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"Intrige" von Robert Harris:Aus sicherer Distanz

Wenn Major Picquart an einem kalten Januarmorgen 1895 die Prunktreppe des Kriegsministeriums hoch eilt, um dem Minister Bericht zu erstatten über die spektakuläre Degradierung und Verbannung des Hauptmanns Dreyfus, der er im Hof der Militärakademie gerade beigewohnt hat, ist er von der gerechten Strafe für den Verräter noch ganz überzeugt. Als distanzierter Beobachter hat er die Zeremonie durch ein mitgebrachtes Opernglas verfolgt und über den Ruf "Tod den Juden!" aus dem aufgebrachten Zuschauermob einfach hinweggehört.

Auch die in den Salongesprächen häufigen Bemerkungen über die "würdelose Rasse" nimmt er hin als ein etwas übertriebenes Gerede. Erst nach seiner Beförderung in die Spionageabteilung machen ihn einige Ungereimtheiten des Dossiers stutzig, und bald ist er fest überzeugt, nicht der auf der Teufelsinsel sitzende Dreyfus, sondern der obskure Major Esterházy sei der Autor jener Papierfetzen, die eine Putzfrau aus dem Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris geschmuggelt hat.

Unbeirrbar und gegen die ausdrückliche Weisung seiner Vorgesetzten betreibt er seine Nachforschungen. Dieses ständige Kombinieren, Vergleichen, Spekulieren mit immer neuen Einzelheiten macht die Stärke des ehemaligen Journalisten Robert Harris aus, mag er auch zu oft der Versuchung erliegen, auf den Höhepunkt einer politischen Ereigniswende jeweils gleich ein amouröses Hochgefühl mit der Geliebten im Bett folgen zu lassen.

Patriotisch und kosmopolitisch

Harris hat das Profil der historischen Figuren zugespitzt und die meisten von ihnen doch mit Nuancen versehen. Der in Straßburg geborene Picquart hätte auch Musiklehrer werden können, hätte er nicht sechzehnjährig im deutsch-französischen Krieg 1870 die Beschießung seiner Geburtsstadt miterlebt. Das zahlreich aus dem Elsass stammende jüdische Bürgermilieu in Paris, dem auch Alfred Dreyfus angehörte, fühlt hingegen zugleich patriotisch und kosmopolitisch.

Die Mitglieder der Armeeführung wiederum sind bald Figuren eines verknöcherten Standesdünkels, denen das Zugeständnis eines offensichtlichen Justizirrtums wie eine Selbstverleugnung vorkäme, bald gerissene Lügner oder diensteifrige Aktenfälscher wie der schleimige Major Hubert-Joseph Henry, ein Mitarbeiter Picquarts aus der Spionageabteilung und ein Hauptakteur der Dreyfus-Affäre.

Ein überzeugendes Gesamtbild

Bei der Schilderung der Berühmtheiten Émile Zola oder Georges Clemenceau hält Harris sich hingegen vorsichtig zurück. Dennoch bietet er ein überzeugendes Gesamtbild der Affäre. Mit dem Antisemitismus als verborgener Triebkraft erscheint sie als Ergebnis aus falsch verstandener Loyalität gegenüber der Armee, obsessiver Deutschland-Angst, Starrsinn und bürokratischer Schlamperei.

In diesem historischen Biotop lässt der Roman eine fesselnde Figurenvielfalt gedeihen, in der Picquart und der Anwalt Louis Leblois, sein Freund, manchmal etwas zu aufdringlich die Rolle der einzigen Aufrichtigen spielen. Der Romanstil ist jedoch lebendig, packend und locker ausholend, auch in der Übersetzung von Wolfgang Müller, dem der Autor in seiner Danksagung für die Sprach- und Fachkompetenz seine Anerkennung ausspricht.

Für Geschichtsinteressierte ist dieser Roman eine unterhaltsame Gelegenheit, die Erinnerung an die Dreyfus-Affäre aufzufrischen. Liebhabern von Thrillern bietet er eine gute Story mit dem Duft der Belle Époque. Allen zusammen gibt er wohl einen Vorgeschmack auf den nächsten Film von Roman Polanski, mit dem Harris schon für "Ghost" zusammengearbeitet hat und der gerade an seinem neuen Filmprojekt über die Dreyfus-Affäre sitzt.

© SZ vom 08.01.2014/mfh

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