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Jonas Hassen Khemiris Roman "Die Vaterklausel":Macht Erfolg harmlos?

Young Swedish author Jonas Hassen Khemiri presents his works during the 24th International Book Fair

Im Namen des Vaters: der schwedische Schriftsteller Jonas Hassen Khemiri.

(Foto: Vit Simanek/imago/CTK Photo)

Jonas Hassen Khemiris Romane über Einwandererfamilien in Schweden sind längst Weltbestseller. Sein neuer Roman "Die Vaterklausel" aber ist ein schwaches Buch.

Von Sophie Wennerscheid

Mit Halim, einem schwedischen Teenager arabischer Herkunft, erschuf der schwedische Schriftsteller Jonas Hassen Khemiri 2003 einen Helden der interkulturellen Literatur. Wütend erhebt sich der junge Ich-Erzähler zum "Gedankensultan" und rebelliert in gebrochener Diktion gegen seinen Vater, der sich allzu bereitwillig ins Wohlfahrtswunderland Schweden integriert. Die Kritik war begeistert und schwärmte in höchsten Tönen von der authentischen Stimme aus dem Vorort. Endlich hatte man ihn, den lang erwarteten Zweite-Generation-Einwanderer-Roman.

In seinen folgenden Romanen und Theaterstücken, die mittlerweile in mehr als 25 Sprachen übersetzt sind, zeigte Khemiri, dass diese simple Rechnung mit dem vermeintlich Authentischen nicht aufgeht. Identität ist nicht Natur, sondern Kultur, ein Spiegelkabinett aus Selbst- und Fremdbildern. Dass Khemiris Figuren in diesem Spiel der Stimmen und Perspektiven unfassbar bleiben, ist nicht nur folgerichtig, sondern trägt auch wesentlich zum Lesevergnügen bei.

Zwei Figuren schillern besonders: die Figur des Sohns und die des Vaters. Während der Sohn meist als Erzähler auftritt, ist der Vater derjenige, um den der Erzähler gedanklich kreist. Ist er feige oder geht er einfach seinen Weg, so gut er kann? Ist er ein Charmeur oder ein Scharlatan? Und warum ist er plötzlich verschwunden? Aus der undurchsichtigen Figur wird unversehens ein abwesender Vater, der sich nicht nur dem Zugriff des Lesers entzieht, sondern vor allem dem des eigenen Kindes.

Der Vater hält sich für einen guten Vater, der Sohn sieht das anders

Das ist der Grundkonflikt, den Khemiri auch in seinem fünften und neuesten Roman durchspielt. "Die Vaterklausel" erzählt leichtfüßig und humorvoll von der Schwierigkeit Familie zu sein. Der Großvater hält sich für einen guten Vater. Der Sohn, der mittlerweile selbst Vater von zwei kleinen Kindern ist, sieht das anders. Der Großvater hat sich, als er Vater war, um den Sohn, der jetzt Vater ist, nicht gekümmert.

Trotzdem verlangt er, dass der Sohn die Vaterklausel einhält und ihm das Büro als Wohnung zur Verfügung stellt, wenn er zweimal im Jahr nach Schweden einreist. Um seine geliebten Kinder und Enkelkinder zu sehen, sagt der Großvater, der ein Vater ist. Damit er in dem anderen Land, aus dem er einreist, keine Steuern zahlen muss, meint der Sohn, der ein Vater ist. Im raschen Wechsel der Perspektiven wird im Verlauf von zehn Tagen klar, dass in dieser Familie einiges unter den schwedischen Teppich gekehrt wurde. Aber zum großen Crash kommt es nicht. Enttäuschung wird zwischen die Zeilen verschoben und Wut wird kanalisiert. Schließlich ist man Familie. Und will es, trotz alledem, bleiben.

Das ist die Klausel, in die am Ende des Romans alle einwilligen. Anders als sein Vater verlässt der Sohn seine eigene Familie nicht. Er nimmt lediglich kurz Reißaus. Die Mutter der Kinder, die im Romankosmos Khemiris wie so oft nur eine Randfigur ist, checkt alle paar Minuten das Handy, obwohl sie ihn eigentlich gerade noch vor die Tür hatte setzen wollen. Ihm wird doch nichts zugestoßen sein? Nein, alles gut. Morgen ist er wieder da. All das ist leider ziemlich erwartbar. Jeder und jede, die Kinder haben, die Eltern haben, kennen diesen Frust und dieses Sehnen und Hoffen, geliebt zu sein, anerkannt zu werden. Das hast du toll gemacht, Schatz.

Das "Ausländerschwedisch" wurde nicht adäquat ins Deutsche übersetzt

Nein, ganz ehrlich, das ist nicht so gut geworden. "Die Vaterklausel" ist ein schwaches Buch. Wir bekommen das ichweißnichtwievielte Porträt einer Mittelklassekleinfamilie im Stress. Ob sie einen Migrationshintergrund hat oder nicht, spielt keine große Rolle. Das aber macht sie nicht spannender. Auch dass die Figuren gänzlich entpersonalisiert sind und sie immer nur über den Erzähler vermittelt reden, macht sie nicht interessanter. Die frühere Vielstimmigkeit Khemiris ist verloren gegangen, und über 330 Seiten hinweg hören wir immer nur diese eine Erzählerstimme, gleichgültig, aus wessen Perspektive wahrgenommen wird. Da kann das Ganze noch so pointiert geschrieben sein, auf die Dauer ist es öde.

In einem 2017 gegebenen Interview hat Khemeri sich angesichts seines großen Erfolgs bei Lesern wie Kritikerinnen einmal die Frage gestellt, ob "diese Umarmung einen zwangsläufig zahnlos, ja ungefährlich macht". Für "Die Vaterklausel" scheint das zuzutreffen. Bleibt zu hoffen, dass das im nächsten Buch wieder anders wird. Denn Khemiri kann ja schreiben. Das meint ganz offensichtlich auch Khemiris neuer deutscher Verlag: Rowohlt.

Zeitgleich mit "Die Vaterklausel" wird Khemiris Debüt "Das Kamel ohne Höcker" und sein zweites Buch "Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen", beide zunächst bei Piper, wieder neu zugänglich gemacht. Außerdem der wirklich gute Roman "Alles, was ich nicht erinnere", 2017 bei DVA, sowie das stärker politische Buch "Ich rufe meine Brüder", neu bei Rowohlt.

Schade ist nur, dass die frühen Bücher in der alten Übersetzung herausgegeben werden. Hier ist es nicht gelungen, die aus eigenwilligem Slang und selbst erfundenem "Ausländerschwedisch" bestehenden Texte adäquat ins Deutsche zu übertragen. Die neue Übersetzerin, Ursel Allenstein, hat es da mit "Die Vaterklausel" einfacher. Hier läuft die Sprache wie am Schnürchen.

Jonas Hassen Khemiri: Die Vaterklausel. Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein. Rowohlt, Hamburg 2020. 336 Seiten, 22 Euro.

© SZ/fxs
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