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Kindergeschichte aus Managua:Vanilleeis schon zum Frühstück

Hermann Schulz erzählt in seiner "Reise nach Ägypten", wie ein kleiner Straßenjunge durch die Weihnachtsgeschichte wieder gesund wird.

Von Roswitha Budeus-Budde

Es ist Weihnachten in der Kinderklinik in Managua. Wie jedes Jahr wird Dr. Silva, den alle kleinen Patienten so lieben, seine Runde mit Geschenken durch die Zimmer machen. Doch zuerst muss er die Weihnachtsgeschichte erzählen. Von der Maria mit einem besonders dicken Bauch, den hat zwar ihr Mann Josef auch, aber bei ihm kommt's vom vielen Essen. Das Gekicher der Kleinen beschwingt auch den Erzähler, er findet immer ungewöhnlichere Variationen der heiligen Geschichte, schmückt sie aus mit Ereignissen, die die Kinder auch aus ihrem eigenen Leben kennen. So unterbrechen sie den Arzt immer wieder, fragen nach, ob es wirklich so gewesen ist, besonders als er am Schluss die Heiligen Drei Könige auftreten lässt. Die bringen außer Geschenken noch einen wichtigen Rat mit: "Josef, alter Freund! Mach dich mit deiner Familie auf die Socken! Nimm den Esel mit, damit deine Frau mit dem Kind nicht laufen muss. Denn der König Herodes, der alte Verbrecher, hat davon Wind gekriegt, dass das Christkind geboren wurde und bald ein großer Herrscher sein wird. Das ist ein ganz fieser Typ, sag ich dir", und auf Josefs Frage, was er denn tun solle: "Am besten, ihr macht euch sofort auf den Weg in unser Nachbarland Ägypten, da finden die euch nie. Außerdem ist allgemein bekannt, dass es in Ägypten ein Gesetz gibt, das es unter Strafe verbietet, Kindern etwas Böses zu tun." Die kleinen Zuhörer sind verblüfft, da gibt es einen Ort auf der Welt, wo Kinder sicher sind?

Hermann Schulz erinnert sich in "Die Reise nach Ägypten" an die Erzählungen seines Freundes Fernando Silva aus dessen Zeit als Arzt der Kinderklinik in Managua. An seine Erfahrungen mit seinen kleinen Patienten, die, oft in den Slums und ohne die Fürsorge einer Familie aufgewachsen, die Heilsgeschichte der Geburt Christi völlig ohne verklärendes Pathos aus ihrem Leben begreifen. Eine Stimmung, die sich auch in den sepiafarbenen Zeichnungen von Tobias Krejtschi ausdrückt.

Dieses Leben der Kinder findet sich in den Dialogen zwischen dem Arzt und seinen kleinen Kranken wieder. Wie in den anderen Kinderbüchern von Hermann Schulz sorgt es oft für befreiende Komik, wenn die kindliche Vorstellung mit der Realität kollidiert. Oder wenn die Fantasy Hoffnung weckt und ein Wunder bewirkt, wie es bei dem kleinen Filemón geschieht. Er wurde auf den Stufen des Krankenhauses gefunden, ein Straßenjunge, der nicht spricht und isst, ohne Eltern, die für ihn sorgen. Für ihn wird die Geschichte der Flucht nach Ägypten das Schlüsselerlebnis auf dem Weg zurück ins Leben. Als er den Arzt um eine Busfahrkarte in eben dieses sichere Land bittet, erlebt er einen Abend voller Weihnachtszauber, bei dem ihm Fernando Silva erklärt, dass die Kinder in Ägypten nicht nur geschützt sind, sie "bekommen auch jeden Tag ein großes Vanilleeis schon zum Frühstück". (ab 8 Jahre)

Hermann Schulz: Die Reise nach Ägypten. Eine Geschichte für alle Jahreszeiten. Mit Illustrationen von Tobias Krejtschi. dtv-Verlag (Reihe Hanser), München 2016. 63 Seiten, 10,95 Euro.

© SZ vom 23.12.2016
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