Irritierende These zum Olympia-Attentat 1972 "Antijüdische Stereotype"

Der Sportwissenschaftler Arnd Krüger behauptet, die 1972 beim Olympia-Attentat getöteten israelischen Athleten seien freiwillig gestorben, um die Schuld Deutschlands gegenüber dem Staat Israel zu verlängern.

Von Thomas Kistner

Die Affäre bei der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS) ist eine Woche alt. Doch behandelt wurde sie erst diskret, hinter universitären Türen. Anlässlich der Jahrestagung der Sektion Sportgeschichte in Göttingen hatte am 20. Juni Professor Arnd Krüger die Kollegen mit einer fundamentalen Erkenntnis aus Zeitzeugensicht geschockt: Die 1972 beim Olympiaattentat durch palästinensische Terroristen getöteten israelischen Athleten hätten von den mörderischen Plänen gewusst und seien freiwillig in den Tod gegangen - "um der Sache Israels als ganzer zu nutzen". Dieser spektakuläre Opfergang hätte die Schuld (und auch die Schulden) Deutschlands gegenüber dem Staat Israel verlängern sollen.

Von diesen acht Mitgliedern der Olympia-Mannschaft Israels, die am 5. September 1972 von arabischen Terroristen als Geiseln genommen werden, kommen sieben bei der Schießerei zwischen Terroristen und Polizei in der Nacht zum 6. September auf dem Flugplatz von Fürstenfeldbruck ums Leben. Es handelt sich um (von oben links nach unten rechts) den Ringer Eliezer Halfin, der als Einziger überlebt, den Schießtrainer Kehat Shorr, den Leichtathletiktrainer Amitzur Shapira, den Gewichtheber David Berger, den Fechttrainer Andre Spitzer, den Ringer Mark Slavin und die beiden Gewichtheber Joseph Romano und Zeev Friedman. Insgesamt kommen bei dem Überfall der Terroristen und später bei der tragisch endenden Befreiungsaktion elf Israelis, ein Polizist und fünf Terroristen ums Leben.

(Foto: Foto: dpa)

Zudem konstruierte der Professor Zusammenhänge zwischen diesem angeblichen Opfergang sowie einem unterschiedlichen Körperverständnis, das in Israel herrsche. Im Vortrag hieß es, die Abtreibungsrate in Israel sei bis zu zehnmal höher als in anderen westlichen Industrienationen. Die jüdische Kultur versuche Leben mit Behinderungen massiv zu verhindern.

Die Reaktionen der Tagungsteilnehmer auf den irritierenden Powerpoint-Vortrag des Direktors des Sportwissenschaftlichen Instituts an der Uni Göttingen reichten von "gefährlicher Unfug" bis zu "antijüdische Stereotype". Die Wissenschaftler forderten die Universität zu Konsequenzen auf, sie informierten auch die Ethikkommission der DVS.

Nun schaltet sich die israelische Botschaft in Berlin ein. Ilan Mor, stellvertretender Botschafter in Berlin, fordert ein scharfes Vorgehen der deutschen Politik und der Universität Göttingen gegen Arnd Krüger, er sagte Spiegel online: "Das ist eine der schlimmsten Formen der Dehumanisierung des Staates Israel und eine Form des neu aufflackernden Antisemitismus in Deutschland, verpackt als Israelkritik".

In einer Stellungnahme gegenüber der Universität Göttingen verteidigt Krüger seinen Vortrag, auch sei er "mit Sicherheit kein Anti-Semit". Die Kritik habe ihn selbst "völlig überrascht".

Auch Michael Krüger von der Uni Münster, Sektionssprecher Geschichte der DVS, kritisierte die kruden Thesen. Doch der Göttinger Krüger will diese mit einem hebräischen Ko-Autor publizieren. Eine Kostprobe seiner Zeitzeugenschaft gab er im Interview mit einer Uni-Publikation. Als die Attentäter ins Olympische Dorf eindrangen, sei es ja auch einem israelischen Geher gelungen, über den Balkon zu flüchten: "Er hatte zentimeterdicke Brillengläser (...). Und wenn jemand wie er flüchten konnte, hätte jeder flüchten können."