehen könnte.

© SZ/biaz
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