John Mayall zum 85. Geburtstag Lang lebe der Blues

John Mayall war schon hip, als man noch Fransenstiefel und Schnittlauchlocken trug.

(Foto: AFP)

Glücklicherweise sterben nicht alle großartigen Rock-Musiker mit 27, John Mayall ist so ein Fall. Vielleicht weil er dem Blues auch dann treu geblieben ist, als der schon als tot galt. Nun wird der Brite 85 Jahre alt.

Von Kurt Kister

"May all your favorite bands stay together". Das ist einerseits ein schöner Song der Indie-Band Dawes von 2015. Andererseits ist es ein Wunsch vieler Menschen zwischen 12 und 82, jedenfalls von solchen, zu deren Leben Musik gehört, weil Musik Leben prägen kann. Außerdem wäre es ja wirklich schön, wenn Cream, Doors, die Beatles, Nirvana oder Can noch zusammen wären.

Bei John Mayall ist das anders. Wenn Mayalls Bands nicht dauernd auseinandergegangen wären und er dann nicht immer wieder neue Gruppen formiert hätte, wäre die Rockmusik möglicherweise um Entscheidendes ärmer. Eric Clapton und Jack Bruce sind von Mayalls Bluesbreakers desertiert, um mit dem Schlagzeug-Borderliner Ginger Baker Cream zu gründen; die Mayallisten Peter Green, John McVie und Mick Fleetwood formierten Fleetwood Mac; die Hälfte von Colosseum, darunter der fabelhafte Dick Heckstall-Smith, spielte vorher in Mayalls Band (Rope Ladder to the Moon in der Version von Colosseum gehört zu den wirklich gebenedeiten Rock-Songs). Auch Free, Stone the Crows und sogar die Rolling Stones (da war es Mick Taylor) sowie jede Menge andere Bands lebten von und mit Mayall-Leuten.

Nun wird John Mayall 85. Glücklicherweise sterben nicht alle großartigen Rock-Musiker mit 27, und vielleicht hat Mayalls langes Leben damit zu tun, dass er bis heute ein Blues-Man geblieben ist. Ein weißer Blues-Man aus Macclesfield, Cheshire, Großbritannien, ist zunächst seltsam. Aber man muss nicht mal in der DDR aufgewachsen sein, wo Blues als irgendwie unkapitalistisch galt, um Blues zu mögen. In den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren entdeckten die jungen Folkmusiker den alten Blues. Und jene, die mal Rockmusiker werden sollten, wähnten ihre musikalischen Wurzeln ebenso in Chicago, in den Carolinas oder im Mississippi-Delta. Ohne den Blues hätte es die Stones nicht gegeben und viele andere auch nicht.

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John Mayalls erste LP erschien 1965, seine bisher letzte, ein Live- Album, in diesem Jahr. Als Blues-Man ist sich Mayall meistens selbst treu geblieben, auch in jenen Zeiten, in denen der Blues, und allemal der weiße Blues, schon gestorben zu sein schien. Schon 1978 veröffentlichte Mayall eine LP mit dem schönen Titel "The Last of the British Blues". Vierzig Jahre später spielt Mayall immer noch E-Gitarre; Keyboards und Mundharmonika, auch wenn er heute auf der Bühne nicht mehr ganz so springteufelig agiert wie das auf seinem wohl berühmtesten Song "Room to Move" zu hören ist. "Room to Move" erschien, long time ago, 1969 und war in den heiligen Siebzigern in fast allen Partykellern der westlichen Welt einer der haareschüttligsten, luftinstrumentintensivsten Songs - etwa so wie die Woodstock-Version von "I'm going Home" (Ten Years After) oder "Locomotive Breath" von Jethro Tull. Wer das nicht erlebt hat, kann sich's kaum vorstellen. Und wer es erlebt hat, findet die wenigen gelbstichigen Fotos von damals, auf denen man Fransenstiefel und Schnittlauchlocken trug, ziemlich peinlich.

Bei einem Musiker wie Mayall, der so lange Platte um Platte veröffentlich hat, ist es schwierig, die eine, die Lieblingsplatte zu nennen, die sich zum Beispiel jene anhören sollten, deren Eltern zu Zeiten von "Room to Move" noch nicht einmal wussten, dass sie irgendwann mal Eltern werden sollten. Lieblingsplatten sind ohnehin eine wahnsinnig subjektive Angelegenheit, weil, wenn es sich nicht gerade um völlig zeitlose musikalische Kunstwerke handelt, es stark davon abhängt, ob man gerade 17, schwerst verliebt und weltschmerzlerisch ist oder 58, reifekeusch und resignativ-abgeklärt.

Dennoch: Eine Lieblingsplatte von John Mayall kann natürlich alles mit Eric Clapton oder "Blues from Laurel Canyon" sein. Meine Lieblingsplatte aus meiner weltschmerzlerisch-bedröhnten Zeit ist "USA Union." Für das Album hatte Mayall zwei Ex-Canned-Heat-Leute rekrutiert, Harvey Mandel und Larry Taylor. Das Besondere an der Platte aber war der Violinist und Fusionjazzer Don Harris, der Töne in manche Songs brachte, die Blues-Puristen als schweren Verrat empfanden (für Blues-Puristen ist "USA Union" ohnehin nix). Wer aber zum Beispiel schon 1970 - da erschien die LP - ökologisch dachte, der fand in dem Song "Nature's Dissappearing" eine bluesige Bestätigung möglicher Untergangsängste. Und wer einem geliebten Menschen und natürlich auch sich selbst hinterher trauerte, der konnte "Crying" oder "Night Flyer" anhören. Halbwegs fröhlich ging es auch zu ("My pretty Girl"). Rauschzuständen aller Art widmete Mayall den Song "Where did my Legs go". Außerdem sah John Mayall auf dem Cover der LP aus, als sei er der englische Stiefbruder von Jesus Christus.

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Es ist nicht verwerflich, dass John Mayall seit längerer Zeit kaum mehr Studio-, dafür aber umso mehr Live-Alben veröffentlicht. Die Leute, die mit ihm alt geworden sind, wenn auch vielleicht nicht so alt, wie er nun wird, mögen das alte Zeug gern hören, weil man in einem alten Song, der heute auf der Bühne gespielt wird, sich selbst erkennt, als man so jung war wie die heute sind, die einen als alten Sack bezeichnen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass heute so viele alte Rocker durch die Welt touren. John Mayall macht es auch noch immer. Der 85-Jährige wird im März und April 2019 etliche Konzerte in Deutschland geben. Diesmal hat er eine Gitarristin dabei, Carolyn Wonderland, die noch nicht geboren war, als "USA Union" erschienen ist. So ist das Leben, vor allem wenn es, Gott sei Dank, lange währt wie das von John Mayall.

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