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Interview mit Malcolm McDowell:"Ich habe nichts dagegen, wenn man mich nicht mag"

Schauspieler Malcolm McDowell spricht über Zorn, seine Rolle als jugendlicher Gewalttäter in "Clockwork Orange" und den ahnungslosen Stanley Kubrick.

Sonst regnet es ja nie im südlichen Kalifornien, aber heute gießt es. Die Stadt und Land zudeckende Weihnachtsdekoration wirkt deshalb gleich noch trostloser. Die Südkalifornier aber sind froh und glücklich über den Regen. Das ganze Jahr war zu trocken, ständig hat es gebrannt, Buschfeuer, Gerölllawinen, versperrte Straßen. Malcolm McDowell wohnt in einem Haus in den Bergen, weit weg von Hollywood und vom Strand von Malibu. Sein Wohnzimmer ist ein riesiger Raum, der bis unters Dach mit amerikanischer Volkskunst vollgestellt ist. In der Ecke steht eine Kiste mit dem Gesamtwerk von Stanley Kubrick auf DVD. Baby Finn kriecht noch auf dem Boden, der dreijährige Beckett spielt mit allem, was ihm in die Hände fällt, während im Fernseher ein Mickey-Mouse-Film läuft. Malcolm McDowell präsidiert als stolzer Familienvater.

Malcolm McDowell 2004 beim American Film Festival in Deauville.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Mr. McDowell, darf ich gleich mit einer ganz fürchterlichen Schmeichelei beginnen: Heute Nacht im Flugzeug hatte jemand auf seinem Laptop eine DVD laufen. Als ich aufschaue, sehe ich - Sie.

Malcolm McDowell: Was war das, ein alter Film?

SZ: Ich habe den Nachbarn gefragt, es war eine Serie mit dem Titel "Entourage".

McDowell: Ja, die ist gut. Eine Serie über Hollywood, produziert von Mark Wahlberg.

SZ: Es sind diese blauen Augen, dieser Blick, diese Bewegungen. Man erkennt Sie immer.

McDowell: Ich weiß nicht, was Sie meinen, wenn Sie von diesem Blick sprechen. Paul Newman erzählte einmal, es sei sein größter Albtraum, dass er morgens in den Spiegel schaut, und seine Augen sind nicht mehr blau.

SZ: Ihre stechenden Augen müssen Stanley Kubrick fasziniert haben.

McDowell: Seine Witwe Christiane wusste noch, wie Kubrick in seinem Projektionsraum "If... sah, meinen ersten Film. Ich hatte meinen Auftritt mit Hut, dem Schal vorm Gesicht, dem Schnurrbart, und er sagte zu Christiane: "Lass das noch mal laufen, wir haben unsern Alex." Er war so glücklich.

SZ: Sie haben damit immerhin Mick Jagger ausgestochen.

McDowell: Ich weiß, die Rolling Stones hatten "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess gekauft und wollten es selber verfilmen.

SZ: Anthony Burgess jammerte immer, dass er nur fünfhundert Pfund dafür bekommen hätte.

McDowell: Burgess war einer der größten Lügner.

SZ: Aber das war doch das Tolle an ihm!

McDowell: Burgess war natürlich auch einer der größten Geschichtenerzähler. Ich habe ihn geliebt. Wie könnte ich nicht - er schrieb mir eine der besten Rollen der ganzen Filmgeschichte.

SZ: Sie hatten gar keine richtige Ausbildung als Schauspieler.

McDowell: Nein, ich wollte nur einer sein. Die anderen schwärmten von ihrem Shakespeare, und ich sagte nur: "Ich will ins Kino."

SZ: Immer schon?

McDowell: Seit ich im "Odeon" in der Lime Street in Liverpool "Samstagnacht bis Sonntag- morgen" mit Albert Finney sah. Da wusste ich: Das kann ich auch!

SZ: In Liverpool? Ich dachte, Sie kommen aus Leeds?

McDowell: Da bin ich nur geboren. Mein Vater war in der Royal Air Force, und wir sind viel umgezogen, aber in Liverpool bin ich aufgewachsen.

SZ: Als die Beatles noch dort spielten?

McDowell: Ja, und ich habe sie gesehen, ehe sie berühmt waren. Ich bin Woche für Woche in den Cavern Club gegangen, um sie zu hören.

SZ: Spürte man da schon die Kraft, die von ihnen ausging?

McDowell: Man merkte die ungeheure Energie der Band, vor allem bei John Lennon.

SZ: Wo kam diese Energie her, diese Aggression, die auch in Ihren Filmen steckt?

McDowell: Ich komme aus dem Norden Englands. In England gilt alles jenseits von London als unzivilisiert. Liverpool ist nicht bloß Provinz, sondern gilt als barbarisch. Es war sehr schwer, sich in die festgefügte englische Klassengesellschaft hineinzudrängen, sich durchzusetzen gegen das Establishment. Das Establishment wollte alles so haben wie vor dem Krieg. Im Unterschied zu damals aber war England inzwischen bankrott, ein absolut trostloses Land. Die Stimmen des Widerstands meldeten sich im neuen Theater, im Film, in der Musik. Ein Schauspieler wie Albert Finney - ohne ihn hätte es mich nicht gegeben - verkörperte diesen Widerstand. Ein Regisseur wie Lindsay Anderson, der in Oxford gewesen war, wurde nicht ernstgenommen, weil er aufforderte, sich John Fords Western anzuschauen und erklärte: John Ford ist unser Picasso.

SZ: Lindsay Anderson war Ihr erster Regisseur. Ich dachte, Sie würden nicht gern über Ihre frühen Filme reden.

McDowell: Das stimmt nicht. Man kann die Geschichte doch nicht umschreiben. Lindsay hasste dieses angelsächsische, südliche, ahnungslose, besserwisserische Establishment, und ich habe viel von diesem Widerwillen gegen das emotional bankrotte Establishment übernommen. Da, schauen Sie mal, ein Kojote!

SZ: Wo?

McDowell: Da draußen vor dem Fenster! Kelley, hol schnell Beckett, da ist ein Kojote!

SZ: Malcolm McDowell springt zum Fenster.

McDowell: Jetzt ist er weg.

SZ: Der dreijährige Beckett erscheint.

McDowell: Da, da hinten ist er! Hast du ihn gesehen? Schwupp und weg. Wozu habe ich eigentlich eine Mauer ums Haus?

SZ: Wie groß ist Ihr Grundstück?

McDowell: 35 Hektar, der ganze Hügel, der Berg gehört dazu.

SZ: Und was wächst da?

McDowell: Orangen und Avocados.

SZ: Bewirtschaften Sie das selber?

McDowell: Nein, das macht eine Firma. Ich verliere jedes Jahr unglaublich viel Geld dabei, aber nach amerikanischen Begriffen bin ich ein Rancher. Es hat was Besonderes, wenn man sein eigenes Obst zieht. Ich glaube, ich habe meine erste Avocado erst mit 24 gegessen.

SZ: In seinem Film "It's a Gift" von 1934 träumt der Komiker W.C. Fields von einer Orangenplantage in Kalifornien und geht beinah pleite.

McDowell: Das Schönste daran ist, dass es dem Bild sehr nahekommt, das Los Angeles zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgab. Damals wuchsen links und rechts vom Sunset Boulevard noch Orangenhaine. Mir gefällt diese Periode, ich lese gern die Geschichten über die Pioniere, die nach Los Angeles kamen, und wie es in den 1910er und 1920er Jahren in Kalifornien war.

SZ: Beckett blitzt den Besucher mit einer Instantkamera.

McDowell: Sehen Sie, Beckett trägt ein Seepferdchen auf dem Hemd. Das war das Abzeichen meiner alten Schule in England.

SZ: Sie sind nach Amerika ausgewandert, aber jetzt werden Sie doch nostalgisch. Ich dachte, Sie müssten Ihre Schule wie in "If..." hassen.

McDowell: Das hatte nichts mit der Schule, sondern mehr mit einem Vater zu tun, der Alkoholiker war. "If..." war mein wichtigster Film, "Clockwork Orange" eingeschlossen.

SZ: Der Film hat eine ungeheure Kraft. Es wirkt wie zwangsläufig, dass die Schüler am Schluss auf ihre sadistischen Lehrer schießen, und als Zuschauer ist man begeistert dabei.

McDowell: Der Film ist nicht realistisch, sondern eine Phantasie. In Amerika haben sie das zu wörtlich genommen, und es endete in Columbine.

SZ: Und dieser Zorn, diese Aggression bei Alex - wo kommt das her?

McDowell: Das ist Schauspielerei. Ich weiß nicht, wo ich dieses Selbstbewusstsein hernahm, aber ich hatte immer großes Selbstvertrauen. Ich weiß noch, welchen Spaß es mir machte, den einen Regisseur gegen den anderen auszuspielen. Zu Kubrick sagte ich: "Lindsay würde das niemals so machen." Und Kubrick: "Wie würde er es machen?"

SZ: Das hat sich der weltberühmte Kubrick gefallen lassen?

McDowell: Ja.

Auf der nächsten Seite: Wie Malcom McDowell einen Serienmörder in der Ukraine spielt, der kleine Kinder isst.

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