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Irische Literatur:Der lange Weg nach Hause

Anne Enright bestellt vier Kinder zum Weihnachtsbesuch bei ihrer Mutter ein: "Rosaleens Fest" ist ein Familienroman voller lädierter Gestalten und ein Psychogramm der irischen Gesellschaft.

Irgendwann ist es so weit. Die Tochter mit dem Alkoholproblem süffelt am Sherry, der zum Kochen gedacht war. Der schwule Sohn, der früher mal Priester werden wollte, gibt den weit gereisten Star; der nichtschwule Sohn, der als Entwicklungshelfer arbeitet, schwingt ketzerische Reden; die älteste Tochter, die alles kochen und spülen muss, sitzt heulend in der Küche. Und die Mutter fragt sich, warum sie nicht wirklich nett sein kann zu ihren vier Kindern.

Rosaleens Kinder sind zu Weihnachten nach Hause gekommen, ganz so, wie sie es gewünscht und erpresst hatte, durch ein Postscriptum auf den Weihnachtskarten, das auf den angedachten Hausverkauf hinwies. Hausverkauf bedeutet Revision: der Kindheiten, der Familiengeschichte - und der Geschichte eines Landes, das früher sehr arm war und später immerhin so reich wurde, dass Hausfrauen im Supermarkt vierhundertzehn Euro für das Weihnachtsfestmahl ausgeben können.

Auf der "Green Road", so der Originaltitel, macht die Heldin ihren Verdauungsspaziergang

Dass jedes der Kinder - Dan, Emmett, Constance und Hanna - auf seine ganz eigene Weise unglücklich ist, ist die erzählerische Grundbedingung dieses Familienromans, den man tragikomisch nennen könnte, wenn das nicht etwas klischeehaft nach "zu viel Sherry, aber immerhin sind alle daheim" klänge. Im Original trägt der Roman, der in diesem Jahr auf der Long List des Booker Preises stand, den Titel "The Green Road", und tatsächlich hat die irische Schriftstellerin Anne Enright weniger das abschließende Weihnachtsfest, als vielmehr den langen Weg dorthin ins Zentrum gestellt. Dort irgendwo liegt das Haus der Familie Madigan im County Clare, nicht weit vom Atlantik und südlich der Shannon Bay. In der Nähe des Hauses gibt es eine "green road", eben jenen Feldweg, auf dem Rosaleen gewöhnlich einen Verdauungsspaziergang macht.

Irgendwo liegt das Haus der Familie Madigan im County Clare, nicht weit vom Atlantik. Es ist aber schon etwas älter als diese Neubauten.

(Foto: Paul McErlane/Bloomberg)

Der lange Weg beginnt 1980 im County Clare mit dem Kapitel "Hanna". Es porträtiert die jüngste Tochter (die mit dem Sherry), führt mit "Dan" ins schwule New York der frühen Neunzigerjahre und zeigt "Constance" (die mit der Vierhundertzehn-Euro-Rechnung) bei einer Brustkrebsuntersuchung 1997 im County Limerick. Das "Emmett"-Kapitel stellt den Entwicklungshelfer-Sohn vor, der 2002 in Mali stationiert ist und gerade seine Beziehung ruiniert. Ein vorläufiges Wegesende ist mit "Rosaleen" erreicht, die im Jahr 2005 allein in ihrem Haus sitzt - es heißt Ardeevin, ist idyllisch gelegen, aber ähnlich lädiert wie seine Ex-Bewohner.

Die Blümchen an den Erdgeschosswänden sind überstrichen, das obere Stockwerk mit den Kinderschlafzimmern ist längst verwaist. Dort regiert noch "der beruhigende Irrsinn einer gemusterten Tapete", wie Dan feststellt, als er sein altes Zimmer auf sich wirken lässt. Das womöglich letzte gemeinsame Weihnachtsfest fällt ebenfalls ins Jahr 2005: Irland ist ein zu Geld gekommenes Land, das gerade dabei ist, seine ärmlich-provinzielle Vergangenheit abzuwickeln; die Finanzkrise ist noch nicht in Sicht. Was sich aber abzeichnet, ist der Mangel, den jedes Mitglied der Madigan-Familie auf eine andere Art erlebt hat. Anne Enright ist eine unsentimentale, manchmal herb spöttelnde Beobachterin; die Liebessehnsucht der Kinder und der Mutter deutet sie nur an.

Die Einzelporträts, die gleichzeitig die Jahrzehnte Revue passieren lassen, präsentieren vier Geschwister, die sich kulturell, wirtschaftlich oder geografisch himmelweit von ihrer Herkunft entfernt haben - und sich doch nie richtig abnabeln konnten. Dan "nahm die Macht wahr, die Rosaleen über ihre Kinder ausübte, Kinder, von denen keines so erwachsen war, dass es sich mit ihr messen konnte". Am besten trifft das wohl auf ihn selbst zu: Seine Welt ist die New Yorker Kunstszene, die von Aids heimgesucht wird und mit Lebensgier und Parties antwortet. Dan ist der schöne, immer ein wenig restverklemmte Ire, der sich lieben lässt, aber selbst nicht lieben kann. Ein entlaufener Priester.

Anne Enright: Rosaleens Fest. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 380 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 15,99 Euro.

Anne Enright, geboren 1962 in Dublin, hat solche fies-familiären Liebesgeflechte schon in früheren Romanen seziert; "Anatomie einer Affäre" war die Geschichte einer jahrelang geheim gehaltenen Beziehung mit all ihrer Schäbigkeit; der Roman "Das Familientreffen", mit dem sie 2007 den Booker Preis gewann, erzählte von einer Schwester, die nach dem Selbstmord des Bruders die düstere Familiengeschichte aufrollt. Dunkle Geheimnisse, das könnte nach Stoff von der Stange klingen (Missbrauch, Liebesentzug, Kriegserlebnisse).

Bei Enright ist es aber die Form, die den Ausschlag gibt: ein schnörkelloser Realismus, der mit schlichten, doppelbödigen Szenen Leerstellen erzeugt - wie kleine Krater, die immer weiter nach unten führen. Gelegentlich könnte man an Colm Tóibín, den irischen Meister der Aussparung, und dessen Erzählungen "Mütter und Söhne" denken. Bedient Enright irische Klischees, wenn sie von vielköpfigen katholischen Familien, Alkoholismus und neuem Reichtum schreibt und Gedichtzeilen wie "Oh, little Corca Baiscinn / the wild, the bleak, the fair" zitiert? Das wäre so, als ob man einem Prenzlauerbergroman die Einkindfamilie und den Veganismus vorwerfen würde. Manche Details sind allerdings doch dick aufgetragen; "das kleine Cottage aus der Zeit der Hungersnot" etwa, in dem Rosaleen Schutz vor ihrer eigenen Verkorkstheit sucht.

Apropos Verkorkstheit: Diese Mutter denkt, dass alle nur auf ihr Ableben warten. Rosaleen erweist sich als wehleidige, egozentrische, mit ihrer Liebe geizende Diva; der Vater bleibt dagegen seltsam blass. Wenn Unheil droht, legt sie sich ins Bett und lässt sich von den Kindern Medikamente bringen - als Tochter des Apothekers hält sie sich immer noch für etwas Besseres; dass sie den Landwirt Pat Madigan und damit "unter ihrem Stand" geheiratet hat, ist ihr Verhängnis. Gegen Ende, auf dem Feldweg, heißt es: "Rosaleen war des Wartens müde. Ihr ganzes Leben hatte sie auf etwas gewartet, das nie eingetreten war". Auch die Kinder können ihre Erwartungen nicht erfüllen - was in den besten Familien und in vielen Romanen vorkommt. Eine simple Mutti-ist-die-Bestie-Story erzählt "Rosaleens Fest" dennoch nicht, die kleinen Gemeinheiten verweisen vielmehr auf eine unendliche Geschichte von ersehnter und verweigerter Aufmerksamkeit, die wie eine Splitterbombe alle Zeitschichten und Beteiligten erfasst.

"Gott, du bist wirklich unverwüstlich", sagt Rosaleen zu ihrer Tochter Constance, nachdem sie von der Brustkrebsuntersuchung erfahren hat. Und dann lässt Enright einen lapidaren Satz folgen, der den ganzen familiären Mikro-Abgrund aufklaffen lässt: "Es klang wie eine Beleidigung".

© SZ vom 17.12.2015
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