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"Kein Ort ist fern genug":Im Stacheldraht der Worte

Die fluktuierende Identität zwischen polnischer Herkunft, argentinischer Wahlheimat, jüdischer Zugehörigkeit und Bewunderung für Deutschland war ihm nie problematisch vorgekommen: Autor Santiago Amigorena.

(Foto: LOIC VENANCE/AFP)

Leise, differenziert und niemals gewichtig: Der Argentinier Santiago Amigorena erzählt ein europäisches Exilantenschicksal während des Zweiten Weltkrieges.

Von JOSEPH HANIMANN

"Das innere Ghetto" lautet sachlich knapp der Originaltitel dieses Buchs und kommt dadurch seinem Inhalt näher als die deutsche Version. "Le ghetto intérieur", das klingt fast schon nach einem Essay. Und davon hat das Buch an manchen Stellen auch etwas. Der in Paris lebende argentinische Autor Santiago Amigorena erzählt die Geschichte seines Großvaters in dessen entscheidenden Lebensjahren 1940 bis 1945. Davor war die Existenz des aus Warschau nach Südamerika übersiedelten Vicenty Rosenberg nur eine der damals typischen Auswandererstorys gewesen: Abkehr von der eigenen Vergangenheit und hoffnungsvoller Aufbruch in eine damals noch nicht als Zwischenkriegszeit erkennbare Zukunft. Danach war seine Existenz dann offenbar nur noch ein undurchdringliches Schweigen, des Erzählens schon nicht mehr wert.

Die fünf Kriegsjahre hingegen waren der Zeitrahmen für das Versinken eines Mannes in die Leere zwischen Skrupeln, Verzweiflung und fortschreitend verbissener Apathie. Das Versprechen an seine in Warschau gebliebene Mutter, ihr aus dem fernen Buenos Aires regelmäßig zu schreiben, hatte Vicente - so sein fortan argentinischer Vorname - nicht eingehalten und seine Einladung an sie, ihm dorthin zu folgen, war nie ganz aufrichtig gemeint. Denn zusammen mit seiner Frau Rosita und drei Kindern, mit seinen Freunden und einem florierenden Möbelgeschäft hatte für Vicente in Südamerika ein neues Leben begonnen. Und in dem Moment, wo die spärlich gewordenen Briefe aus Warschau von den schlimmen Lebensumständen im Ghetto zu sprechen anfangen, um schließlich ganz auszubleiben, ist es zu spät. Von Selbstvorwürfen zerfressen brennt Vicente nun darauf, zu wissen und zugleich nicht wissen zu wollen, was im fernen Europa mit den Seinen unter der Naziherrschaft geschieht. Dieses hilflose Bangen lässt ihn gegenüber seiner Umwelt allmählich vollkommen verstummen.

Ein Kapitel ist eine Begriffsgeschichte des Wortes "Genozid"

Der beim Lesen zunächst aufkommende Vorbehalt, dieses Thema von Ghetto, Gaskammern und Schoah sei literarisch weitgehend ausgeschöpft, legt sich bald. Nicht die Ereignisse als solche stehen im Mittelpunkt dieses Buchs, sondern der in Vicentes Kopf sich ausbreitende Nebel aus Nichtmehrwissenwollen, überhaupt Nichtmehrwollen, bei dem die Sprache sich allmählich zersetzt und die Worte erstarren. Als blasser Wiedergänger seiner selbst verbringt Vicente seine Nächte mit Pokerspiel, schläft bis mittags, nimmt Frau und Kinder kaum mehr wahr und tut im Büro nur so, als würde er arbeiten.

So eine Erscheinung kann einen Erzähler leicht überfordern. Dass die Geschichte weiter vorankommt, liegt allein an ihm. Der Autor Amigorena sucht dieser Schwierigkeit zu entkommen, indem er seine Erzählperspektive auf große Distanz setzt und als narrativen Antrieb die Weltgeschichte einsetzt. Aus der Zeitung La Nación erfahren wir mit seinem Helden am 18. Februar 1941 von ersten Gerüchten über Umsiedlungen, Ghettos und Lager für Juden in Osteuropa. Wir verfolgen den Wechsel der Nazi-Behörden von einer territorialen Lösung der "Judenfrage" in Form des "Madagaskar-Plans", des Transfers von Millionen von Juden nach Madagaskar, zur Endlösung im Sinne der Wannseekonferenz 1942. Wir lesen in einem Kapitel einen kurzen Abriss zur Begriffsgeschichte der Worte "Genozid", "Holocaust", "Shoah". Und mit einem eingestreuten "heutzutage" springt die Erzählung manchmal auch kurz voraus in unserer Gegenwart. Oder sie fühlt sich in die Wahrnehmung Rositas oder der Freunde von Vicente ein.

Darin zeigt sich indessen so etwas wie ein Konstruktionsfehler dieses feinsinnigen und klugen Buchs. Es fehlt eine klare Erzählerinstanz, von der aus Vicentes Rückzug aus der Realität gefiltert wird, persönliches Profil annimmt und sprachlich, psychologisch oder politisch uns in den Bann zieht. Es fehlt dem Roman eine Instanz, die sich erinnert oder die Situationen sich ausmalt. Statt sich direkt in seine Figuren zu versetzen, hätte der Autor sich vielleicht besser einen Stellvertreter erfunden.

Schlimm sei, wenn Juden gezwungen werden, sich nur als Juden zu fühlen

So sensibel Amigorena Vicentes Abdriften ins machtlose Grübeln, in Depression und Verzweiflung auf den regennassen Straßen von Buenos Aires oder im Kaffeehaus Tortoni zu schildern versteht, bleibt uns dieser Mann seltsam fern. Sein stereotyp wiederkehrender Traum von einer immer enger sich um ihn ziehenden Wand, die sich als seine eigene Haut erweist und schließlich mit einem Messer durchstochen wird, bewegt uns zwar, bleibt aber sein Traum und seine Sache. Die Verbindung von Einzeldrama und Welttragödie wirkt im Buch konstruiert. Rositas unbeantwortet bleibende Frage "Möchtest du noch mehr Gnocchi, Liebling?" am Familientisch kommt in kein rechtes Verhältnis zu den schlimmen Nachrichten aus Polen. Wenn Rosita dann den schon mit dem Strick um den Hals auf dem Stuhl stehenden Gatten im letzten Moment vom Springen abhält, tut sie das mit der Ankündigung, sie sei schwanger. Und kurz nach dem Tag des 8. Mai 1945, wo im fernen Europa der Krieg zu Ende geht, wird in Buenos Aires das vierte Kind der Familie geboren. Die Eltern nennen es Victoire.

Bis zur Nachricht von Ghetto, Verfolgung und Massenmord war Vicentes fluktuierende Identität zwischen polnischer Herkunft, argentinischer Wahlheimat, jüdischer Zugehörigkeit und Bewunderung für Deutschland ihm nie wirklich problematisch vorgekommen. Dann haben die Nazis ihn zum Juden gemacht. Mit am schlimmsten am Antisemitismus sei die Tatsache, dass die Juden dazu gezwungen würden, sich nur noch als Juden zu fühlen, sagt er sich. Wie diese auferlegte Fixierung aufs Eine den Eigenhass - als Pole, als Wunschdeutscher, manchmal auch als Jude - auf schmerzlich absurde Weise vervielfacht, wird in diesem Buch auf der Grenze zwischen Roman, Essay und Lebensbericht feinsinnig reflektiert. Ein Echo von Primo Levis "Ist das ein Mensch?" klingt mit, nur dass das Schuldgefühl, überlebt zu haben, sich auf jenes erweitert hat, gar nie bedroht gewesen zu sein. Und die Übersetzerin trifft den leisen, differenzierten, nie gewichtig daherkommenden Ton dieses offenbar lang gereiften Texts vorzüglich.

Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug. Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Aufbau Verlag, Berlin, 2020. 184 Seiten. 20 Euro.

© SZ vom 30.10.2020

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