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Jetzt auch als Comic:Super-Ludwig

Wie das Genie 80 Wohnungen in Wien bewohnte, zeigt der Comic "Beethoven": Im großen Chaos.

(Foto: Carlsen)

Die Graphic Novel "Beethoven" von Peer Meter und Rem Broo entlarvt die Mechanismen eines Kults.

Von Thomas von Steinaecker

1902 wird Beethoven zum Superhelden. Bei seinem Namen hakt es noch ein bisschen, nicht etwa "Beethoven-Man" oder "Invincible Ludwig", sondern: "Der wohlgerüstete Starke". Dafür trägt er eine goldene Rüstung und hält ein überdimensionales Schwert. Flehend streckt die ausgemergelte Menschheit ihrem Retter die Arme entgegen. Grimmig schaut er den Superschurken entgegen, gegen die er gleich kämpfen wird: darunter der Gigant Typhoeus, der wie King Kong aussieht, und seine drei verdorbenen Töchter. Am Ende wird er sie alle besiegen, Menschheit gerettet, Jubel, Umarmung, "diesen Kuss der ganzen Welt!"

Der sogenannte Beethovenfries, den Gustav Klimt eigens für die Ausstellung der Wiener Secession malte, ist ein bisschen wie ein Comic avant la lettre: eine Bilderfolge, die alle Zutaten jener Heftchen enthält, die 30 Jahre später in den USA populär werden. Übertroffen wird diese Verklärung nur noch durch Max Klinger. Die gewaltige Statue, die er unter Klimts monumentale Arbeit platzierte, zeigte den Bonner mit halb entblößtem Traumbody und in Götterpose: denkend, leidend, messianisch. Keinem anderen Komponisten gelang jemals eine ähnliche Karriere als Ikone. Dabei stützen sich alle visuellen Romantisierungen Beethovens auf ein einziges Porträt, Joseph Karl Stielers "Ludwig van Beethoven mit dem Manuskript der 'Missa Solemnis'" von 1820. Es ist der "alte" Beethoven, der mit wildem Haar und entschlossenem Blick seinem Schicksal in den Rachen greift. Andere zeitgenössische Gemälde, die Beethoven in einem anderen Licht zeigen würden, jung, elegant und vor allem kurzhaarig, werden weitgehend ignoriert. Und eigentlich kommt ja irgendwann in der Rezeptionsgeschichte der Punkt, an dem ein vermeintlicher Gott von seinem Sockel gestoßen wird. Eine unschöne Episode aus der Biografie taucht auf, oder es ändern sich einfach die ästhetischen und ideologischen Vorlieben. Aber auch der einzige richtig verstörende Punkt in Beethovens Leben, die mutmaßliche Misshandlung seines Neffen, tat seinem Nimbus keinen Abbruch. Beethoven ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Popkultur. Wenn Schröder in den "Peanuts" auf seinem Spielzeugklavier Beethoven klimpert, juckt den heutigen Leser diese Reibung zwischen U und E längst nicht mehr. Die Mythos-Maschine hat sich längst verselbständigt, und in der jahrhundertelangen Wiederholung der immer gleichen Anekdoten Zentrifugalkräfte entwickelt, die es schwer machen, noch den Menschen wahrzunehmen, um den sich hier alles dreht. "Ich glaube an Gott und Beethoven", soll Richard Wagner gesagt haben. Amen.

Der (erfundene) Fan Louis Lefebvre irrt durch Wien, um ein Andenken von ihm zu ergattern

Angesichts einer Graphic Novel mit dem Titel "Beethoven. Unsterbliches Genie", deren Umschlag den gleichzeitig Geige und Klavier spielenden Beethoven mit Stieler-Gesicht zeigt, ist also Skepsis angebracht. Stimmt, es ist ja Jubiläumsjahr, also ist jetzt auch Beethovens Leben dran, als Comic durchgenudelt zu werden. Aber wenn es schon den neuen Biografien schwer fällt, den immer gleichen Quellen einen halbwegs interessanten Aspekt abzugewinnen, wie soll das dann hier gelingen, auf bisschen mehr als 100 Seiten? Der Zeichner Rem Broos und Peer Meter, der als Szenarist durch seine Mörder-Reihe bekannt wurde, haben sich jedoch für ihren "Beethoven" eine kluge Ausgangslage gewählt. Wenn der Comic einsetzt, ist Beethoven schon tot. Am 27. März 1827 irrt der (erfundene) französische Fan Louis Lefebvre mit der Kutsche durch Wien, von einer der über 80 Wohnungen Beethovens zur nächsten, nur um ein Andenken von ihm zu ergattern. Zu spät. Im Stiegenhaus trifft er auf die beiden Totengräber Dotter und Krankl, die gerade den Sarg abtransportieren. Lefebvre erinnert sich daran, wie er damals, bei der Komposition der "Eroica", Beethoven die Nachricht überbrachte, Napoleon habe sich selbst zum Kaiser gekrönt und der Komponist vor Wut das Titelblatt zerriss. Als Leser denkt man sich: War das nicht eigentlich Beethovens Schüler Ries, der diese Episode erlebte, aber egal, das ist jetzt also das Prinzip des Comics, Figuren rufen am Sarg Beethovens die bekannten Anekdoten auf. Es kommt dann zum Glück anders. Denn die grantigen Totengräber korrigieren den Aufschneider Lefebvre sofort: Lügner! Und so geht es dann weiter. Wir begegnen der Altistin von der Uraufführung der Neunten, der leidgeprüften Haushälterin Sali und Beethovens Leibarzt. Und alle spinnen sie kräftig am Mythos, nicht zuletzt aus gesundem Eigeninteresse. Meter und Broos gehen wohltuend pietätlos mit ihrem Thema um, Beethoven muss buchstäblich viele Haare lassen, und das einzige Mal, das er in der Rahmenhandlung des Buches auftaucht, ist symptomatisch für den schwarzen Ton des Buches: Wir sehen seine nach der Obduktion arg entstellte Leiche. "Wissen's, durch die gestrige Sektion hat er doch sehr gelitten im Gesicht", erklärt der Totengräber.

Natürlich gäbe es diesen Comic nicht ohne das Jubiläum. Leider merkt man ihm seine kommerzielle Ausrichtung deutlich an, besonders in den glatten Zeichnungen, die an eine Infobroschüre erinnern. Aber Peer Meters makabres Setting, das die Mechanismen des Kults um den Komponisten entlarvt, und sein gutes Ohr für Dialoge heben die kurze Graphic Novel dann doch aus dem Einerlei zum Beethoven-Jahr ein wenig heraus. "Beethoven" trägt seinen Protagonisten zu Grabe. Gut so. Auch Batman und Superman mussten sterben, bevor sie in ihren Reboots erfolgreicher wurden denn je zuvor. So ist das eben mit Superhelden.

Peer Meter/Rem Broo: Beethoven. Unsterbliches Genie. Carlsen, Hamburg 2020. 144 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 09.07.2020
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