Interview mit Liselotte Pulver "Ich war immer nur der Seitensprung"

Bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1999 wurde Liselotte Pulver für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

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SZ: Und vom Liebeskummer haben Sie sich auch nicht kleinkriegen lassen?

Pulver: Nein, aus Protest habe ich dann gearbeitet wie ein Berserker. Also ein bisschen Selbstvernichtung. Aber immer im Auge dabei gehabt, Erfolg zu haben. Denn ich wollte immer ganz rauf.

SZ: Wie waren denn die 50er? Waren sie so harmlos wie die Filme?

Pulver: Na, brav waren sie nicht. Ich hatte auch ein paar eindeutige Angebote. Also das hat es schon gegeben, die Mädchen und die Produzenten, die sich ihrer bedienten. Mein Produzent hat mich hingegen immer bloß aufgezogen mit meiner Unschuld.

SZ: Sie wollten allerdings trotzdem nach England, nach Frankreich, nach Hollywood!

Pulver: Ja, ich wollte, aber ich musste nicht. Weil ich ja immer unter Vertrag war. Ich hatte es also nicht nötig, im Ausland zu drehen. Aber im Endeffekt war ich wohl nicht intelligent genug, gewisse Prioritäten zu setzen.

SZ: Angst, den Anschluss zu verlieren?

Pulver: Vielleicht. Ich musste einfach arbeiten, ich habe es nicht ausgehalten alleine zu Hause. Oder überhaupt zu Hause zu sitzen und nichts zu tun.

SZ: Warum haben die Deutschen Sie bis 1967 so konsequent komisch - die Franzosen und die Amerikaner hingegen in ernsten Rollen besetzt?

Pulver: Ja, in Frankreich haben sie mich oft ernst besetzt. Aber nicht meinetwegen, sondern, weil sie einen berühmten Namen für den deutschen Markt brauchten. Dann haben sie geschaut, wer ist gerade oben und haben mich genommen: Die kann das auch spielen.

SZ: Ziemlich desillusionierend.

Pulver: Nein, das war ganz gut so. Das nennt man Marktwert. Die anderen konnten ja kein Französisch - bis auf die Schell und die Knef.

SZ: Ist Ihnen das denn so gesagt worden?

Pulver: Nein. Das wusste ich. Das war mir egal. Ich hab' mir gesagt: Wenn das ein Erfolg wird, komme ich damit auch rauf.

SZ: Trotzdem haben Sie Rückschläge hinnehmen müssen. Sowohl für die Hauptrolle von "Ben Hur" als auch für "El Cid" sind Sie ja dann nicht aus Ihren Verträgen gekommen.

Pulver: Das waren absolute Keulenschläge, kann man sagen! Nach denen steht man nicht so leicht wieder auf.

SZ: Kommt da der Humor ins Spiel?

Pulver: Nein. Später, viel später. Über die Sache mit "Ben Hur" kann ich bis heute nicht lachen, weil ich auch noch selbst schuld war: Wenn ich mich in einer Produktion mit der zweiten Rolle begnügt hätte, wäre Zeit gewesen für "Ben Hur". Stattdessen sagte ich: Nein! Ich spiele die Hauptrolle! So blöd war ich!

SZ: "Eins, zwei, drei" von Billy Wilder war zunächst auch eine Pleite, weil die Mauer während der Dreharbeiten gebaut wurde. Keiner konnte mehr über die Teilung lachen.

Pulver: Das war später ein großer Erfolg. Bis heute einer meiner besten Filme. Obwohl ich nur eine Nebenrolle gespielt habe. Aber ich bin drin gewesen!

SZ: Sie spielen die hinreißende Karikatur einer blonden Sekretärin.

Pulver: Übertreiben, das habe ich einfach am liebsten. Aber das alles habe ich Wilder nur nachgespielt. Er hat immer alles vorgespielt . . . Nein, ich darf mich insgesamt wirklich nicht beklagen.

SZ: Gestatten Sie mir noch ein Wort zu Ihrem berühmten Lachen?

Pulver: Ja, ich weiß schon: etwas zu laut und sehr impulsiv. Und oft über Dinge, die andere nur mäßig komisch finden.

SZ: Hat Ihnen je ein Mann gesagt: Lach doch nicht so laut!

Pulver: Ja, ein Regisseur. In einer Serie, die hieß "Drunter und Drüber". Der Regisseur war Georg Dressler. Der hat mir gleich zu Anfang gesagt: "Lach' nicht immer, Liselotte, lach' nicht!"

SZ: Haben Sie sich dran gehalten?

Pulver: Leider. Prompt war ich auch nicht gut. Das ist nun mal mein Ausdruck, ich rede ja auch so, dass ich gleich lachen könnte. Weil ich mir das verboten habe, war ich nur noch ernst - und ganz schlecht.

SZ: Über einen langjährigen Lebenspartner haben Sie mal geschrieben: Er konnte nur eineinhalb Sprachen, fuhr einen VWKäfer und hatte gerade das Studium abgebrochen . . .

Pulver: Ja.

SZ: . . . aber er konnte wahnsinnig witzig sein. Kommt es am Ende darauf an, dass die Männer die Frauen zum Lachen bringen?

Pulver: Ja! Derselbe Humor! Wenn ich irgendwas gesagt habe, hat er immer gewusst, was dahintersteckt. Wir haben so viel gelacht.

SZ: Das klingt, als hätten Sie die Männer mehr zum Lachen gebracht als die Männer Sie. Stimmt das, Frau Pulver?

Pulver: Ja, das kann sein.

Liselotte Pulver, Jahrgang 1929, gehörte seit den 50ern zu den großen Stars des deutschen Films. Komödien wie "Ich denke oft an Piroschka", "Das Wirtshaus im Spessart" oder "Kohlhiesels Töchter" machten die Schweizerin berühmt. Sie wirkte in mehr als 60 Produktionen mit und spielte auch Hauptrollen in ausländischen Produktionen, so in Douglas Sirks "Zeit zu leben, Zeit zu sterben" und vielen französischen Filmen. Liselotte Pulver lebt am Genfer See. Seit 1961 war sie mit dem Schauspieler Helmut Schmid verheiratet, der 1992 starb und mit dem sie zwei Kinder hatte. Ihr Sohn Tell lebt mit seiner Familie nahe Genf. Ihre Tochter Mélisande stürzte 1989 mit 21 unter ungeklärten Umständen vom Berner Münster. Die beiden Autobiographien Liselotte Pulvers sind bei Langen Müller in München erschienen.