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IRA-Roman:In sechs Stunden ist der Nächste dran

Auch die IRA braucht Dummköpfe, so wie die Felder den Schweinemist. Eugene McCabes "Die Welt ist immer noch schön" ist ein politischer IRA-Roman, der auf alles Lehrstückhafte verzichtet.

Von Hans-Peter Kunisch

Eine große Vieh- und Pferdeausstellung in der Republik Irland, direkt an der Grenze zum "grau-braun brütenden Hochland" der nordirischen Grafschaft Fermanagh. Ein Mann namens Martin Leonard zeigt einer Dubliner Kunststudentin, die mit einem Wagen der IRA gekommen ist, die Männer, die am Abend auf einem Landsitz überfallen werden sollen: Colonel Armstrong, den Gutsherrn, vor allem aber dessen Schwiegersohn, einen Staatssekretär im Außenministerium und englischen Lord. Die Freilassung drei wichtiger IRA-Leute aus dem Hochsicherheitsgefängnis Long Kesh soll erpresst werden.

Noch heute, wo Long Kesh aufgelöst ist und Belfast als Touristenziel vermarktet wird, ist der Alltag zwischen den Fronten schwierig. Familien mit Schulkindern, die sich aus dem schwelenden Konflikt heraushalten wollen, haben die größten Probleme. Doch in den siebziger Jahren, in denen Eugene Mc Cabes schmaler, aber explosiver Roman "Die Welt ist immer noch schön" spielt, herrscht Krieg. Die Kunststudentin ist Isabel Lynam, deren Vater Wirt ist und im Parlament sitzt. Sie selber hat zwei Jahre lang von Podien herab Gewalt gepredigt. Jetzt soll sie die Praxis kennen lernen. Das Programm ist klar: eine Stunde nach Ablauf des Ultimatums muss morgen Mittag der erste Gefangene getötet werden. Dann alle sechs Stunden einer. Möglich, dass der Landsitz von der Polizei gestürmt wird.

Dem Helden zuckt manchmal der Pistolenarm "wie der Schwanz eines eingesperrten Tigers"

Isabel, die sich nicht zum "aktiven Dienst gemeldet" hat, ahnt, warum sie dennoch für diesen gefährlichen Job bestimmt wurde: sie hat ein Kind des IRA-Führers Burke abgetrieben. Ist es Rache? Denkt er sich, dieses Mädchen ist zu allem fähig? Seine Frau hat mit Selbstmord gedroht.

Wenn jemand gute Voraussetzungen hat, einen tiefgründig-spannenden Provinz-IRA-Roman zu schreiben, der über Ablehnung oder Propaganda hinaus geht, ist es Eugene McCabe. 1930 in Glasgow als Sohn irischer Einwanderer geboren, die Anfang der vierziger Jahre zurückkehrten, wohnt er seit Jahrzehnten als Farmer bei Clones, County Monaghan, genau an der Grenze. Die Auffahrt zur Farm führt von Irland durch Nordirland wieder nach Irland zurück. Auch hier ist Grundbesitz oft älter als die politischen Grenzen.

Das berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis Long Kesh: Eugene McCabe erzählt vom blutigen irischen Konflikt aus allen Perspektiven.

(Foto: Paul McErlane/Bloomberg News)

Mit "Tod und Nachtigallen", seinem zweiten Roman, wurde McCabe erst 2011 für den deutschen Sprachraum entdeckt. Der 85jährige hat wenig geschrieben, vor allem Theaterstücke. "Victims", so der englische Titel des sarkastisch gemeinten "Die Welt ist immer noch schön", war in den siebziger Jahren eine lange Erzählung, dann Teil einer Trilogie fürs Fernsehen. Danach baute McCabe es zu dem Roman aus, der jetzt, von Hans-Christian Oeser gerade an schwierigen Stellen gut übersetzt, zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt.

Anders als in "Tod und Nachtigallen" mit seinen metaphernreich-präzisen Landschaftsbildern stehen in "Die Welt ist immer noch schön" giftige politische Dialoge und fein abgestufte, feurige Charaktere im Zentrum. Neben der jungen Gewaltpredigerin Isabel, die schnell Bedenken entwickelt, fasziniert die Figur von Jim Gallagher: ein flammend rothaariger Fanatiker, jung, hypernervös und cholerisch aufbrausend, aber gescheit; ein Epileptiker, dem der Pistolenarm manchmal zuckt, "wie der Schwanz eines eingesperrten Tigers".

"Wir haben nie Papisten eingestellt, Familientradition, die betrügen alle, lügen und stehlen."

McCabe sät gerne ironisch Zwist, gerade zwischen den Mitgliedern einer "Partei". Als Gallagher Isabel zum ersten Mal anspricht, antwortet sie schnippisch, sie sei "La belle Dame sans merci". Er sagt, er heiße Gallagher, "habe in vier Jahren fünf Männer umgelegt (. . .), drei Kasernen in die Luft gesprengt und in der ganzen Provinz mehr als hundert Bomben gelegt, und wenn ich eine höfliche Frage stelle, erwarte ich einen höfliche Antwort." Worauf Isabel französisch meint, sie würde gern auf Dummköpfe wie ihn verzichten, aber "die Sache habe ihn nötig, wie die Felder den Schweinemist." Dumm, dass Gallagher sein Terror-Handwerk bei der bretonischen Befreiungsbewegung gelernt hat.

Eugene McCabe: Die Welt ist immer noch schön. Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 133 Seiten, 16 Euro.

McCabe verspiegelt alle Fronten. Auch "die Engländer" treten zerrissen auf. Harriet, die Frau des Colonels, eine hochfahrende Alkoholikerin, kann mit den abgestanden-arroganten Ansichten der Männer nichts anfangen. Ein Kanonikus zitiert eine Untersuchung, die aufzeige, dass der IQ von Schwarzen dem der Iren überlegen sei. Trotzdem haftet McCabes Engländern auch etwas Tragisches an. Die Armstrongs waren nicht die schlechtesten Kolonialherren, sonst wären sie lange tot. Sie waren zu Kompromissen bereit. Dass die Erpresser gerade sie benutzen, ist deshalb so unsinnig wie die arroganten englischen Sprüche vor der Entführung.

Kann Terror gut sein? Wann ist politischer Kampf berechtigt? Geschickt vermeidet Mc Cabe alles Lehrstückhafte, lässt jeden Leser seine Fragen stellen und beantwortet sie nicht. Seine Charaktere sind Menschen, egal auf welcher Seite, was bei harten Konflikten gern vergessen wird. Auch der Engländer, der im Buch am kürzesten lebt, der alte Alex Boyd-Crawford, der schon auf Bäume stieg, um dort frühen irischen Unabhängigkeitskämpfern und den mit ihnen verbündeten Nazis, die nie auftauchten, aufzulauern, bleibt mehrdeutig. Wenn er, "ein komischer Kauz, ein weiser Narr, Trinker und Schürzenjäger", auf die Iren zu sprechen kommt, meint er, so selbstkritisch wie zynisch: "Wir haben nie Papisten eingestellt, Familientradition, die betrügen alle, lügen und stehlen, sind schmutzig, unachtsam, abergläubisch, dumm; wenn man das von Kindsbeinen an hört, ob richtig oder falsch, bleibt es meist haften."

Der Überfall gelingt, aber nur teilweise: der Staatssekretär und Lord ist schon weg, was die Erpressung beinahe unmöglich macht. Die Nerven liegen bei Iren wie bei Engländern blank. Vor dem Landsitz fährt Polizei auf, es gibt noch mehr interne Konflikte. Die junge Frau des Lords, die schwanger ist, kennt Entführerin Isabel vom Studium her. So treibt eine Geschichte, die auf der Landwirtschaftsausstellung vermeintlich behäbig in Fahrt kommt, schnell in die Eskalation. Mc Cabe lässt politischen Zwist und menschliche Tragödien aufeinander prallen. Und ihm gelingt ein eigentlicher Showdown: eine Lösung scheint sich anzubahnen, aber Leonard, der unauffällige Anführer der IRA-Leute, verrät nichts - bis klar wird: die drei Gefangenen sollen frei kommen - im Tausch gegen drei der Erpresser. An Leonard liegt es, zu entscheiden, wer raus muss.

© SZ vom 15.12.2015
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