Kinderoper Staunen und Verzauberung

Simon Rattle dirigiert in der Berliner Philharmonie "Was lauert da im Labyrinth?" von Jonathan Dove - mit spektakulär wogenden Chören.

Von Wolfgang Schreiber

Chorheerscharen von Kindern und Jugendlichen besetzen die Podien und Podeste der Berliner Philharmonie, erklimmen die Stufen des Konzertsaals und singen erhitzt eine Stunde lang um die Wette, unter der Leitung von Sir Simon Rattle und drei Subdirigenten. Scharouns Philharmonie wird zum Abenteuerspielplatz einer Kinderoper, Krönung der diesjährigen Education-Arbeit der Philharmoniker. Und das jugendliche Publikum tobt und bejubelt am Ende minutenlang ein Musiktheater, das eine legendäre Handlung aus der griechischen Mythologie mit dramatisch angriffslustiger Musik kombiniert, Stücktitel: "Was lauert da im Labyrinth?".

Der Komponist dieser von Alasdair Middleton geschriebenen Oper ist der Brite Jonathan Dove, gebürtiger Londoner des Jahrgangs 1959, Liedbegleiter, Repetitor, Animateur, Arrangeur. Und der hat viel Erfahrung mit dem Musiktheater gesammelt, über zwanzig Stücke hat er bereits komponiert. Dove glaubt, dass Oper populär sei für jedermann: "Sie ist doch ein Ort der Schönheit, des Staunens, der Freude und der Verzauberung." Jonathan Dove hat neben der Flughafenkomödie "Flight" auch zwei TV-Opern geschrieben, "When She died" 2002 über den Tod von Prinzessin Diana und "Man in the Moon", eine Phantasie über die Mondlandung. In Deutschland bekannt wurden "Pinocchios Abenteuer".

Effektvoll für die Solisten, die vielen Chöre, dramaturgisch gut gebaut, in spannungsvolle Bewegungsabläufe gebracht von Regisseurin Annechien Koerselman: das alles ist Jonathan Doves Kinderoper. Es geht um die griechische Sage von Theseus, der sich nach Kreta aufmacht, um das menschenfressende Monster Minotaurus, halb Stier, halb Mensch, zu töten, das jährlich sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen in seine tödliche Höhle lockt. Das alles wird in "Was lauert da im Labyrinth?" , einem Auftragswerk der Berliner Philharmoniker gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra und dem Festival d'Aix-en-Provence, in zwei Akte von einstündiger Dauer gepresst, griffig in Rezitative und Ariosi der Solisten und Chöre unterteilt, musikalisch quirlig, eingängig verhandelt.

Am spektakulärsten sind die melodisch und rhythmisch hin- und herwogenden Chöre

Mit dem wilden Sprechprolog des mordlüsternen Kreterkönig Minos (Götz Schubert) beginnt die Oper. Theseus (Florian Hoffmann), der tollkühne Kinderretter im Labyrinth, und seine Mutter (Eva Vogel) treten in Erscheinung, dazu Dädalus (Pavlo Hunka) und dann der barbarische Minotaurus selbst, dargestellt von dem Tänzer Gabriel Frimpong.

Am spektakulärsten aber sind die melodisch und rhythmisch hin- und herwogenden Chöre: Sie verkörpern singend, rufend, schreiend die hilflosen Athener, die unerschrockene Jugend Athens, die fassungslosen Kinder Athens, die sadistischen Kreter - natürlich mit Happy End.

Eindrucksvoll, was Chordirigent Simon Halsey und seine Mitstreiter in monatelangen Proben mit dem "Vokalhelden-Projektchor" - bestehend aus Laiensängern und Schulchören aus Hellersdorf, Neukölln, Moabit oder Schönberg - auf die Beine gestellt haben an intonatorischer Klarheit und rhythmischer Deutlichkeit, an Klangcharakter.

Und das Orchester aus Berliner Philharmonikern und ihren Akademie-Stipendiaten sowie Berliner Schülerinnen und Schülern spielt dazu in erheblicher Orchesterstärke auf dem erhöhten Podium inmitten all der Chöre, angefeuert von Simon Rattle. Der jugendlich aufbrausender Enthusiasmus im Saal signalisiert, dass klassische Musik und Oper vielleicht doch nicht nur für die älteren Bildungsherrschaften reserviert ist.

Jugendprojekte, Education, Kinderopern - dafür sind sich heute die großen Maestri nicht mehr zu schade. So hat auch Daniel Barenboim neulich ein "Kinderöperchen" von nur zwanzig Minuten Dauer geleitet, für das Daniel Kehlmann ein Libretto schrieb und Dieter Schnebel die Musik komponierte, und das von Vorschulkindern aus dem von Barenboim vor zehn gegründeten "Musikkindergarten" gespielt wurde.