Karosh Tahas zweiter Roman:Die Komödie der unkonjugierten Verben

Von wegen Einwanderungsgesellschaft: Das Wendebuch "Im Bauch der Königin" von Karosh Taha über zwei deutsch-kurdische Familien, ist buchstäblich von zwei Seiten lesbar.

Von Burkhard Müller

Wo soll man mit diesem Roman beginnen? Er hat zwei Titelseiten, die völlig gleich aussehen; von beiden Titeln aus erstreckt sich der Text bis in die Mitte, dann trifft er auf den Gegentext, der auf dem Kopf steht. Zwei unterschiedliche Klappentexte begleiten die Halbbücher, zweimal erscheint dort die Autorin, die 1987 geborene Karosh Taha, mit verschiedenen Porträtfotos. Doch heimlich scheint das Buch dem Leser zuzuzwinkern: Fang da an, wo das Lesebändchen oben ist! Und so steigt er ein mit der Geschichte Amals, die offenbar viel mit ihrer Autorin gemeinsam hat.

Amal, ihre Familie und ihre Nachbarn sind aus dem irakischen Kurdistan geflohen und leben nunmehr seit vielen Jahren in Deutschland, irgendwo im Ruhrgebiet. Sie sind dort heimisch geworden und doch auch wieder nicht, und dieses Zweierlei der Heimaten entfaltet zerreißende Kraft.

Die Mutter will unbedingt bleiben, denn ihre Tochter soll in einem Land aufwachsen, wo Mädchen radfahren dürfen und man nicht immer Angst vor der nächsten Autobombe haben muss. Der Vater hingegen ist unzufrieden mit seinem Job in einem Großlager und weigert sich, trotz der harten körperlichen Arbeit, sein weißes Hemd und seine schwarze Stoffhose gegen eine dreckige Jeans einzutauschen, fühlt er sich doch immer noch als der Architekt, der er früher einmal war; und als er die Chance erhält, setzt er sich bei Nacht und Nebel nach Kurdistan ab, gründet mit über vierzig eine eigene Firma und eine neue Familie und hinterlässt die alte in einem Zustand der Betäubung. Ähnlich trifft es Younes, den großen, schweigsamen Jungen, der, nachdem sein Vater grußlos verschwunden ist, jeden Tag auf dem Bürgersteig sitzt, mutlos mit einem Basketball dribbelt, nicht reagiert, wenn die anderen Jungs ihn verspotten, und - wartet. Vergeblich, wie sich versteht. Nachdem Amal (damit geht das Buch los) den viel stärkeren Younes verprügelt hat, sehr zur Missbilligung der kurdischen Community, die sie als "Mogli-Mädchen", als Wolfskind also, aburteilt, wird er ihr bester Freund und kommt ihr vielleicht näher als ihr eigentlicher Freund Raffiq.

Raffiq wiederum ist, ebenfalls als Ich-Erzähler, der Protagonist des anderen Halbbuchs. Auch in seiner Familie knirscht und kracht es, auch sein Vater will zurück, und bei Tisch bricht Streit aus, weil die Mutter die typischen irakischen Gewürze nicht mehr kriegt: was ist das für ein Fraß, das schmeckt ja wie bei den Almans! Überhaupt wird viel gestritten; Streit und der Trost durch Dritte, der dann unweigerlich fällig wird, sind die wichtigsten Formen sozialer Interaktion.

Lit.Cologne - Karosh Taha und Josefine Rieks

Karosh Taha, 1987 in Zaxo geboren, lebt seit 1997 im Ruhrgebiet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Und alle hegen ihre eigenen Ausbruchspläne: Younes will mit seinem Kumpel Raffiq zum Studieren nach Frankfurt, wo sein Vater lebt, Amal mit ihrer Freundin Jenny als Au-pair nach Amerika. Das Paar Amal-Raffiq zerbricht daran. Younes und Amal schaffen es schließlich zu ihren Vätern und stellen beide enttäuscht fest, dass dort kein Platz für sie ist. Wo aber dann? Weiter führen beide Bücher nicht und enden in Ratlosigkeit.

Diese Geschichte muss hier so ausführlich wiedergegeben werden, weil man aus den Ereignissen und in der dichten Atmosphäre des Doppelromans viel darüber erfährt, wie es einer bestimmten Migrantengruppe, die schon lang in Deutschland ist und teilweise auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ergeht; wie selbst an der jüngeren Generation, die schon mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen ist und Kurdisch nur auf dem Niveau eines Fünfjährigen beherrscht, das hochtrabende Wort von der Integration irgendwie vorbeigeht.

Die bodenständigen Deutschen, die "Almans", kommen nur als Randfiguren vor, als Lehrer, Chefs, Sachbearbeiterinnen im Ausländeramt, die sich selbst bei gutem Willen durch völlige Ahnungslosigkeit auszeichnen. In gewissem Sinn übernimmt Karosh Taha die Rolle einer Spionin, die die Alteingesessenen ins Bild setzt, wie es wirklich zugeht. Und diese sollten ihr dafür dankbar sein.

Das alles findet seinen Ausdruck in der einzigartigen Sprache des Buchs, die in ihrer Lebendigkeit und charakteristischen Kraft die Verwerfungslinien nachzeichnet. Wenn Raffiq seinen Vater an dessen Arbeitsplatz als Gabelstaplerfahrer Paletten aufschichten sieht, hört sich das so an: "Er stapelt sie ordentlich deutsch, ich frage mich, warum er nicht so ordentlich Deutsch spricht, wo er doch seit mehr als zehn Jahren unter deutschen Kollegen ist, er könnte wenigstens mal die scheiß Verben konjugieren, so viel Mühe muss man sich machen." Dann kommt der Chef dazu: "Herr Bauer ruft nach meinem Vater, wedelt ihn mit der Hand her. Wenn er das noch einmal macht, klatsche ich ihm eine. 'Herr Khalid! Kommen! Sohn da!' Ich schaue zu Herrn Bauer, der plötzlich angefangen hat, wie ein Spacko zu reden, Vater kommt lächelnd auf uns zu, klopft mir auf die Schulter: 'Raffiq, mein großer Sohn.' 'Sohn werden später fleißig wie Herr Khalid', meint der Chef. Alter, Sohn boxen Ihnen gleich in den Sack."

Hier ist alles beieinander, was so schmerzlich und so hartnäckig schiefgeht: der Sohn, Gymnasiast, der sich für seinen Vater schämt und diese Scham als Unmut maskiert. Der gar nicht merkt, wie viel Arroganz in dieser Scham und diesem Unmut steckt, wenn er seinem Vater zumutet, "Verben" zu "konjugieren", zwei Wörter, die dieser eher nicht versteht. Wie er seine Affekte in Wut auf den Chef umwandelt, der den Vater in diesem plumpen Gastarbeiterdeutsch, als wäre dies ein Entgegenkommen, karikierend nachahmt. Dann der Chef, der voller Stolz und Selbstgefälligkeit meint, das Seine zur Ankunft der Fremden in diesem Land geleistet zu haben, wenn er so redet, dass sie es begreifen können. Und der Vater, der die komplex angespannte Situation zwischen Chef und Sohn nicht wahrnimmt oder nicht wahrhaben will, anscheinend ergeben in seine subalterne, doch lebenssichernde Position.

Karosh Tahas zweiter Roman: Karosh Taha:  Im Bauch der Königin. Roman. Dumont, Köln 2020. 131 + 125 Seiten, 22 Euro.

Karosh Taha: Im Bauch der Königin. Roman. Dumont, Köln 2020. 131 + 125 Seiten, 22 Euro.

Die eigentliche Pointe, die man leicht überliest, liegt darin, dass der Vater, um den die beiden anderen, die kompetenten Sprecher, ihre spiegelbildliche Komödie der unkonjugierten Verben aufführen, der einzige ist, der korrektes Deutsch spricht: "Raffiq, mein großer Sohn."

Das gemeinsame Zentrum der beiden Halbromane aber und ihr Scharnier stellt Shahira dar, Younes' Mutter. Sie ist die titelgebende Königin, von deren wundervoll warmem Bauch die Männer sich so schwer losmachen können. Sie schlagen sich um sie auf offener Straße. Im Viertel, das weniger religiös als "kurdisch-moralisch" denkt, wird sie als Hure verachtet, weil sie immer neue "Onkel" für ihren Sohn anschleppt und offenbar unersättlich ist. Aber ihre Unbeirrbarkeit und verwirrende Schönheit machen sie auch zu einer Art von Göttin, der man wider Willen Verehrung zollen muss.

Es heißt von ihr: "Ihr Parfum folgt ihr als ihr Schatten." Hat das so schon mal jemand auf Deutsch gesagt? Wahrscheinlich nicht. Und doch versteht man es sofort. Möglich, dass darin eine gängige kurdische Redewendung steckt. Wenn ja, ist sie dank Karosh Taha hier angekommen, um von nun an die deutsche Sprache zu bereichern.

© SZ vom 17.08.2020
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