Interview mit Schauspieler Jürgen Vogel Wer wären Sie unter Hitler gewesen, Herr Vogel?

Jürgen Vogel über Verführbarkeit durch Macht, die gefährliche Desillusionierung der Jugend und warum es schlimmeres gibt, als mit seinem neuen Film "Die Welle" von Politiklehrern zerpflückt zu werden.

Interview: Thorsten Denkler, Berlin

In seinem neuen Film "Die Welle" spielt Jürgen Vogel den Gymnasiallehrer Rainer Wenger, der seinen Schüler innerhalb einer Woche zu überzeugten Mitläufern einer Diktatur macht. Der Film basiert auf einem Experiment des Geschichtslehrers Ron Jones, das er im Herbst 1967 an der kalifornischen Cubberley High School durchführte. Jones wollte seinen Schülern zeigen, wie schnell die Menchanismen einer Autokratie greifen. Nach fünf Tagen musste er das Experiment abbrechen - die Mitglieder der "third wave" hatten andere Schüler verprügelt, die bei dem Experiment nicht mitmachen wollten. "Die Welle" kommt am 13. März in die Kinos.

Jürgen Vogel als Lehrer Wenger in "Die Welle".

(Foto: Foto: constantin-film)

sueddeutsche.de: Herr Vogel, wer wären Sie gewesen unter Adolf Hitler?

Jürgen Vogel: (lacht) Das kann niemand ernsthaft beantworten. Die Frage fordert ja heraus, dass man auf jeden Fall sagt, ich wäre ein Widerstandskämpfer gewesen - was einfach verlogen wäre. Wir können uns alle nicht vorstellen, wie es damals gewesen ist.

sueddeutsche.de: Es kann sich also niemand hinstellen und sagen, ich hätte da nicht mitgemacht?

Vogel: Ich sage es mal so: Man muss immer berücksichtigen, in welcher sozialen Struktur man gerade lebt und wie desillusionierend die Zukunft ist, die vor einem steht. Wenn ich kurz nach der Wende in Hoyerswerda gelebt hätte, als dort ringsherum alles zusammengebrochen ist, ich weiß nicht, ob ich da als Jugendlicher nicht auch 'ne Glatze geworden wäre.

sueddeutsche.de: Woran liegt das?

Vogel: Wir reden das ja immer so schön und sagen, so schlimm ist es ja alles gar nicht. Aber es gibt für viele einfach nicht genug Arbeitsplätze, geschweige denn für Jugendliche eine optimale Ausbildungsperspektive, die ihnen eine Karriere ermöglicht. Das alles, diese Desillusionierung kann dazu führen, dass manche nicht so stabil sind. Da darf man sich gar nichts vormachen.

sueddeutsche.de: In ihrem neuen Film spielen Sie einen Lehrer, den mächtigen Führer der "Welle". Hat das Gefühl der Macht auch Spaß gemacht?

Vogel: Es gibt ja den Sexappeal der Macht, ganz klar. Mir war natürlich schon bewusst, dass da alle ihre Rolle spielen. Aber niemand kann sich dem Sexappeal entziehen, den Macht ausstrahlt. Ich bin davon auch nicht frei.

sueddeutsche.de: Der Außenminister und SPD-Vize Frank-Walter Steinmeier lobte "Die Welle" als einen sehr politischen Film. Stimmen Sie zu?

Vogel: "Der freie Wille", den ich gedreht habe, ist für mich ein hochpolitischer Film, ohne dass er als politisch-pädagogische Inszenierung daherkommt. Das ist auch bei "Die Welle" so. Ja, der Film ist politisch, weil er eine Haltung hat.

sueddeutsche.de: Der Film ist ja im Grunde ein Remake. Mussten Sie überzeugt werden, da mitzumachen?

Vogel: Die erste Verfilmung ist nur 45 Minuten lang und genau für eine Schulstunde gemacht. Wir wollten aber keinen Schulfilm machen, sondern einen richtigen Kinofilm. Allein das ist doch schon Motivation genug.

sueddeutsche.de: Generationen von Schülern haben die Buchvorlage im Unterricht gelesen. Der Film hat auch durchaus pädagogische Sequenzen. Läuft "Die Welle" nicht Gefahr, die nächsten dreißig Jahre von Politiklehrern auseinandergepflückt zu werden?

Vogel: Ich weiß nicht genau, welche Filme in Schulbibliotheken aufgenommen werden. Da bin ich nicht gerade Fachmann. Das kann passieren. Aber ehrlich gesagt, es gibt doch Schlimmeres! (lacht)