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Amerikanische Literatur :Bruchbuden allerorten

Jeffrey Eugenides: Das große Experiment. Aus dem Englischen von Gregor Hens. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 331 Seiten, 22 Euro.

In seinem Erzählungsband "Das große Experiment" verbindet Jeffrey Eugenides die Krisenberichterstattung aus der Welt moderner Männer mit Momentaufnahmen der maroden USA.

Warum steht die Erzählung eigentlich so oft im Schatten des Romans? Oft wird sie als Aufwärmübung für den Roman angesehen, als Begleitwerk, während er geschrieben wird, oder als Rest, der übrig bleibt, wenn er geschrieben ist. Die Erzählung ist aber kein abhängiges Genre, das um den Roman kreist wie um ein Zentralgestirn. Sie ist eine Welt für sich, mit eigenen Formgesetzen, die sich aus denen des Romans nicht ableiten lassen.

Der neue Erzählband des amerikanischen Schriftstellers Jeffrey Eugenides, "Das große Experiment", ist ein Lehrstück für diese anderen Prinzipien. Und das, obwohl alle zehn Erzählungen des Bandes im Zeitraum von knapp dreißig Jahren entstanden sind und in vielen Motiven auf die parallel entstandenen Bestsellerromane des Autors verweisen. Zum Beispiel treffen wir da Mitchell wieder, den amerikanischen Religionswissenschaftsstudenten aus Eugenides' letztem Roman "Die Liebeshandlung" von 2011.

Mitchell wird immer mal wieder als Alter Ego des Autors gehandelt. Damals arbeitete er sich, unglücklich verliebt, an der uralten Geist-Körper-Problematik ab. Die Spiritualität sollte ihm helfen, seine Gefühle zu kontrollieren und den Liebeskummer zu überwinden: "Erleuchtung entsprang dem Auslöschen des Begehrens", konstatierte er. "Wäre es nicht schön, es ein für alle Mal hinter sich zu lassen?"

In der Erzählung "Air Mail" greift Mitchell nun wieder zu spirituellen Mitteln. Mit seinem Freund Larry ist er zu einem Sinnsuche- und Selbstfindungstrip nach Südostasien aufgebrochen. Diesmal aber ist es nicht der Liebeskummer, der Mitchell quält, sondern eine Diarrhoe. Mit Meditieren und "gandhihaftem Fasten" versucht er, sich aus seinem Körper herauszureflektieren - was ihm so gut gelingt, dass die Leser sich diesmal wohl für immer von ihm verabschieden müssen. Neben Mitchell taucht ein weiterer alter Bekannter auf: Der renommierte Sexualwissenschaftler Dr. Peter Luce, bekannt aus Eugenides' Roman "Middlesex" der 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Der Roman ist eine Art Standardwerk des Geschlechterkonstruktivismus, der Idee also, dass die sexuelle Identität einer Person weniger von der Natur als von der Kultur bestimmt wird.

In der Erzählung "Das Orakel der Vulva" wird der Sexologe nun bei seiner Feldforschung im Urwald ebenso sehr von der äußeren wie von seiner vermeintlich inneren Natur überwältigt. Dr. Luce sieht sich von einem kleinen Jungen bedrängt, dessen Aufgabe es als Angehöriger seines Stammes ist, die älteren Männer oral zu befriedigen. Der Freund maximal liberaler Ansichten ist in der Bredouille - "er täte nichts lieber, als die Mücke wegzuklatschen, aber er kann nicht. Seine Hände sind damit beschäftigt, den Jungen von seinem Gürtel fernzuhalten". Der Konstruktivist ergibt sich dem Trieb, überlässt sich dem Jungen und wird zum Kulturrelativisten: andere Länder, andere Sitten.

Jeffrey Eugenides, geboren 1960 in Detroit, Michigan, Professor für Kreatives Schreiben zunächst an der Princeton University und dann an der New York University, gilt eigentlich als Meister des Ausführlichen. Aber er beherrscht auch das schlanke Format der Erzählung. Drei davon sind bereits 2003 unter dem Titel "Air Mail" auf Deutsch erschienen. Seine Erzähltechnik funktioniert über das Prototypische seiner Figuren. Er reizt scharfe Gegensätze aus, wie die von Geist versus Körper oder Natur versus Kultur und entwickelt dabei eine Komik, die bitterböse Pointen produziert.

In der Erzählung "Die Bratenspritze" wird ein Protagonist, der sich als Opfer fühlt, zum Täter. Wally Mars' ehemalige Geliebte und von ihm noch immer verehrte Freundin Tomasina wünscht sich ein Kind, zieht dem knollennasigen und glubschäugigen Wally jedoch eine künstliche Befruchtung vor. "Jeder weiß, dass Männer in Frauen nur Objekte sehen", konstatiert der Verschmähte bitter, "unser abschätzendes Taxieren von Brüsten und Beinen lässt sich jedoch nicht vergleichen mit der kaltblütigen Berechnung einer Frau auf Samenschau."

Während es in neun von zehn Erzählungen um Männer und ihre Befindlichkeiten geht, trägt die einzige Geschichte, in deren Mittelpunkt zwei Frauen stehen, den Titel "Klagende". Cathy und Della pflegen eine jahrzehntelange Freundschaft. Sie betrachten sie als "eine Möglichkeit, Bereiche in ihrem Leben zu kompensieren, die weniger Zufriedenheit bereiteten, als gemeinhin behauptet wurde. Dazu gehörte auf jeden Fall die Ehe. Und öfter, als Cathy und Della zugeben mochten, auch die Mutterrolle". Mit trotzigem Pragmatismus entscheiden die Frauen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und es den Heldinnen in ihrem (fiktiven) Lieblingsroman "Zeit fürs Kriegsbeil" gleichzutun. Durchweg sind es in diesen Erzählungen Frauen, die im Hintergrund so patent wie unsichtbar alles am Laufen halten. Im Selbstmitleid suhlen können sie nicht, schon weil sie oft Kinder haben, die versorgt werden wollen.

Pointenreich verhandeln die hier versammelten Erzählungen die Conditio humana, die Nöte des Einzelnen. Auf einer zweiten Ebene geht es um die gesellschaftliche, vielleicht sogar politische Dimension. Hier sind Männerdiskurse zugleich Krisendiskurse. In einem Interview mit der Zeitung Die Welt erklärte Eugenides vor einiger Zeit: "Ich bin mit jeder Menge Fragen aufgewachsen, was es eigentlich heißt, ein Mann zu sein. Und in meinen Erzählungen geht es oft um Männer, die nicht mehr wissen, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Ich nehme an, da lassen sich leicht Verbindungen zur aktuellen amerikanischen Politik ziehen. Viele Männer haben heute das Gefühl, dass ihre Stellung erodiert." In seinen Erzählungen zieht Eugenides aus dieser Beobachtung die Konsequenz, indem er Männer als Opfer ihrer Taten darstellt.

Die Veränderung der traditionellen Geschlechterrollen lässt seine Männerfiguren straucheln: "Wenn Kendall heutzutage so leben wollte, wie sein Vater gelebt hatte", heißt es in der Titelerzählung "Das große Experiment", "müsste er eine Waschfrau, eine Putzfrau, eine Privatsekretärin und eine Köchin einstellen. Er müsste eine Ehefrau einstellen. Wäre das nicht fantastisch? Stephanie könnte auch eine gebrauchen. Jeder konnte eine Ehefrau gebrauchen, aber niemand hatte eine."

Dazu kommt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse erodieren. Eugenides beschreibt ein zunehmend marodes Land: Es tropft durch Dächer, Abwasser steigt aus Kellern hoch, ganze Häuser wackeln beim Öffnen einer Tür, Bruchbuden allerorten. Im Blick auf Kendall verbindet Eugenides seine Technik der scharfen Gegensätze mit einer Krisendiagnose. Kendall, ein "sanftmütiger Intellektueller" und Bohémien mit ehemals vielversprechenden Karriereaussichten, kann seine Familie mit seinem Job nur noch mehr schlecht als recht ernähren. Die Kinder schlafen auswärts, weil sich die Eltern das Heizen nicht mehr leisten können.

Für einen Verlag - er ist das Egoprojekt eines superreichen Pornomagnaten - soll Kendall Alexis de Tocquevilles "Über die Demokratie in Amerika" zusammenkürzen. Politische Theorie im Pocketformat? Und dafür noch nicht einmal eine Krankenversicherung vom Arbeitgeber? Angesichts solch himmelschreiender Ungerechtigkeit mutiert Kendall zum Robin Hood. Und die Erzählung endet mit einem Tocqueville-Zitat: "In diesem Land sollte der zivilisierte Mensch in einem großen Experiment den Versuch unternehmen, die Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen." Aus der Einsicht in die Conditio humana müsste Politik werden. Ist diese Erzählung womöglich die Vorbereitung für Eugenides' nächsten Roman?