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Italienischer Weihnachtsfilm:Bitterer Panettone

Filmplakat "Tolo Tolo"

Filmplakat "Tolo Tolo": Checco will nur seinen Schulden entkommen. Als er aus dem unruhigen Ostafrika flieht, landet er wieder in Italien.

"Tolo Tolo" ist der erfolgreichste Film, der je in italienischen Kinos gezeigt wurde. Die krude Geschichte ist aber kein schlichter Weihnachtsspaß. Rechte Kritiker behaupten, er verrate die Empfindungen des Durchschnittsitalieners.

Von Ulrich van Loyen

Zwischen Weihnachten und Dreikönigsfest bekommt man in Italiens Kinos alljährlich den "Cinepanettone", die Kino-Weihnachtstorte, um Augen und Ohren geschlagen. Dabei handelt es sich meist um Komödien, in denen etwa totgeglaubte Onkel zurückkehren und das Leben gehörig durcheinanderwirbeln, bis endlich die Geschenke ausgepackt werden dürfen. Zum jüngst vergangenen Fest wurde den Italienern in Gestalt des Films "Tolo Tolo" ("allein, allein", in einer Kindersprache) indessen ein "Cinepanettone" ganz eigener Art überreicht, im falschen Geschenkpapier und mit irreführenden Etiketten. Wochenlang war nämlich zu den Klängen von Toto Cutugnos altem Hit "L'Italiano" (1983) ein Trailer gezeigt worden, der die Nation in der Klage über eine der ihr lästigsten Erscheinungen insbesondere des großstädtischen Lebens zu vereinen scheint: über den Immigranten, für den man in der Kirche und beim Staat zahlt, der einem aber an jeder Tankstelle und vor jedem Supermarkt begegnet und dem Kunden ein schlechtes Gewissen bereitet, wenn dieser ihm nicht mindestens fünfzig Cents für die zum Auto getragene Einkaufstüte gewährt.

Nun ist Italien in den Angelegenheiten der Immigration durchaus ein Geberland (und an seinen Küsten ein Nehmerland), der nimmermüden Beschwerden des rechtspopulistischen Ex-Ministers Matteo Salvini zum Trotz. Italiener spenden, sie leisten Freiwilligendienste, und der biologistisch verbrämte Fremdenhass, also der Rassismus, erscheint im täglichen Leben eher als Ausnahme. Das heißt nicht, dass es keine Gewalt gegen Ausländer gäbe: Aber sie ähnelt in einem Land, in dem lokale Identitäten besonders ausgeprägt sind, meist der Abneigung gegen die Fremden aus dem nächsten Dorf. "Prima gli Italiani", Italiener zuerst, rief Salvini zwar auf den Plätzen in Rom oder Palermo. Aber das tat er nicht nur, weil er die Italiener gegenüber Deutschen oder Briten bevorzugt sehen wollte, sondern auch, weil er sich wünschte, dass seine Zuhörer in ihm einen Landsmann erkannten.

Rechte Kritiker behaupten, der Film verrate die Empfindungen des Durchschnittsitalieners

Der apulische Komiker Luca Medici, als Songwriter und Filmemacher unter dem Namen "Checco Zalone" (eine Verballhornung des süditalienischen Ausrufs "Che cozzalone" - "Was für ein Rüpel") bekannt, schien diese Stimmung mit dem Trailer für "Tolo Tolo" einzufangen. Bereits am ersten Tag lockte er mehr als eine Million Zuschauer ins Kino. Mittlerweile ist der Film das erfolgreichste Werk, das je in italienischen Kinos gezeigt wurde. Allerdings konnte am zweiten Tag die rechte Presse ihre Enttäuschung nicht verhehlen: Il Giornale, ein Blatt aus Berlusconis Medienimperium, erklärte, die Produktion sei sehr teuer und Zalone jedes Mittel recht gewesen, um Zuschauer zu gewinnen. Die Kommentarspalten im Netz füllten sich mit Wutausbrüchen darüber, einem Falschspieler aufgesessen zu sein, der die begründeten Empfindungen des Durchschnittsitalieners an die politische Korrektheit verraten habe.

Was hatten diese Leute gesehen? Einen Durchschnittsitaliener, eben jenen Checco, der in Apulien als Unternehmer bankrott geht und seine Familie in den finanziellen Ruin treibt. Wie die Hälfte aller Kreditnehmer in Italien hatte er sich als Gastronom versucht. Doch wo, wie im Inneren Apuliens, die Leute nur noch fortziehen, ist gute Küche vordringlich Erinnerung an bessere Zeiten. Checco beharrt aber darauf, seinen Traum leben zu dürfen, und flieht vor seinen Schulden nach Ostafrika, wo er sich in einem Safari-Restaurant verdingt, bis Rebellen das Land unsicher machen. Auch dort zur Flucht gezwungen, wird er in Italien für tot erklärt. Unterdessen schließt er sich anderen Flüchtenden an. Und weil das Fliehen für Checco mittlerweile ein Grundzustand ist, bemerkt er lange nicht, dass diese Flucht ihn nach Norden, durch die Wüste und schließlich nach Hause führen soll: Er ist kein Migrant wider Willen, sondern einer ohne Bewusstsein. Es stößt ihm also alles zu, was den Afrikanern auf dem Weg nach Europa auch zustößt. Nur weiß er nichts von solchen Parallelen.

Permanent muss Checco vor sich selbst gerettet werden: wenn er mit Ex-Frauen und Steuerberatern streitet, während ihm Geschosse um die Ohren pfeifen ("Die Bürokratie in Italien, das ist der wahre Krieg!"), oder wenn er vom überfüllten Lastwagen springt, weil er sich Hilfe von UN-Soldaten erhofft. Zwischendurch erleidet er Faschismusattacken, in denen er von Benito Mussolinis Stimme heimgesucht wird. Einheimische Heiler versuchen sich am Exorzismus; sie diagnostizieren einen Mangel an Liebe. Und tatsächlich sind es eine ebenso schöne wie tatkräftige Afrikanerin und ein sie begleitender Knabe, die Checco so etwas wie eine Familie schenken. Im katholischen Italien sieht man sich an die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten erinnert, nur dass sie diesmal von Süden aus erfolgt. Mit Checco in der Rolle eines Joseph, der erst lernen muss, das fremde Kind anzunehmen.

Gegen Ende des Films häufen sich die Verweise auf das Konstruierte der Geschichte. Im Scheinwerferlicht entlarvt sie sich und die Zuschauererwartungen gleichsam selbst. Auf diese Weise werden auch die Anleihen bei der Realität erträglicher: die stürmische Überfahrt über das Mittelmeer, das wochenlange Ausharren auf dem Rettungsschiff, die Lotterie, wer von welchem Land aufgenommen wird. Italien, erklärt Checco den staunenden Mitflüchtlingen, sei für sie alle die schlechteste Lösung. Und man hat auch schon verstanden, warum: Checcos unvermutete Rückkehr beraubt die Familie der Entschädigung, die das angebliche Terrorismusopfer garantiert hatte. Exfrauen, Verwandte, selbst die Mutter, die angesichts der Todesnachricht kunstgerecht in Ohnmacht gefallen war, sie alle stehen nun vor dem Nichts.

Bei aller Konstruiertheit: Das Thema ist die moralische Reinigung eines Einzelnen

Dieses Kratzen an einem durch ökonomische Zumutungen brüchig gewordenen moralischen Zusammenhalt entfachte offenbar die Wut mancher Zuschauer. Die Legende von "Italiani brava gente", vom unverbrüchlichen Familiensinn, von der Versöhnung zwischen Selbstbezug und mediterraner Aufgeschlossenheit, all das, was im Bild der Familienfeier - oder des guten Essens - zusammenkommt: Hier wird es als kollektiver Selbstbetrug enttarnt. Zugleich bleibt eine Hoffnung. Dass es möglich wird, das Gemeinsame zu finden, wenn Italien seinen geografisch wie historisch bedingten Partikularismus für das Ganze einsetzt. Denn Italiener zu sein, so viel zeigt sich an Checcos Charakter im Film, heißt vor allem, neben sich zu stehen, ein wenig aus der Zeit zu fallen, der Welt ein klein wenig entrückt sein und sein Heil im großen Auftritt zu suchen. Um dabei, wenn es denn gelingt, ein klein wenig über sich hinauszuwachsen.

Italien ist, so scheint es, so alt (oder so realistisch), dass es dort einen Begriff vom Menschen als vorpolitisches, soziales Wesen gibt, der weder in der Wegwerfgeste des "Gutmenschen" noch in der Abstraktion des demokratischen "Rechtssubjekts" aufgeht. Der Mensch ist eben nicht "tolo tolo", auch wenn er sich "da solo" ("allein") auf Reisen begibt. Von einer solchen moralischen Reinigung berichtet der Film. Dass dabei ein Rest Ignoranz zurückbleiben muss, hatte Checco Zalone vermutlich einkalkuliert.

Der Autor ist Ethnologe und Literaturwissenschaftler an der Universität Siegen.

© SZ vom 10.01.2020
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