Roman Als Gott die Fotografie erfand

In ihrem Debüt "Babel" zeigt Kenah Cusanit, wie der Forscher Robert Koldewey im 19. Jahrhundert Kulturgüter ausgrub, die heute in unseren Museen stehen. Ein Intellektuellenroman.

Von Thomas Jordan

Während Kaiser Wilhelm II. von "Babylon Berlin" träumt, hat Robert Koldewey Bauchschmerzen. In Kenah Cusanits Debütroman "Babel" gräbt der Archäologe, der ausgesandt ist, Preußens Ruhm mit der Schaufel zu mehren, nicht. Stattdessen liegt der Abgesandte der Deutschen Orientgesellschaft Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts leidend auf einer Fensterbank zwischen Euphrat und Tigris und tut so, als würde er in einem Handbuch der inneren Medizin lesen. Vielleicht der Blinddarm. So genau will er es aber gar nicht wissen. Stattdessen beobachtet Koldewey seine Assistenten beim Fotografieren der Grabungsfunde und lässt den Leser am Mäandern seiner Gedanken teilhaben. Das ist faszinierend und problematisch zugleich.

Mit "Babel" wagt sich die Berliner Essayistin und Lyrikerin Kenah Cusanit an einen Jahrtausendstoff. Dazu hat die studierte Altorientalistin Cusanit mit Robert Koldewey einen ortskundigen Protagonisten gefunden. Der Begründer der historischen Bauforschung grub ab dem Jahr 1899 das Fundament des legendären Turms zu Babel und ein Ischtar-Tor aus. Damals wurde die Rechtmäßigkeit dieses Tuns kaum hinterfragt. Heute kann man das Tor im Berliner Pergamonmuseum besichtigen. Und das ist nicht die einzige Verbindung zwischen den beiden Städten. Berlin und Babel wurden um 1900 häufig ineinander gespiegelt. Hier die seit der Gründung des Kaiserreichs 1871 aufstrebende Industriestadt, die zwar Fabriken hatte, sich aber nach einer eigenen großstädtischen Identität sehnte. Dort die antike Metropole, die Über-Stadt, an deren Mythos sich die Kulturen und Religionen seit Jahrtausenden abarbeiteten. Das Ausgangsszenario von "Babel" ist faszinierend vielschichtig und die Referenzen und Symbole, die ihm zu Grunde liegen, nahezu unerschöpflich.

All dies genügt Kenah Cusanit nicht. Die Essayistin und Lyrikerin will in ihrem Roman nicht nur freilegen, sondern auch deuten und kommentieren, was in Tausenden von Jahren zwischen Ost und West an verwandten Ideen in Technik, Architektur, Medizin und auch Lebenskunst verschüttgegangen ist. An diesem doppelten Anspruch überhebt sich der Roman. Angesichts all der Wissensbrocken taumelt die Erzählung zwischen Dozieren und Fabulieren. Was dabei herauskommt ist kein historischer Roman. Es ist eine Art langatmiges lexikalisches Erzählen, das immer dann, wenn es gerade passt, von den Freiheiten der Fiktion Gebrauch macht. Vergangenheit wird auf diese Weise zum Wühltisch für intellektuelle Fabulierer.

Ein solcher ist nämlich Cusanits Protagonist Robert Koldewey. In seinen Gedankenfluss mischt sich immer wieder ein dozierender Tonfall. Etwa wenn der Archäologe in einem mehrere Seiten langen Exkurs über das Bilderverbot im Islam räsoniert: "Aus religiöser Sicht gebe es absolut nichts einzuwenden gegen das Photo". Kulturgeschichtlich ist der darauf folgende Abschnitt über das Verhältnis von Natur, Licht und Gott durchaus aufschlussreich. Ebenso wie die Tatsache, dass sich an dieser Stelle die Ideen des preußischen Bauforschers und des algerischen Gelehrten Abd el Kader kreuzen. Das reicht Cusanit aber nicht. Sie sucht den geschichtlichen Extra-Spin, die besondere historische Pointe. Und so endet die Stelle mit der Feststellung, "die Photographie" sei "in diesem Sinne eine Erfindung Gottes". Hier macht sich ein erzählerisches Problem bemerkbar: Der Text zieht immer schon selbst die Schlüsse, die er nahelegt.

Cusanits Protagonist weiß, dass der Kulturimperialismus zum Scheitern verurteilt ist

Kolonialismus, Imperialismus und der bevorstehende Erste Weltkrieg, in dieser unübersichtlichen Grabungslage mutiert Robert Koldewey zum misanthropisch monologisierenden Geschichtsfabulierer. Cusanit schreibt das auch als Satire und Kritik am heroischen Bild des Wissenschaftlers im 19. Jahrhundert. Nur ist Koldeweys Perspektive im Roman viel zu dominant, um nur Karikatur zu sein - sie ist die einzige Sicht auf das Geschehen in Babylon und Berlin. Und der Text tut nichts, um sich von dem intellektuellen Malstrom des preußischen Orientkenners zu distanzieren. Ganz im Gegenteil: die Erzählstimme bleibt immer nahe an der Gedankenwelt des Protagonisten. Koldewey ist die unangefochtene Autorität des Textes. Deswegen wird es zum Problem, dass die Koldewey'schen Kulturvergleiche öfters in banalen Beobachtungen stecken bleiben. Das ändert sich auch nicht im zweiten Teil, wenn der Bauforscher vom Euphrat an die Spree reist. Zu Schinkels historistischer Architektur fällt ihm etwa ein: "In Babylon verwendete man den Baustoff wieder, in Berlin den Baustil."

Faszinierend ist dagegen eine andere literarische Grabung: Den Übergang von Bild in Schrift, wie er sich in der babylonischen Keilschrift über Jahrhunderte vollzog, greift Cusanit mit dem Fotografie-Motiv auf, das im Roman wiederkehrt. Wenn Koldewey und seine Assistenten der Deutschen Orientgesellschaft in Berlin von den Ziegelfunden des Ischtartores berichten, dann tun sie das meist mit Fotos anstatt mit Worten. Das technisch erzeugte Bild der Moderne führt auf diese Weise zu den Ursprüngen der Zivilisation zurück.

Der ausufernde Gedankenfluss Koldeweys macht aber auch vor den anderen Figuren des Textes keinen Halt. Die Assistenten Reuther und Buddensieg, der briefeschreibende Ex-Assistent Andrae und der streitbare Berliner Professor Delitzsch: Diese Figuren sind nicht viel mehr als Stichwortgeber für die nächste historische Fantasterei: Über die Gemeinsamkeiten zwischen Berliner Hochbahnen und den Streitwagen auf babylonischen Mauern. Oder die sprachliche Verwandtschaft zwischen Berlin und Babel. Beide Städte haben, heißt es im Text, "sehr ähnliche Wurzelkonsonanten: BBL und BRL, zuzüglich einer Endung, die auf N auslautete."

Der Architekt, Bauforscher und Archäologe Robert Koldewey (1855 - 1925) wurde – wie die Autorin Kenah Cusanit – in Blankenburg (Harz) geboren.

(Foto: mauritius images)

Koldewey biegt sich in "Babel" seine kulturgeschichtlichen Parallelen so ungeniert zurecht, dass deren satirischer Gehalt oft aus dem Blick gerät. In den Strom des Wissens dieses Protagonisten gehen dabei Briefe, Namenslisten von Arbeitern und Gelehrten und sogar Pläne für die Wiederinbetriebnahme eines Dampfers auf dem Tigris ein. Zurück bleiben textuelle Mischformen, die oft weder Essay noch Erzählung sind. An manchen Stellen ähneln sie Aphorismen. So wird gegen Ende des Buches gefragt: "Wer braucht Theologen, wo es Theodolite (Winkelmessgeräte) gab?"

Sprachlich wimmelt es bei dieser Expedition in Koldeweys Orient nur so von Selbstbezügen. Das kann leicht manieriert erscheinen. Etwa wenn es über den babylonischen Grabungsboden heißt: "Lehm, der sich durch das Wasser bewegte, indem er sich drehte. Wissen, das sich durch den Kopf bewegte, indem es sich drehte." Das Pathos des Wissenden, das hier aufgerufen wird, findet sich im Roman auch in der Form der raunenden Prophezeiung wieder. Wenn etwa Wilhelm II. bei einem Treffen mit seinem Archäologen von "Berlin als Bewahrerin der babylonischen Kultur" schwadroniert, kommentiert Koldewey und die Erzählstimme gibt es wieder: "Bis dann jemand Berlin unter Trümmern ausgrabe." Cusanits Protagonist weiß nicht nur, dass der kaiserliche Kulturimperialismus zum Scheitern verurteilt ist, Koldewey kennt im Jahr 1909 bereits die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Mitunter wirkt es so, als wolle Cusanit ihren Roman gegen den Vorwurf immunisieren, mal zu belehrend, mal zu fantasierend zu erscheinen. Etwa wenn sie Koldewey über eine "furchtbar evidente Geschichtsschreibung" klagen lässt, "die den poetischen Trost des Geschriebenen nicht kannte". Oder wenn sie den Philosophen Walter Benjamin zu Beginn des zweiten Teils "von dem Glück" schwärmen lässt, das der "tastende Spatenstich ins dunkle Erdreich" bereitet. Trotz faszinierender kulturgeschichtlicher Einzelfunde wird "Babel" auf diese Weise zum Lehrstück für poetische Privatgeschichtsschreibung.

Kenah Cusanit: Babel. Roman. Hanser Verlag, München 2019. 272 Seiten, 23 Euro.