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"Intrige" von Robert Harris:Weltgeschichte im Opernglas

The Dreyfus Affair in satirical cartoon published in Italian magazine Papagallo, Italy, 19th century

Die Dreyfus-Affäre war ein gesamteuropäisches Ereignis. Auf dieser Karikatur aus dem Magazin Il Pappagallo heizt Zola die öffentliche Meinung an.

(Foto: Getty Images)

Der englische Thriller-Autor Robert Harris macht aus der Dreyfus-Affäre einen fesselnden Spionageroman, in dem der Antisemitismus sein Unwesen treibt und ein Oberstleutnant zum Aufklärer wird.

Von Joseph Hanimann, Paris

Gegenüber der politischen und gesellschaftlichen Bedeutung der Dreyfus-Affäre ist das Aufregende an der Story gern in Vergessenheit geraten. Es brauchte wohl einen Erzählprofi wie Robert Harris, um die Überlebenskrise der Dritten Republik im Frankreich der Pferdedroschken und gezwirbelten Schnauzbärte einmal als Thriller abrollen zu lassen .

Die Berge aus Akten, Studien und Zeugnissen wie Émile Zolas Zeitungsaufruf "J'accuse . . .!" mussten umgeschichtet, abgeschliffen, vereinfacht werden, um Aufwind für die Romanspannung zu schaffen (Siehe SZ-Interview vom 26. Oktober 2013).

Harris ist es gelungen, ohne gravierenden Verrat an der Substanz aus diesem Gemenge aus Antisemitismus, Staatsraison und sturer Bürokratie eine Geschichte zu machen, die einen von Anfang bis Ende in Atem hält. Intrigen und Gegenintrigen verzahnen sich haarscharf ineinander, das Fin de Siècle schimmert als Kulisse gerade so viel durch wie nötig, die Ereignisse des berühmten Justizirrtums, der einen Unschuldigen wegen Hochverrat auf die Teufelsinsel verbannte, laufen mit einer Anschaulichkeit vor unseren Augen ab, als stünden wir immer gerade in der vordersten Reihe.

Frühe Zweifel an der Schuld von Dreyfus

Kein Wunder. Harris erzählt aus der Perspektive jenes Oberstleutnants Picquart, der als Chef der Spionageabteilung in der Armee früh Zweifel an der Schuld von Alfred Dreyfus hegte und sich Klarheit verschaffen wollte. Er musste dafür mit Versetzung und Gefängnishaft bezahlen. Im Unterschied zum blassen und steifen Dreyfus war Picquart aber ein umgänglicher Mann, der auch komplizierte Situationen mit klaren Vorstellungen von Ehre schnell in den Griff bekam und Unausgesprochenes treffend zum Ausdruck bringen konnte.

Ihm folgen wir von dem Moment an, wo er die Dreyfus-Akte in die Hand bekommt, in einem ewigen Präsens durchs Labyrinth der Ereignisse bis zur Kaltstellung auf einem tunesischen Außenposten, dann zur Gefängnishaft, zum Gerichtsprozess gegen Zola, wo er als Zeuge auftritt, und schließlich zur Rehabilitierung.

Dieses ewige Präsens lässt uns unmittelbar an Ministergesprächen, Geheimtreffen, verborgenen Operationen, intimen Bettgeschichten teilnehmen. Harris stützt sich auf die umfangreiche Literatur und überlieferte Zeugnisse wie jene aus dem Geheimdossier zum Fall Dreyfus, die unlängst vom französischen Verteidigungsministerium freigegeben wurden. Einzelne Episoden hat er ausgebaut oder hinzuerfunden und so das Ganze zu einem fesselnden Spannungsszenario verknüpft.

Aus sicherer Distanz

Wenn Major Picquart an einem kalten Januarmorgen 1895 die Prunktreppe des Kriegsministeriums hoch eilt, um dem Minister Bericht zu erstatten über die spektakuläre Degradierung und Verbannung des Hauptmanns Dreyfus, der er im Hof der Militärakademie gerade beigewohnt hat, ist er von der gerechten Strafe für den Verräter noch ganz überzeugt. Als distanzierter Beobachter hat er die Zeremonie durch ein mitgebrachtes Opernglas verfolgt und über den Ruf "Tod den Juden!" aus dem aufgebrachten Zuschauermob einfach hinweggehört.

Auch die in den Salongesprächen häufigen Bemerkungen über die "würdelose Rasse" nimmt er hin als ein etwas übertriebenes Gerede. Erst nach seiner Beförderung in die Spionageabteilung machen ihn einige Ungereimtheiten des Dossiers stutzig, und bald ist er fest überzeugt, nicht der auf der Teufelsinsel sitzende Dreyfus, sondern der obskure Major Esterházy sei der Autor jener Papierfetzen, die eine Putzfrau aus dem Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris geschmuggelt hat.

Unbeirrbar und gegen die ausdrückliche Weisung seiner Vorgesetzten betreibt er seine Nachforschungen. Dieses ständige Kombinieren, Vergleichen, Spekulieren mit immer neuen Einzelheiten macht die Stärke des ehemaligen Journalisten Robert Harris aus, mag er auch zu oft der Versuchung erliegen, auf den Höhepunkt einer politischen Ereigniswende jeweils gleich ein amouröses Hochgefühl mit der Geliebten im Bett folgen zu lassen.

Patriotisch und kosmopolitisch

Harris hat das Profil der historischen Figuren zugespitzt und die meisten von ihnen doch mit Nuancen versehen. Der in Straßburg geborene Picquart hätte auch Musiklehrer werden können, hätte er nicht sechzehnjährig im deutsch-französischen Krieg 1870 die Beschießung seiner Geburtsstadt miterlebt. Das zahlreich aus dem Elsass stammende jüdische Bürgermilieu in Paris, dem auch Alfred Dreyfus angehörte, fühlt hingegen zugleich patriotisch und kosmopolitisch.

Die Mitglieder der Armeeführung wiederum sind bald Figuren eines verknöcherten Standesdünkels, denen das Zugeständnis eines offensichtlichen Justizirrtums wie eine Selbstverleugnung vorkäme, bald gerissene Lügner oder diensteifrige Aktenfälscher wie der schleimige Major Hubert-Joseph Henry, ein Mitarbeiter Picquarts aus der Spionageabteilung und ein Hauptakteur der Dreyfus-Affäre.

Ein überzeugendes Gesamtbild

Bei der Schilderung der Berühmtheiten Émile Zola oder Georges Clemenceau hält Harris sich hingegen vorsichtig zurück. Dennoch bietet er ein überzeugendes Gesamtbild der Affäre. Mit dem Antisemitismus als verborgener Triebkraft erscheint sie als Ergebnis aus falsch verstandener Loyalität gegenüber der Armee, obsessiver Deutschland-Angst, Starrsinn und bürokratischer Schlamperei.

In diesem historischen Biotop lässt der Roman eine fesselnde Figurenvielfalt gedeihen, in der Picquart und der Anwalt Louis Leblois, sein Freund, manchmal etwas zu aufdringlich die Rolle der einzigen Aufrichtigen spielen. Der Romanstil ist jedoch lebendig, packend und locker ausholend, auch in der Übersetzung von Wolfgang Müller, dem der Autor in seiner Danksagung für die Sprach- und Fachkompetenz seine Anerkennung ausspricht.

Für Geschichtsinteressierte ist dieser Roman eine unterhaltsame Gelegenheit, die Erinnerung an die Dreyfus-Affäre aufzufrischen. Liebhabern von Thrillern bietet er eine gute Story mit dem Duft der Belle Époque. Allen zusammen gibt er wohl einen Vorgeschmack auf den nächsten Film von Roman Polanski, mit dem Harris schon für "Ghost" zusammengearbeitet hat und der gerade an seinem neuen Filmprojekt über die Dreyfus-Affäre sitzt.

© SZ vom 08.01.2014/mfh

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