Interview mit Liselotte Pulver "Ich war immer nur der Seitensprung"

Dietmar Schönherr, Liselotte Pulver und Mario Adorf (von links) bei der Preisverleihung der Goldenen Kamera in Berlin 2002.

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SZ: Wie finden Sie den Vergleich, der immer wieder kommt: die deutsche Doris Day?

Pulver: Ein Kompliment. Eine hervorragende Schauspielerin, die ja auch hinreißend singt. Und sie sieht gut aus.

SZ: Doris Day war sicherlich die amerikanische Schauspielerin, die am meisten für Züchtigkeit stand.

Pulver: Kann sein, aber sie war auch an erster Stelle, was die Beliebtheit angeht. Daran sieht man doch, dass das ganze Sextheater überhaupt keine Rolle spielt!

SZ: Sie meinen in den prüden Fünfzigern?

Pulver: Immer. Auch heute. Die Leute wollen das in Wirklichkeit nicht. Sie wollen sich amüsieren, sie wollen sich schon angezogen fühlen von einem Mann, sie wollen sich auch was dabei denken . . .

SZ: Aber?

Pulver: Aber sie wollen nicht unbedingt nackte Frauen und nackte Männer sehen, sie wollen eben: interessiert sein. Mein Lehrer Paul Kalbeck hat mal gesagt: Ein Schauspieler muss weder gut noch schlecht sein. Er muss interessieren!

SZ: Sie wiederum haben gesagt: Ich konnte gar nicht spielen. Ich war nur Liebling.

Pulver: Ach, das habe ich nur zitiert. Das hat mal ein Wiener Burgschauspieler gesagt. Ich weiß leider nicht mehr, wer.

SZ: Was hat Sie zum Liebling gemacht?

Pulver: Die Leute haben sich dafür interessiert, wen ich als nächstes spiele. Ich konnte mich verwandeln, aber dahinter steckte immer die Pulver. Die Leute haben sich gefragt: Was macht sie jetzt?

SZ: Am kommenden Donnerstag wird Ihnen, wie wir gerade erfahren haben, die "Goldene Kamera" für Ihr Lebenswerk überreicht . . .

Pulver: . . . ich freue mich wahnsinnig darüber! Das ist ja auch eine Bestätigung dafür, dass die Menschen mich nicht vergessen haben, obwohl ich in den letzten Jahren nicht mehr gespielt habe.

SZ: Es beweist auch, dass Sie einer der großen Stars des deutschen Nachkriegsfilms waren. Glauben Sie, dass Sie Ihre Heiterkeit auch deshalb so unbeschwert verbreiten konnten? Weil Sie aus der Schweiz kamen?

Pulver: Das hat vor allem damit zu tun, dass die Filme, die ich eine Zeitlang gedreht habe, Kassenerfolge waren. Wenn Kurt Hoffmann nicht gewesen wäre, hätte ich ein gutes Dutzend von diesen Kassenfilmen nicht gemacht - und die Leute hätten sich nicht an mich erinnert.

SZ: Aber Sie waren die Richtige.

Pulver: Das hat Kurt Hoffmann herausgefunden. Das ist nun mal Glück, wenn man an so einen Mann gerät.

SZ: Sie haben mit keinem Mann so viele Filme gemacht wie mit ihm. Was hat da so gut funktioniert?

Pulver: Wir haben über dieselben Dinge gelacht. Wir haben viel improvisiert, und er hat mich machen lassen. Das war ähnlich wie mit Helmut Käutner. Der hat auch wahnsinnig gelacht über meine Einfälle.

SZ: Hoffmann ist vorgeworfen worden, alles in einer heilen Welt zu belassen.

Pulver: Aber das war damals beim Film immer so. Heute macht man das Gegenteil. Man muss den Alltag zeigen, alles naturalistisch bis ins kleinste Detail vorführen. Aber das ist falsch. Man muss nicht zeigen, wie es ist - man muss es stattdessen veredeln. Oder idealisieren.

SZ: Stehen Sie auch für so eine eher harmonische, idealisierte Welt?

Pulver: Auf jeden Fall!

SZ: Hing es also doch damit zusammen, dass Sie aus einer vergleichsweise heilen Welt wie der Schweiz kamen?

Pulver: Kann sein. Vielleicht war ich wirklich unbefangen, oder nicht belastet. Und das konnte ich übertragen. Und die Leute wollten das haben, sie wollten nicht erinnert werden.

SZ: Ein Heiterkeitsimport. Wie war das dann, von Bern fünf Jahre nach Kriegsende nach Deutschland zu kommen?

Pulver: Merkwürdig. Im März 1950 war München ein einziges Trümmerfeld. Ich wohnte im Hotel Regina - und das hatte kein Dach mehr.

SZ: Der Rest der Welt hielt diese Gegend für das Reich des Bösen. Und Sie sollten die Leute dort zum Lachen bringen?

Pulver: Ich hatte überhaupt keine Beziehung dazu. Das hat mich manchmal sogar geärgert, dass Freunde gesagt haben: "Warum gehst du nach Deutschland? Warum gehst du nicht nach Frankreich?" Für mich war das zu Ende. Das ist meine Sprache! Und das ist deutsche Kultur. Und das sind deutsche Stücke, die ich spiele. Fertig. Außerdem waren die Leute in Deutschland irrsinnig nett, die haben mich behandelt wie eine Königin.

Lesen Sie im nächsten Teil, was Liselotte Pulvers Rezept gegen Liebeskummer ist und welche Hauptrollen sie gerne gespielt hätte.