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"Jäger" von James Salter:Die Geburt eines großen Autors

James Salter

"Der Himmel ist der göttliche Ort. Wenn man allein dort oben fliegt, kann es einem alles bedeuten": James Salter als Pilot im Koreakrieg.

(Foto: Counterpoint Press)

Der Geschwader-Kommandant wiederum ist ein zynischer Haudegen, für den allein die Quote zählt, egal wie schmutzig der Sieg errungen wurde. Und zwischen allen Cleve, ein melancholischer Schmetterling, leidend unter dem Gefühl, zu spät geboren zu sein, dass aller Ruhm schon vergeben wurde.

Bemerkenswert ist dieser Roman nicht so sehr wegen seiner literarischen Qualität, Salters Fähigkeiten deuten sich hier nur erst an. Was an dem Buch fasziniert, ist, wie sich darin die Geburt eines großen Autors vorbereitet. Und wie sehr Salters Stilistik von der Fliegerei geprägt wurde. Tugenden eines Piloten hat er in solche eines Schriftstellers überführt. Konsequent umgesetzt findet sich das erst in seinem zweiten Roman "The Arm of Flesh" (1961), den er in einer überarbeiteten Fassung unter dem Titel "Cassada" 2000 noch einmal herausgebracht hat. Auch "Cassada" ist ein Flieger-Roman, aber er spielt in Friedenszeiten auf einer Air Base bei Fürstenfeldbruck.

Wieder geht es um den edlen Wettstreit zweier Piloten, die zugleich um dieselbe Frau rivalisieren, und wieder wird daraus ein Kampf auf Leben und Tod. Aber die erzählerischen Mittel sind ungleich raffinierter als im Vorgänger. "Hunters" war noch während seiner Zeit bei der Air Force entstanden. Aber Salter, so könnte man sagen, hat auch nach seinem Abschied die Lufthoheit behauptet, und zwar in der neuen Rolle als literarischer Kunstflieger. In "Jäger" sind sie alle versammelt, die Flugmanöver, die der Autor später in narrative Manöver umgegossen hat.

Banale Sätze als Alarmsignal

Da ist zunächst die Erzählökonomie: Nichts muss ein Pilot genauer im Auge behalten als die "einzige Wirklichkeit" seiner Treibstoffreserven, die Nadel, die langsam fällt. Salter hat diese verinnerlichte Aufmerksamkeit für das Verhältnis von Aufwand und Effekt aufs Schreiben übertragen. Kaum ein anderer Autor versteht es so meisterhaft, mit einem Minimum an Einsatz maximale Wirkung zu erzielen. Doch das führt eben nicht zu einer lakonischen Hauptsatz-Prosa, sondern zu einer poetischen Verdichtung, die schon häufig mit dem Pointillismus verglichen wurde.

Bei konventionelleren Autoren bereiten rein beschreibende, informative Sätze in der Regel eine pointierte Formulierung vor. Bei Salter ist es umgekehrt. Wenn er einen vergleichsweise banalen Satz schreibt, ist das meist ein Alarmsignal, dass eine rapide Wendung eingeleitet wird. Salter schult gleichsam seine Leser, er macht auch aus ihnen wachsame Jäger, die lernen, frühzeitig die Gefahr einer sich zuspitzenden Szene zu ahnen.

Keiner beherrscht das so wie er. Das wichtigste Verteidigungsmanöver für einen Jet-Piloten, schreibt Salter im Vorwort zu "Jäger", bestehe in einer engen Kurve, einem sogenannten Break, bei dem man scharf zur Seite schert. Solche Breaks gibt es auch in seinen Bücher ständig, Passagen, die unauffällig beginnen, um dann jäh ins Dramatische abzudrehen.

Moralischer Triumph und soldatischer Ethos

Auch die abstrakte Schönheit seiner Prosa scheint auf die Erfahrung der Flughöhe zu verweisen. Über den Wolken zeigt sich die Welt als Muster, sie wird zum Ornament, und das Gefühl der Schwerelosigkeit bildet Salter in kerosinflirrenden Sätzen nach, die seinem Schreiben eine ballettöse Wirkung verleihen. Der Roman "Jäger" läuft auf eine Apotheose tragisch umflorten Edelmuts hinaus.

Als Cleve endlich auf Casey Jones trifft, "seinen gewählten Feind, und mehr als das, seinen Freund", ist seine Schießkamera defekt, und es gibt keinen Zeugen für seinen Abschuss. Selbstlos gibt Cleve nach der Rückkehr zum Stützpunkt an, sein junger, bei der Landung tödlich verunglückter wingman habe den mythischen russischen Piloten bezwungen. Es ist Cleves moralischer Triumph über seine Rivalen und zugleich die Verabsolutierung des soldatischen Ethos.

Als Ende einer kriegerischen Parabel ist dieser Twist dick aufgetragen, als Beginn einer Schriftsteller-Laufbahn jedoch verheißungsvoll. Nur wusste Salter das noch nicht. Ohne es zu ahnen, hat er, dessen gebrochene Helden Glück nur als rauschhaften Moment der Ekstase kennen, ein Buch über die Kunst des Fliegens geschrieben, das zugleich ein Buch über die Kunst des Schreibens ist. In seiner Autobiografie "Verbrannte Tage" heißt es über "Jäger" bloß ernüchtert: "Ich hatte ein Buch über mein eigenes Leben geschrieben, das Buch, das jeder schreiben kann, und dahinter lag die Wüste."

James Salter: Jäger. Roman. Aus dem Englischen von Beatrice Howeg. Berlin Verlag 2014. 304 Seiten, 19,99 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

© SZ vom 05.12.2014/danl

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