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Jazzfest-Leiterin:Magie und Misogynie

Nadin Deventer die künstlerische Leitung des Jazzfest 2018 Berlin Nadin Deventer die künstlerische

Nadin Deventer, geboren 1977, studierte Europawissenschaften und Musik. Für die Ruhrtriennale kuratierte sie das Jazz-Programm "No blah-blah!" mit 60 Konzerten in mehr als 20 europäischen Städten.

(Foto: imago/Votos-Roland Owsnitzki)

Die neue Leiterin des Berliner Jazzfests, Nadin Deventer, über die Aktualität des Jazz, die Vorbehalte gegen ihre Berufung und die gute alte Frauenfeindlichkeit der Szene.

Interview von Jan Kedves

Es kommt Bewegung in den Jazz: Abgesehen davon, dass sowohl Bands wie auch das Publikum in den vergangenen Jahren wieder jünger und hipper wurden, scheint sich auch an der viel beklagten Männerdominanz in der Szene allmählich etwas zu ändern. Jüngstes Anzeichen: Mit der 41-jährigen Kuratorin und Dramaturgin Nadin Deventer leitet zum ersten Mal eine Frau das am Donnerstag beginnende, traditionsreiche Jazzfest Berlin. Sie will vor allem Frauen auf die große Bühne helfen - und wird von einigen alteingesessenen männlichen Szenegrößen argwöhnisch beäugt und kritisiert.

SZ: Frau Deventer, das Programm des ersten von Ihnen verantworteten Berliner Jazzfests ist in geschlechtergerechter Sprache verfasst, es ist durchgehend von Musiker*innen die Rede. War es schwer, das durchzusetzen?

Nadin Deventer: Nein, das machen wir bei den Berliner Festspielen, deren Teil das Jazzfest ja ist, schon seit einigen Jahren so. In meinem privaten Umfeld schaffe ich es noch nicht immer, jede E-Mail und SMS zu gendern. Aber in offizieller Kommunikation befürworte ich geschlechtergerechte Sprache. Weil sich mit ihr das Bewusstsein dafür schärfen lässt, dass es in der Gesellschaft immer noch eine Schieflage gibt.

Diese Schieflage wird im Jazz vielleicht besonders deutlich, wenn an einigen Spielorten Ihres viertägigen Programmes die Musiker*innen alle männlich sind.

Es gibt keinen einzigen Festivalabend ohne Frau auf der Bühne. Natürlich gibt es auch rein männlich besetzte Acts wie zum Beispiel die zwei Konzerte im Quasimodo-Club mit dem World Service Project aus London und dem belgisch-französischen Trio Hermia-Darrifourcq-Ceccaldi. Aber 14 der insgesamt 35 musikalischen Acts sind mit relevanter weiblicher Beteiligung, und auf der Hauptbühne im Haus der Berliner Festspiele gibt es keinen Abend ohne Musikerinnen. Darauf habe ich sehr geachtet, weil die Hauptbühne immer sehr im Fokus steht. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zum Beispiel ist dieses Jahr fest in Frauenhand. Dort spielen die Estin Maria Faust und die fantastische Elektronikerin und Organistin Kara-Lis Coverdale aus Kanada. Dass es im Jazz eben nicht nur Organisten, sondern auch großartige Organistinnen gibt, merkt man, wenn man eintaucht mit dem Anspruch, diese Frauen auch finden zu wollen.

Arbeiten Sie mit einer Quote?

Nein. Mir geht es in allererster Linie um Qualität, um diese magischen Momente, in denen jeder im Raum merkt: Hier passiert gerade etwas Besonderes. Ich achte aber darauf, dass Frauen mit einer starken Stimme im Jazz auf der großen Bühne gesehen werden. Und wir haben uns kürzlich als erstes deutsches Jazz-Festival der internationalen Initiative Keychange angeschlossen, wie übrigens auch das Hamburger Reeperbahn-Festival und das Musicboard Berlin. Keychange will bis 2022 in den Programmen von Clubs und Festivals ein 50:50-Verhältnis erreichen. Das ist ambitioniert. Für ein viertägiges Festival mit 30 bis 35 Acts und Projekten pro Jahr ist es aber natürlich möglich, das zu gewährleisten.

Begegnen Sie Männern, die das hohe Ideal der Freiheit im Jazz gerne so ummünzen wollen, dass der Jazz doch bitte frei von Genderdebatten bleiben soll?

Klar. Mir begegnen auch Männer, die sagen: "Ich hab doch gar nichts gegen Frauen!" Und in meinem Kopf vervollständige ich den Satz dann: "solange sie uns zuarbeiten." Die Schlüssel- und Führungspositionen sind nach wie vor männlich dominiert - das belegt die Studie "Frauen in Kultur und Medien", die der Deutsche Kulturrat 2016 veröffentlicht hat. Und insbesondere der instrumentale Jazz ist immer noch ein patriarchal geprägtes System. Die Union Deutscher Jazzmusiker hat in ihrer "Jazzstudie 2016" ermittelt, dass 86 Prozent der in Deutschland lebenden und arbeitenden Jazz-Instrumentalisten Männer sind. Da ist man von einem Gleichgewicht weit entfernt. Es gab in Deutschland bis 2018 auch noch nie eine Jazz-Professorin im Instrumentalbereich. In diesem Jahr ist die Schlagzeugerin Eva Klesse zur Professorin in Hannover berufen worden. Und ich bin nun die erste Leiterin des Jazzfest Berlin in seiner 54-jährigen Geschichte.

Ihre Ernennung hat zu gönnerhaft altväterlichen oder auch ziemlich misogynen Ausfällen geführt. Der Blog Jazzcity titelte "Kann Nadin Berlin?" und schrieb über Sie: "Aus ihrem früheren Wirkungskreis sind keine entsprechenden Leistungen überliefert" - aber, nun ja: "Warum soll nicht auch diese Kandidatin mit ihren Aufgaben wachsen?"

So etwas passiert ständig, wobei ich auch viel Zuspruch bekomme. Derselbe Herr hat zu meiner Berufung auf seinem Blog übrigens auch geschrieben, es ginge ein Aufschrei durch die Szene. Wer ist diese Szene eigentlich? Den Eintrag hat er gelöscht, vielleicht kam Gegenwind? Ich habe mich nicht beschwert. Wenn ich mich darum kümmern müsste, jeden Jazz-Journalisten in Deutschland zu überzeugen, könnte ich meinen Job nicht mehr machen.

Sie sind 41, ist das jugendlich für Jazz?

Interessant ist, dass der Gründer der Berliner Jazztage im Jahr 1964, Joachim-Ernst Berendt, nur ein Jahr älter war als ich jetzt und auch George Gruntz bei seinem ersten Jazzfest Berlin 1973 wie ich 41 war. Was ist in der Zwischenzeit im Selbstverständnis der sogenannten Jazz-Elite geschehen?

Sie haben auch die gefeierte Berliner Ausstellung des Künstlers Arthur Jafa mit ins Programm genommen. Er beschäftigt sich stark mit Jazz und sagt: Afroamerikanische Musik war die wichtigste kulturelle Neuerung des 20. Jahrhunderts.

Das sagt auch Martin Luther King. Er hat 1964 ein Geleitwort zum allerersten Jazzfest geschrieben. Wie er darin die Kraft dieser Musik beschreibt und den Kampf um Gleichberechtigung! Jazz war immer eine politische Kunstform. Eigentlich hätte ich den Text eins zu eins für das diesjährige Festival nehmen können. Was gerade wieder passiert in unseren Gesellschaften, nicht nur in den USA. Da merkt man leider, dass noch gar nichts erledigt ist. Der Kultur-Rollback, der ganze Nationalismus, die Polarisierung. Es ist ja das Schlimmste, wenn die Gesellschaft droht auseinanderzubrechen und keine Bereitschaft mehr besteht, sich gegenseitig zuzuhören.

Und beim Hören von improvisierter Musik lässt sich die Erfahrung machen, wie es ist, erst einmal nur zuzuhören? Ohne zu wissen, was einen erwartet, und ohne die Erwartung, alles sofort zu verstehen?

Ja, das wäre vielleicht eine aktuelle politische Dimension von Jazz.

© SZ vom 30.10.2018

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