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Jethro Tull runden Klassiker "Thick as a Brick" ab:Souveräne Ästhetik von vorgestern

Sie gehören zum Besten, was der "Progressive Rock" in seinen Mainstream-Spielarten hervorbrachte: Jethro Tull waren der sympathische Waldschrat des Rock, zuletzt allerdings recht abgehalftert. Doch nun ist der Band Erstaunliches gelungen: Sie wirft zum ersten Mal in ihrer langen Existenz Fragen auf.

Es ist nicht zu fassen: Jethro Tull haben doch noch einmal etwas zustande gebracht, worüber sich nachzudenken lohnt. Die Band war seit Ende der sechziger Jahre so etwas wie der sympathische Waldschrat des Rock, wurde aber zuletzt von ihrem Chef Ian Anderson wie eine Jahrmarktattraktion mit Best-of-Programm durch die Hallen der Mittelstädte gescheucht. Das letzte wahrnehmbare Werk ("Dot Com") ist mehr als zwölf Jahre alt, seitdem war nur noch eine klingende Kapitulation namens "Christmas Album" erschienen.

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Jethro-Tull-Frontmann Ian Anderson mit einer Projektion des Albums "Thick As A Brick": Keine Fortsetzung einer Geschichte von 1972, sondern deren direkte Verlängerung.

(Foto: Jethro Tull)

Trotzdem hatte keiner viel vermisst: Jethro Tulls Musik sollte nie etwas "bedeuten" im sozialkritischen Sinne ihrer Kollegen aus den Gründerjahren der Rockmusik, Anderson sah sich eher in der Tradition mittelalterlicher Bänkelsänger, wurde nebenbei erfolgreicher Fischzucht-Unternehmer und lobte in den Achtzigern die Politik von Ronald Reagan und Margaret Thatcher.

Um die Band irgendwie über die Jahre zu bringen, genügte es, die in den Kanon der Classic-Rock-Sender eingegangenen frühen Alben wie "Aqualung" oder "Living In The Past" in die Schleife der ewigen Wiederholung zu schicken: "Hör mal Schatz, da spielen sie wieder unser Lied von damals, das mit der Querflöte."

Jethro Tull waren aber auch eine schrullige Bühnenversion des britischen Humors der Monthy-Python-Zeit und musikalisch mit das Beste, was der sogenannte Progressive Rock in seinen Mainstream-Spielarten hervorbrachte: sehr fein, sehr komplex, und im Kontrast zur Zausel-Optik sehr - sofern man das Wort noch verwenden darf - elegant.

Dafür steht wie kein anderes das vor vierzig Jahren erschienene Album "Thick As A Brick", frei übersetzt "Saudumm". Es ist die Überzeichnung dessen, was die maßlos werdende Rockmusik jener Tage ein "Konzeptalbum" nannte und basiert auf folgender Legende: Ein zehnjähriger Bub namens Gerald Bostock sei mit seinen frühpubertären Texten bei einem Dichterwettstreit disqualifiziert worden und habe das angeblich anstößige Material an die Band geschickt, die daraus das Album strickte. Es wurde das erste, mit dem Jethro Tull Platz 1 der Billboard-Charts erreichten, und es gilt bis heute als maßgeblicher Bestandteil der Rockgeschichte. Das kleine, dickliche Pop-Gespenst Gerald Bostock wurde von Ian Anderson später noch als Alter Ego benutzt und lebte so ein wenig weiter.

Vermeidung jeden Anflugs von Coolness

In diese eigentlich abgeschlossene Situation hinein platzt die Nachricht, dass Jethro Tull einen zweiten Teil der Geschichte aufgenommen haben: "TAAB2" (EMI), der sich um die Frage dreht, was denn aus dem unglücklich begabten Kind hätte werden können.

Außerdem hat Gerald Bostock nun ganz real eine Facebook-Seite und einen Twitter-Account. Anderson begründet das Ganze mit einem neu erwachten Interesse der Jugend an seiner Musik: "Zu den Konzerten kommen nicht mehr nur alte Käuze, sondern eher eine Mischung aus alten Käuzen und jungen Käuzen."

So steht man also im Jahre 2012 tatsächlich vor einer neuen Jethro-Tull-Platte. "TAAB2" ist ein durchgängig zwiespältiges Erlebnis: Einerseits - dieser Hippiekram! Durchkomponierte Rock-Arien mit Kirmes-Orgel, Streichern, Metal-Gitarrenläufen. Wie schon "damals" geben sich Jethro Tull alle Mühe, jeden Anflug von Coolness zu vermeiden. Es ist nicht einmal Retro-Schick, sondern viel souveräner, und das ist ja - andererseits - das Erstaunliche: Wie ungerührt hier jemand an seiner Ästhetik von Vorgestern festhält und dabei trotzdem noch gut aussieht.

Das Album beantwortet die "Whatever happened to . . .?"-Frage so perfekt, dass es letztlich keine Fortsetzung einer Geschichte von 1972 geworden ist, sondern deren direkte Verlängerung. Schon die kleine Ouvertüre nimmt das Motiv auf, mit dem vor 40 Jahren die Vinyl-Plattenseiten A und B musikalisch zusammengehalten wurden: Eine Rekonstruktion, wenn nicht gar eine Retro-Rekonstruktion.

So gelingt Jethro Tull etwas, was ihnen zuvor noch nie gelang: Sie werfen Fragen auf. Was macht man mit der Rockmusik, wenn der Trend in alle Richtungen geht, also gar nicht mehr erkennbar ist? Ist es mittlerweile völlig egal, ob es noch so etwas wie Fortschritt in der Rockmusik gibt? Wo ist das Koordinatensystem? Als an diesen Fronten noch Kämpfe ausgefochten wurden, gab es das böse Wort vom Gesamtrocktrottel. Er war der Waldschrat im Publikum. Es gibt ihn immer noch, denn er ist vielleicht saudumm, aber nicht blöd. Er wird an "TAAB2" Freude haben.

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