Interview mit Tom Cruise zu "Valkyrie" Den Wahnsinn weglachen

SZ: Wird es funktionieren?

Cruise: Sicherheiten gibt es nie in diesem Geschäft. Man versucht nur, so verantwortungsvoll wie möglich zu planen, damit sich die Sache für alle rentiert, damit ich wieder rausgehen kann und sagen: Okay, lasst uns den nächsten machen! Wenn dieser Film also 65, 75 Millionen Dollar in den USA einspielt, werden wir alle hier sehr, sehr glücklich sein - und uns mit High-Fives abklatschen. Mehr kann man bei diesem ernsten Thema nicht erhoffen. Und jetzt ist der Punkt erreicht, wo ich auch gar nichts mehr dafür tun kann - außer über den Film zu reden.

Was im November Wunsch war, ist heute Wirklichkeit. Der Film hat seine 75 Millionen Dollar in den USA eingespielt. Tom Cruises Instinkt also mal wieder: 100 Punkte. Blogger, Zweifler, Untergangspropheten, Scheinexperten: Null Punkte. Man würde ja gerne, rein aus Variationsgründen, mal was anderes berichten. Geht aber nur unter völliger Missachtung der Fakten, was leider inzwischen die Regel ist. Die ganze Cruise-braucht-verzweifelt-einen-Hit-Saga ignoriert zum Beispiel völlig, dass sein bisher erfolgreichster Film, mit 591 Millionen Dollar Einnahmen weltweit, keineswegs viele Jahre zurückliegt. Er heißt "Krieg der Welten"und ist von 2005.

SZ: Nach Ihrer Trennung von Paramount hieß es überall, Ihre Karriere stehe vor einer harten Bewährungsprobe. Wie sehen Sie das?

Cruise: Es gab ja nie einen Vertrag mit Paramount. Da muss man Realität und Phantasie schon unterscheiden. Als Schauspieler habe ich immer für alle gearbeitet. "Last Samurai", "Interview mit einem Vampir", mein Film mit Kubrick - das war zum Beispiel alles für Warner, "Jerry Maguire" war für Sony, und so weiter. Und ganz ehrlich, ich erinnere mich kaum an eine Zeit, in der meine Karriere in der Wahrnehmung der Medien nicht in Schwierigkeiten war: Bei meinem ersten richtigen Erfolg "Lockere Geschäfte" war ich nur ein Teenie-Phänomen, das sich dringend beweisen musste. "Lockere Geschäfte" ist jetzt 25 Jahre her. Seitdem soll ich mich ständig beweisen. Und das ist gut so. Ansonsten spüre ich keinen Leistungsdruck. Alles, was ich tun kann, ist: rausgehen und meine Filme . . .

Okay, Mantra-Time again. Es wird langsam klar, wie Cruise funktioniert: Jedes Problem, jede Herausforderung wird mit ein, zwei Gedankenschritten auf ein Mantra zurückgeführt. Wenn eines zehnmal auftaucht in 45 Minuten, wie oft spukt es wohl täglich durch seinem Kopf? So spinnt er sich ein in seiner Innenwelt, fokussiert sich, bleibt auf Kurs, egal was sonst passiert. Wenn das eine Scientology-Technik ist, funktioniert sie: 2,78 Milliarden Dollar weltweite Kasseneinnahmen, die direkt mit seinem Namen verknüpft sind, sprechen ihre eigene Sprache.

SZ: Haben Sie überhaupt manchmal Zweifel an sich?

Cruise: Ich rede lieber von Herausforderungen. Aber man zahlt einen Preis dafür, so lange Zeit so konstant erfolgreich zu sein. Jeder kommentiert jeden deiner Schritte und weiß es im Zweifelsfall besser. Meistens kann ich die Kommentare, die kommen werden, vorher schon selber schreiben, so durchschaubar ist das Spiel. Manchmal allerdings auch nicht. Manchmal steht irgendwo ein Quatsch, wo ich sage: Wow! No way. Da wäre ich jetzt nie draufgekommen.

Hier ein lautes, forciertes Lachen. Den schlimmsten Wahnsinn weglachen. Wie zum Beispiel den Fall, als Cruise nachweisbar einen Witz darüber gemacht hatte, dass er nach der Geburt seiner Tochter die Plazenta essen werde, und diese Nachricht dann völlig humorfrei als "ekliges Scientology-Ritual" um die Welt ging. Was tun? Nichts. Ein bisschen zu laut weglachen. Auch hier wieder meint man für eine Sekunde, Schmerz zu spüren. Also doch ein Mensch. Aber auch das triggert sofort wieder ein neues Mantra - das Mantra gegen Selbstmitleid.

Cruise: Ich fühle mich privilegiert, das Leben zu leben, das ich nun schon so viele Jahre leben darf. Ich habe da sehr viel Glück gehabt. Ich habe eine wunderbare Familie. Ich kann etwas tun, das ich leidenschaftlich gern tue, ich kann etwas bewegen. Die Werte, an die ich persönlich glaube, haben sich nie verändert. Ich will mein Bestes geben, mein Leben leben, hilfreich sein, gütig sein, die Menschen verstehen, das Leben verstehen. So sehe ich den Weg eines Künstlers - oder, schätze ich, den Weg eigentlich jedes menschlichen Wesens.

Wenn man in diesem Moment mit Goethe käme, edel sei der Mensch, hilfreich und gut - Cruise würde das nicht ironisch verstehen. Er würde ein mentale Notiz machen: Check out this Goethe guy. Noch so ein potentieller Verbündeter. Aber Goethe muss nun wirklich nicht sein. Was sein muss, ist noch eine Scientology-Frage, grobschlächtig und durchschaubar an den Kontext des Films angeflanscht.

SZ: Stauffenbergs Tat war entscheidend durch seinen katholischen Glauben motiviert. Sind Sie entscheidend durch Scientology motiviert?

Ein tiefes, langsames Ausatmen. Hier atmet nicht mehr Cruise 2006, bei dem hätte in diesem Moment alles Mögliche passieren können, brüllen, verstummen, thank you, dieses Interview ist zu Ende. Hier atmet Cruise 2008, der offenbar eine Lernkurve hinter sich hat. Der neue Cruise hat die PR-Desaster der Vergangenheit reflektiert und verarbeitet, interessanterweise in der Wir-Form.

Cruise: Zunächst einmal . . . wir sind da durch eine Phase hindurchgegangen, wo es nicht hilfreich war, über meine Religion zu reden. Jeder weiß wohl inzwischen, dass ich seit zwanzig Jahren bei Scientology bin, und dass ich sage, wie sehr mir das in meinem Leben hilft. Nur: Wenn ich weiter darüber rede, sieht es so als, als wolle ich missionieren. Rede ich aber nicht darüber, heißt es, ich verheimliche es und weiche aus. Also . . . Ich bin kein Werbeträger für irgendwas. Ich bin Schauspieler. Wenn also jemand etwas über Scientology wissen will: Gehen Sie ins Internet, gehen Sie in die Kirche, finden Sie es für sich selbst heraus. Hier möchte ich über den Film reden.