Irak-Krieg:Das Desaster der Falken

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Bedrückender Vergleich mit 1914

Erinnerungen an unsere eigene Geschichte. Den irakischen Intellektuellen, der darüber in kalte Wut geriete, könnte man verstehen; allerdings darf man unterstellen, dass diesen Iraker heute ganz andere Sorgen bedrängen. Selbstverständlich liegt die Hauptschuld an der Katastrophe bei den politisch-militärischen Akteuren, die mit gefälschten Informationen, unrealistischen Vorgaben und törichter Arroganz ein Abenteuer begannen, das ihnen spektakulär entglitten ist. Trotzdem muss man feststellen: Selten wurde verantwortungsloses Handeln von so viel haltlosem Geschwätz begleitet.

Der Vergleich mit 1914 ist deshalb so bedrückend, weil sich 2003 wieder das Syndrom eines ,,Literatentums'' zeigte, dessen Begriff Max Weber im Ersten Weltkrieg entwickelte: am Phänomen einer Schriftstellerei, die riskante kriegerische Entscheidungen mit kulturkritischen, schöngeistigen, jedenfalls sachfernen und kenntnisfreien Überbauten umwölkte.

Auch im Ersten Weltkrieg ging es angeblich um ganz viel, um Kultur und Zivilisation, um Politik und Musik, um Deutschen Geist und westlichen Ungeist und umgekehrt - und um ,,Kriegsziele'' von absehbar unrealistischem, ja wahnhaftem Zuschnitt.

Am Ende ein ruinierter, destabilisierter Kontinent

Am Ende stand ein ruinierter, destabilisierter Kontinent, die kulturellen Phantasmen aber waren mit einem Schlag zerstoben, als hätte es sie nie gegeben. Und heute steht das politische Feuilleton vor der demütigenden Erfahrung, dass ein alter Haudegen und Reisereporter wie Peter Scholl-Latour die Verhältnisse im Nahen Osten richtiger beurteilt hat als der schlaueste New Yorker und Pariser Essayismus.

Hinter den vergeblichen Hoffnungen und den Irrtümern von 2003 steht die immerwährende Frage, was man aus der Geschichte lernen kann. Eine mittlerweile klassische These dazu ist, man könne gar nichts mehr aus ihr lernen, denn die neuzeitlich bewegte Geschichte mit ihrer unentwegten Veränderung aller Grundbedingungen des Daseins verhindere die Wiederkehr ähnlicher Konstellationen und Situationen; daher seien alle älteren Klugheitsregeln geschichtlicher Erfahrung überholt. Geschichte habe aufgehört, die Lehrmeisterin des Lebens zu sein, weil sie das gesamte Leben in ihren Strudel gezogen habe.

Diese These hat aber noch nie verhindert, dass immer wieder die gewagtesten Parallelen gezogen werden. Irgendeine Orientierung braucht der historisch denkende Mensch. Merkwürdigerweise aber wurden kleinteilige Weisheiten - beispielsweise der Satz: Es ist klüger, seine Freunde nicht zu verprellen - durchaus gering geschätzt.

Dagegen erfreuen sich weiträumige und gewagte Analogien bei Geschichtsdenkern hoher Beliebtheit. So haben die liberalen Öffentlichkeiten seit 1917 den Charakter der Russischen Revolution jahrzehntelang verkehrt eingeschätzt, weil sie sich diesen Umsturz nach dem Muster der Französischen Revolution zurechtlegten. Da war ein wenig ,,Terreur'' durchaus akzeptabel, weil am Ende doch eine bürgerliche Konstitution herauskam und noch später ein Diktator, der für Ordnung sorgte.

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