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Kampf um Naturschutz:Kraftprobe Nationalpark

Europaeischer Elch Alces alces alces Elchkuh mit Kalb in einem Wald Deutschland Bayern Bayeris

Das Geburtsgewicht der Elchkälber sinkt - und die Milch der Kühe ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

(Foto: imago/blickwinkel)

Natur Natur sein lassen, das war das Motto von Hans Bibelriether, der sich beim ersten Nationalpark Deutschlands durchsetzte gegen Förster und Politiker. Ein spannendes Dokument für energischen Naturschutz.

Von Christian Schütze

Ein Nationalpark macht viel Ärger - vor, während und nach seiner Errichtung. Beim (versprochenen) dritten Nationalpark in Bayern erleben wir jetzt die Phase vor der Gründung. Wo soll er entstehen, im Steigerwald, im Spessart, in der Rhön oder in einem Auwald an der Donau? Das ist offen. Aber wie es nach einer Entscheidung weitergehen könnte, kann man erahnen beim Lesen des Erinnerungsbuches von Hans Bibelriether "Natur Natur sein lassen". Dort berichtet der Gründungsdirektor des Nationalparks Bayerischer Wald, welche Widerstände es gegen solche Neuerungen gibt. Denn "Natur Natur sein lassen" widerstrebt einem Urtrieb des Menschen nach Ordnung und Sauberkeit - jedenfalls nach menschlichen Maßstäben.

Bibelriether schildert, wie sich die Freunde eines Naturparks Bayerischer Wald fanden: Hubert Weinzierl, der spätere Vorsitzende des BUND (Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland);Bernhard Grzimek, der mit einem possierlichen Tierchen im Fernsehstudio Unterhaltung bot; Horst Stern, dessen radikalökologischer Fernsehfilm "Bemerkungen über den Rothirsch" am Heiligen Abend 1971 die selige Bambi-Stimmung störte; der spätere Landtagspräsident Alois Glück (CSU); die Landräte von Grafenau, Wolfstein und Wegscheid, der Bund Naturschutz in Bayern und Gemeinden, die an den künftigen Nationalpark angrenzen würden. Man gründete einen Zweckverband.

Die Politik kam unter Druck. Im Frühjahr 1969 wurde Hans Eisenmann Landwirtschaftsminister, ein strikter Befürworter des Projekts und ein Glücksfall für den Wald in Bayern. Am 11. Juni 1969 beschloss der Bayerische Landtag einstimmig die Einrichtung des Nationalparks. Am 2. Oktober wurde Bibelriether auf Vorschlag von Eisenmann zum Leiter ernannt, sein Studiengenosse Georg Sperber (später prominenter Reformförster im Forstamt Ebrach im Steigerwald) zum Stellvertreter.

Das alles gefiel den Beamten der Staatsforstverwaltung, der Oberforstdirektion Regensburg und den Revierförstern im Gebiet der 13 000 Hektar Nationalpark überhaupt nicht. (Vor allem die Jäger unter ihnen sahen sich möglicher Trophäen beraubt.) Diese Forstleute der alten Schule machten es den beiden frisch promovierten unerfahrenen jungen Förstern recht schwer. Bibelriether erzählt, wie ihn bei seiner Einführung der Regierungsdirektor ansprach: "Herr Doktor Bibelriether, da tun wir jetzt mal drei Jahre so als ob, dann erledigt sich das von selber."

Weitere Gegner meldeten sich mit Zweifeln am Konzept und mit Verleumdungen: Der Bayerische Forstverein, der Bayerische Jagdschutzverband, der Verein Naturschutzparke e. V. Es folgten jahrelange Kämpfe um Holzmengen, die im Nationalpark gegen den Grundsatz "Keine wirtschaftsbestimmte Nutzung" geschlagen wurden. Viel zu viele Hirsche und Rehe fraßen junge Pflanzen und schälten Bäume. Sie mussten gegen den Widerstand des Landesjagdverbandes auf "unwaidmännische", aber wirksame Art in Wintergattern getötet werden. Als 1972 ein Sturm tausende Fichten umwarf, blieben diese in drei Revieren nicht als Totholz liegen, sondern wurden verkauft; die Förster wollten wohl zeigen, dass sie allein das Sagen hätten.

So vergingen die siebziger Jahre, bis 1983 der Borkenkäfer auf der Szene erschien. In einem Jahrzehnt mit besonders warmen Sommertemperaturen brachte er die Bäume auf großen Flächen um. Das Konzept "Natur Natur sein lassen" stand angesichts des trostlosen Bildes der toten Stümpfe vor dem Ende. Vom Kurdirektor bis zum Waldarbeiter forderten die Leute, es möge wenigstens zur Rettung des übrigen Waldes, zumal der angrenzenden Privatwälder, gespritzt werden. Doch Bibelriether, als "Totengräber des Bayerischen Waldes" mit Mord bedroht, hielt durch: Kein Gift im Nationalpark! Und bald konnte er auf die Naturverjüngung mit Baumarten hinweisen, die es vorher in der Fichtenmonostruktur nicht gegeben hatte. Auch der Fremdenverkehr litt nicht. In der Gemeinde Neuschönau stiegen die Übernachtungszahlen von 20 000 im Jahr auf 160 000.

1995 bis 1997 stand dann die Vergrößerung des Nationalparks an. Eine "Bürgerbewegung Nationalpark-Betroffener" bildete sich, unterstützt von vielen lokalen Sektionen des Bayerischen Waldvereins und Vertretern wirtschaftlicher Interessen. Wieder wurde behauptet, die Existenzgrundlage der Bevölkerung werde zerstört, das Trinkwasser vergiftet. Biebelriether wurde wieder beschimpft und bedroht.

Er hat das alles aus seinem Tagebuch, aus Zeitungsberichten, amtlichen Schriften oder Propagandamaterial mit ausführlichen Zitaten dokumentiert. Entstanden ist das Gemälde vieler Interessen an der "Ressource Wald".

Hans Bibelriether: Natur Natur sein lassen. Die Entstehung des ersten Nationalparks Deutschlands. Der Nationalpark Bayerischer Wald. Edition Lichtland, Freyung 2017. 280 Seiten, 19,80 Euro. E-Book 9,90 Euro.

© SZ vom 14.11.2017

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