Interview mit Michel Gondry zu "Abgedreht" "Es geht um Widerstand gegen das System"

Eigentlich wollte Michel Gondry einen Film über Jazz drehen. Im Interview erzählt er, warum aus "Abgedreht" dann doch eine Hommage an den Dilettantismus wurde und die wahren Helden von der Straße kommen.

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Er wirkt gut aufgehoben in einem Fünf-Sterne-Hotel, in einer Suite vollgestopft mit falschen Antiquitäten. Wie der Bewohner einer anderen Welt - anderer Welten und Zeiten, besser gesagt.

SZ: Sie haben einen anarchistischen Film über eine heruntergerockte Kleinstadt gemacht, in der ein paar Freaks sich zu Filmhelden machen.

Michel Gondry: Anarchistisch? Finden Sie? Das freut mich. Ich habe zwar keine Ahnung, wie man Anarchie definiert, aber es geht mir definitiv um Widerstand gegen das System. Es geht um Leute, die das System des Konsumierens hinter sich lassen und für ihre eigene Unterhaltung sorgen. Statt ihr Geld denen zu geben, die sowieso schon reich sind, behalten sie ihren Reichtum für sich.

SZ: Im Film besteht dieser Reichtum vor allem in blühender Phantasie. Ein paar Dilettanten drehen da mit den Nachbarn ihre Lieblingsfilme nach. Sind diese Geschichten spontan am Set entstanden?

Gondry: Naja, sie waren geplant, aber haben sich organisch weiterentwickelt. Ich wollte einen Film über Fats Waller machen, einen der größten Jazz-Musiker. Mir war das wichtig, weil Jazz Volksmusik war, Musik aus den Communities. Sie ist im Widerstand zu einem System entstanden, das die Leute, die sie machten, marginalisierte. Die Gesellschaft hatte nichts übrig für sie, also müssen sie für ihre eigene Unterhaltung sorgen.

SZ: Klingt ziemlich sozialkritisch.

Gondry: War es auch. Jazzmusiker haben keine klassische Musik mehr gemacht, um die Eliten zu unterhalten. Sie haben Rent-Partys veranstaltet, für die sie ein Klavier in eine Wohnung schleppten. Dem Mieter haben sie einen Dollar bezahlt und dann einen Wettbewerb veranstaltet. Da sind wahnsinnig begabte Leute aufgetreten, die besten ihrer Zeit. Sie sind auch durch diese Partys so gut geworden.

SZ: Sie verschränken im Film die Historie mit der Fiktion und eine durchaus ernst gemeinte Dokumentation mit einer turbulenten Komödie. Ist das nicht ein etwas gewollter Spagat?

Gondry: Finde ich nicht. Natürlich ist "Be Kind Rewind" eine Komödie und ich nehme mich nicht so besonders ernst. Ich bin ja nicht der Typ, der sagt: So oder so sollte die Gesellschaft funktionieren. Aber je älter ich werde, desto mehr möchte ich meine Privilegien als Filmemacher nutzen, über Dinge zu reden, die in der Gesellschaft verbessert werden könnten.

SZ: In "Be Kind Rewind" schlagen Sie vor, dass die Menschen sich nicht nur berieseln lassen, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Gondry: Die wahren Helden, das sind für mich sowieso die Kids von der Straße. Ich liebe Orte in Transformation, an denen alles möglich ist. Passaic, die Heimat von Fats Waller, ist so ein Ort: eine Industriestadt, der die Industrie weggelaufen ist. Es gibt viele verlassene Ecken, zugemüllte Brachen, Schrottplätze. Sie haben mich inspiriert. Und als wir dann angefangen haben zu drehen, standen plötzlich diese Leute am Straßenrand. Lauter Kids, die, naja, bisschen seltsam aussahen, ziemlich arm. Ich wollte, dass sie vor die Kamera kommen.

SZ: So eine Art Feldversuch also?

Gondry: Das ist so gewachsen. Am Anfang haben wir mit zwei Leuten gedreht, dann mit drei, so ging es immer weiter. Die Hälfte der Leute, die man da sieht, sind Leute aus der Stadt. Sie sind Teil des Films geworden, das hat eine unglaubliche Energie freigesetzt. Irgendwann waren es so viele, dass wir sie nicht mehr ins Bild nehmen konnten, also haben wir ihnen gesagt, sie sollen auf die andere Straßenseite gehen. Trotzdem sind sie Teil der Geschichte geblieben und waren total euphorisch. Am Ende haben wir die Kamera dann umgedreht und auf die Gesichter der Kids gerichtet, die mit großen Augen vor der Leinwand saßen und gar nicht glauben konnten, dass sie das, was das lief, selbst produziert haben.

SZ: "Be Kind Rewind" erzählt nicht nur vom Aufstand eines Stadtteils, sondern auch von einer sterbenden Welt.

Gondry: Es ist auch meine eigene Welt. So ein altmodischer, umständlicher Video-Verleih steht für ein ganzes Community-System, das untergeht. Ich habe früher Stunden in solchen Läden rumgehangen, bis ich mich entscheiden konnte, welches Video ich gucken will. Da gab es einen kleinen Fernseher in der Ecke, wo man sich den Film anschauen und sich dann mit anderen darüber unterhalten konnte. Jetzt gibt es das Internet, die Leute müssen gar nicht mehr rausgehen, sie können sich alles nach Hause liefern lassen: ihr Essen, ihre Filme, ihre Träume. Das tötet das Sozialleben und macht unsere Straßen kälter und vielleicht auch gefährlicher.