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Irische Literatur:Das Geheimnis des Wolfs

Seit vielen Jahren verunsichert und provoziert die irische Erzählerin Edna O'Brien ihre Leser. Auch in ihrem neuen Roman "Die kleinen roten Stühle" erzählt sie von Krieg, Schuld und Gewalt.

Von Eva Schäfers

Noch Anfang der Achtzigerjahre konnte man in Gesprächen in Irland die einstige Ächtung der Schriftstellerin Edna O'Brien heraushören, deren erste Romane im kirchenhörigen Irland verboten waren. Die schlimmste Sünde für die Kirche ist wohl die ausgekostete Sexualität außerhalb der Ehe. Immer müssen die Frauen, die im Mittelpunkt ihrer Romane stehen, für ihre illegitimen Affären mit gesellschaftlicher Ausgrenzung bezahlen.

Den knapp 300-seitigen Roman "Die kleinen roten Stühle", der eben auf Deutsch erschien, können wir zunächst als typisches O'Brien-Stück lesen: Eine verheiratete Frau, die einen fremden Mann heftig begehrt, deren Begehren sich sogar darauf richtet, von ihm ein Kind zu bekommen. Danach ein exzessives Gewaltverbrechen an der Frau und ein öffentlicher Skandal, der noch stärker von der amourösen Grenzüberschreitung als vom blutigen Verbrechen angefacht wird. Eine Passionsgeschichte im doppelten Sinn des Wortes: eine Geschichte des Leidens und der Leidenschaft. Doch es geht um mehr, schon der geheimnisvolle Titel weist darauf hin. Er bezieht sich auf die roten Stühle, die im Jahr 2012 im Gedenken an die Todesopfer der Belagerung Sarajevos aufgestellt wurden. Es ist ein Roman, der deutlich und zielstrebig in eine dezidiert politisch-gesellschaftliche Dimension vorstößt.

An einem frostigen Winterabend kommt ein Fremder ins irische Dorf Cloonoila, einen fiktiven Ort, den die Autorin in den Norden der Republik gelegt hat. Er heißt mit Vornamen Vuk, was Wolf bedeutet. Der Wolf hat ein Anrecht auf das Lamm, das ist auch das ominöse Motto, das dem Roman vorangestellt wird. Wie dieser Fremde mit seinem mönchischen schwarzen Mantel und den weißen Handschuhen auf den ohrenbetäubend laut gurgelnden Fluss hinunterschaut, das wirkt wie eine Szene aus dem Stummfilmklassiker "Nosferatu". Mit seinen ausgreifenden Armen, die in überlangen weißen Händen enden, klettert dort der Vampir aus seinem Sarg im Unterdeck eines Schiffes, während die ahnungslosen Einwohner noch ahnungslos in ihren Betten schlafen. Dr. Vlad - der "Wolf" -, der sich in Cloonoila als Heilmediziner niederlässt, gewinnt die Dorfbewohner mit seinem Charisma, seiner Einfühlsamkeit und mit seinen heilenden Kräften - aber er entpuppt sich als serbischer Kriegsverbrecher.

Edna's Street

Der Mensch kann Lamm und Wolf zugleich sein: Die irische Schriftstellerin Edna O’Brien, 1964.

(Foto: Evening Standard/Getty Images)

Kunstvoll wird hier das Individuelle mit dem Politischen verknüpft, Fidelmas Passionsgeschichte mit dem "Wolf" und dessen Greueltaten in Sarajevo. Abrupt fällt die Gewalt in Fidelmas Leben ein. Drei seiner Schergen, brutalisierte Soldateska unter Drogen, wollen sich an ihrem einstigen Führer rächen, suchen ihn, aber da sie zu spät kommen, vergreifen sie sich an seiner ehemaligen Geliebten und töten das ungeborene Kind in ihrem Leib. Der Scheinwerfer fällt nur auf das Werkzeug des Massakers: Obwohl die Bluttat erzählerisch ausgespart wird, fällt es dem Leser schwer, alles auszuhalten - Edna O'Brien muss bei ihren Recherchen tief in die serbokroatische Leidensgeschichte eingetaucht sein.

Die Natur spiegelt bei Edna O'Brien die menschliche Natur mit ihrem Licht und Schatten. Die Erzählperspektiven wechseln, sie verengen sich von der alles wissenden, aber nicht alles verratenden Erzählerstimme auf die subjektive und begrenzte Innensicht der Figuren, vor allem die von Fidelma. Und das gemächliche Erzähltempo beschleunigt sich. Lange wird das Panorama des Dorfes farbig und gewissermaßen kontemplativ ausgemalt, von der esoterischen Pensionswirtin Fifi bis zu der gläubigen, aber nicht autoritätsgläubigen Schwester Bonaventura. Bis der Terror in die Idylle einbricht; die Entführung Fidelmas ist auch ein atemloser Thriller, deren Spannung ins schier Unerträgliche gesteigert wird.

Leseprobe

Der Wolf fällt sozusagen auseinander, in genau die zwei Teile, die auch den Roman markieren. In dem sich spreizenden und völlig egozentrischen Dr. Vlad, der nach seiner Verhaftung in Irland vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag auftritt, erkennt man schnell Radovan Karadžić, den verurteilten bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher.

Nach der Schuld die Sühne, im zweiten Teil des Romans. Fidelma flieht nach London. Nach einer Zeit der Obdachlosigkeit findet sie einen prekären Putzjob nachts in einem gläsernen Bankpalast. Und wieder weitet sich der Plot aus auf die gesellschaftliche Dimension. Eine Frau aus Montenegro, die selbst die 1 425 Tage der Belagerung Sarajevos überlebt hat, bittet andere Flüchtlinge in einer Sozialstation, ihre Geschichten zu erzählen. Manche reden, andere lügen, viele schweigen. Ihr Trauma besteht manchmal auch darin, dass sie von den "Aufsehern" zur Mittäterschaft gezwungen wurden, in grausamen, sexuell getönten Szenarien des Mordens und der Folter.

Gewaltopfer von Wölfen bleiben keine Lämmer, sondern werden selbst von Gewalt- und Rachefantasien heimgesucht. Die eigentlich sanftmütige Fidelma hasst sich selbst, ihren Körper und die drei Männer, die sie zerstört haben. Gewalt gebiert Ungeheuer. Sie pflanzt sich fort, und zwischen schwarz und weiß können wir nicht mehr unterscheiden. "Die kleinen roten Stühle" ist ein atmosphärisch dichter Roman unserer gewalttätigen Zeit.

Aber das Geheimnis des Wolfs bleibt bestehen, und vielleicht kann es auch gar nicht gelüftet werden. Es erinnert an die Aufseher der deutschen Konzentrationslager, die in ihrem Haus auf dem Lagergelände mit ihren Kindern ein besinnliches Weihnachten gefeiert haben: mit zartem Gebäck, christlichen Liedern und humanistischen Gedichten. Der Mensch ist nicht nur edel, hilfreich und gut, sondern er kann Lamm und Wolf zugleich sein.

Edna O'Brien: Die kleinen roten Stühle. Roman. Aus dem Englischen von Kathrin Razum und Nikolaus Stingl. Steidl Verlag, Göttingen 2017. 344 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 02.10.2017

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